Vor den Sommerferien fand an der ZHAW ein Anlass statt unter dem Titel «Gemeinschaft leben – Wege aus der sozialen Insolation.» Dabei wurden zwei innovative, nachahmenswerte Projekte vorgestellt.
In einem Einführungsreferat betonte Franzisca Domeisen Benedetti, wie wichtig gemeinsame Projekte zur Überwindung von Einsamkeit sind. Einsamkeit ist oft schambehaftet und schmerzhaft, kann mit frühzeitiger Sterblichkeit einhergehen, kann die Entwicklung von Demenz begünstigen und betrübt meistens auch Angehörige. Im Alter kann Einsamkeit stärker hervortreten als in anderen Altersphasen, wenn das soziale und familiäre Netz sich verändert, Rollen aufgegeben werden, physische oder psychische Einschränkungen auftreten, die Belastbarkeit abnimmt, Armut den Lebensalltag einschränkt oder sich die Lebensperspektive verdüstert.
Dr. Franzisca Domeisen Benedetti, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Forschung & Entwicklung Pflege, ZHAW Gesundheit (Foto bs)
Ältere unternehmen selbst sehr viel, um nicht in die Einsamkeitsfalle zu tappen, aber es gibt auch zahlreiche öffentliche Massnahmen gegen die Einsamkeit. So gibt es eine UNO-Dekade für gesundes Altern (2021 – 2030). Die WHO-Initiative für altersfreundliche Städte und Gemeinden wird in vielen Staaten umgesetzt. In der Schweiz gibt es zahlreiche Initiativen auf kantonaler Ebene, etwa die kantonalen Aktionsprogramme der Gesundheitsförderung Schweiz «Einsamkeit hat viele Gesichter». Pro Senectute hat viele Angebote gegen Einsamkeit im Alter. Im Dezember 2023 wurde der Verein «connect!» gegründet mit dem Zweck der Prävention von Einsamkeit und der Linderung von negativen individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Einsamkeit in der Schweiz. Auf Gemeindeebene haben wir eine lebhafte Vereinskultur und viele Aktivitäten von kleinen Gruppen und Freiwilligen. Auch die Spitex ist sensibilisiert für die Einsamkeitsproblematik und als Türöffner und Brückenbauer für Angebote zur Reduktion der Einsamkeit aktiv.
Inklusive Friedhöfe
Petra Köchli, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, ZHAW Life Sciences & Facility Management (Foto zVg.)
Petra Köchli präsentierte am Beispiel des Friedhofscafés unter der Linde im Friedental Luzern, dass Friedhöfe nicht nur Orte der Trauer sein müssen, sondern auch soziale Begegnungsräume sein können. Friedhöfe sind ruhige urbane Grünflächen, die aus der Sicht von Petra Köchli neu genutzt werden können, ohne die traditionellen Funktionen zu stören. Zunächst gab es kritische Stimmen, aber mittlerweile ist die Akzeptanz des Friedhofcafés gross (80% positiv, 5% neutral, 15% ablehnend).
Für die Freiwilligen ist das Betreiben des Cafés eine schöne, aber auch anspruchsvolle Aufgabe. Das Projekt wurde 2023 vom Arbeitskreis Feministische Theologie als Pilotprojekt initiiert und wird mittlerweile von über 60 Freiwilligen getragen.
Friedhofcafé unter der Linde im Friedental Luzern (Foto © Petra Köchle)
Sozialintegrative Gemeinschaftsgärten
Kleingärten, Schrebergärten oder Pünten als Erholungsraum in der Natur für Familien und zum Anbau von Obst, Gemüse und Zierpflanzen haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz, Deutschland und Österreich stark zugenommen. Oft wird das Land von der Gemeinde zur Verfügung gestellt und von Kleingärtnervereinen verwaltet und von den gärtnernden Familien oft sehr geschätzt.
Doris Tausenpfund, Leiterin der Forschungsgruppe Pflanzenverwendung, ZHAW Life Sciences & Facility Management (Foto bs)
Gemeinschaftsgärten sind eine neuere Entwicklung. Hier liegt der Schwerpunkt bei der sozialen Integration. Doris Tausendpfund hat mit ihrem Team in einem Forschungsprojekt Chancen und Herausforderungen solcher Gärten untersucht und davon Empfehlungen für die Gestaltung abgeleitet. Dabei wird das Leitbild ICH-WIR-ALLE umgesetzt:
Die ICH-Flächen sind zwischen 3 bis 20 Quadratmetern gross, werden von Paten (einzelne oder gemeinsam) bewirtschaftet und die Ernte gehört den Paten.
WIR-Flächen sind Flächen um den Sitzplatz und den Grill, werden von Paten und Interessierten bewirtschaftet und die Ernte ist für die Paten und Interessierten. Hier werden Ein- und mehrjährige Kräuter angepflanzt, Gemüse, Beeren und Obst für den Sofort-Verzehr oder als Grillbeilage.
Die Pflege der ALLE-Flächen erfolgt von den ICH-Flächenpaten als ihr Beitrag zur Gemeinschaft und von Interessierten aus dem Quartier in Form einer Pflanzen-Patenschaft. Die Ernte ist für alle aus dem Quartier.
Bei sozialintegrativen Gemeinschaftsgärten gibt es immer einiges zu diskutieren und zu entscheiden und es haben sich unterschiedliche Rollen herauskristallisiert:
- Die «Quartiergruppe» ist für die Rahmenbedingungen für ein gemeinsames Gärtnern zuständig, dessen Organisation und Weiterentwicklung.
- Ein «Gartenmeister» ist Ansprechperson und Koordinator vor Ort.
- «Flächenpaten» pflegen, bepflanzen und ernten auf einer ICH-Fläche. Sie leisten einen konkreten Beitrag für die Gemeinschaft und nehmen teil an Aktionstagen.
- «Aktive Interessierte» übernehmen konkrete Aufgaben für die Gemeinschaft, bewirtschaften aber keine ICH-Fläche.
- Weitere «Interessierte» beteiligen sich sporadisch.
Ein Gemeinschaftsgarten der Baugenossenschaft «mehr als wohnen» (Foto zVg.)
Es grünt und blüht bereits. Teilweise kann schon geerntet werden. (Foto zVg.)
Gelegentlich werden Workshops durchgeführt, an denen alle Bewohner teilnehmen können und an denen Gestaltungs- und Pflanzkonzepte erarbeitet werden. Zwischendurch entwickelt sich immer wieder mal spontan ein Gartendialog unter den Beteiligten oder man redet übers Gärtnern bei Quartiergruppen-Treffs und heckt allenfalls Aktionstage aus.
Umfragen haben ergeben, dass viele (WG’s, Familien, Einzelpersonen, Paare) bereit sind, sich an sozialintergrativen Gemeinschaftsgärten aktiv zu beteiligen, oft auch Bewohnende im Alter zwischen 20 und Mitte 60 mit einem Arbeitspensum von 80 – 100 Stellenprozenten.
Gerade in Zeiten des Klimawandels mit vielen Hitzetagen ist das Aufbrechen von asphaltierten Flächen und die Umwandlung in Gartenflächen in Überbauungen wünschenswert. Dabei werden Gefahren der Vereinzelung und des Aneinandervorbeilebens im Quartier durch ein gemeinsames Gartenprojekt verringert und ein freundschaftlicher Umgang gefördert.
Titelbild: Friedhofcafé im Friedental in Luzern (Foto © Petra Köchli)
Die Präsentationen zu den drei Referaten können eingesehen werden im Archiv Veranstaltungen Angewandte Gerontologie der ZHAW.

