Von Salzburg über die Alpen nach Grado an der Adria. Diese Radtour mit E-Bikes haben mein Kollege Christoph und ich im September 2024 absolviert (vgl. Bericht in Seniorweb). Dies mag ein Grund gewesen sein, weshalb wir uns heuer auf die Strecke Wien – Triest gewagt haben.
Fast auf die Minute genau fährt der Zug im Hauptbahnhof Wien ein. Bald darauf checken wir im Hotel ein. Den nächsten Tag verbringen wir in Österreichs charmanter Hauptstadt, besuchen den Prater, die Innere Stadt und lassen uns auf eine Sightseeing-Fahrt entführen.

Prater in Wien
Tag 1: Wien – Wiener Neustadt (ca. 61 km)
Nach dem Morgenessen fassen wir die beiden gemieteten E-Bikes der Marke KTM und machen uns auf, die Grossstadt Wien zu verlassen. Auf dem «Thermen-Radweg» fahren wir teilweise entlang von Kanälen, umgeben von viel Grün und Sonnenblumenfeldern. Wir erreichen den Bezirksort Baden und legen eine Pause am Fusse der mächtigen «Dreifaltigkeitssäule» ein.
Danach geht’s flott weiter, bis wir unser Etappenziel erreichen: Die Wiener Neustadt ist mit rund 50000 Einwohnerinnen und Einwohnern die zweitgrösste Stadt Niederösterreichs. Weil hier traditionell zahlreiche Rüstungsbetriebe angesiedelt waren, wurde die Stadt im Zweiten Weltkrieg praktisch vollständig zerstört. Umso erstaunlicher ist es, dass die Stadt kurz nach dem Krieg teilweise originalgetreu wieder aufgebaut wurde.

Landschaften, Flüsse, Wälder, Felder…
Tag 2: Wiener Neustadt – Bruck an der Mur (ca. 63 km plus Bahn)
Diese zweite Etappe lassen wir gemächlich angehen, indem wir uns wie weiland Sissi & Co. mit der Semmeringbahn bis nach Semmering chauffieren lassen. Wir schnuppern den Reiz der ersten normalspurigen Gebirgsbahn Europas, die 1854 eröffnet wurde. Seit 1998 gehört diese Strecke übrigens zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Von Semmering (950 m ü. M.) aus, wo wir uns warm anziehen müssen, führt die Route das Tal hinunter nach Mürzzuschlag, einer steirischen Kleinstadt, wo Johannes Brahms (1833-1897) seine vierte Symphonie komponierte und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 1946 geboren wurde. Abends erreichen wir die Stadt Bruck an der Mur, wo wir im Hotel «Landskron» am Fusse der gleichnamigen Burgruine nächtigen. Zuvor aber besichtigen wir das Stadtzentrum mit dem «Kornmesserhaus» und dem «Eisernen Brunnen». Dieser 400jährige Brunnen gilt als einer der künstlerisch wertvollsten schmiedeeisernen Brunnen der Steiermark.
Tag 3: Bruck an der Mur – Graz (ca. 62 km)
Gut geschlafen und verköstigt machen wir uns am Morgen auf, nach Graz zu radeln. Die Route verläuft auf dem gut ausgebauten und ausgeschilderten Murradweg, grösstenteils entlang des Flusses Mur. Uns gefällt unterwegs vor allem die liebliche Ortschaft Frohnleiten. Da verpflegen wir uns – es ist Montag – im einem kleinen Kleiderladen, der zum Glück auch eine Bistro-Ecke führt.

Graz mit dem Schlossberg und Uhrturm
Von nun an führt der Weg grösstenteils durch ländliche Gegenden und Wald; ab und zu sind es Naturwege, die wir befahren müssen. Besonders fasziniert sind wir unterwegs von der imposanten Burg Rabenstein unweit von Frohnleiten. Erbaut nach 1200 auf einem Felsen oberhalb der Mur, wurde sie nach einer wechselvollen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Gästehaus umgebaut. Heute wird sie, im Besitz der Steirischen Elektrizitätsgesellschaft, vor allem für kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Theater- und Konzertaufführungen genutzt.
Ganz bewusst haben wir die heutige Strecke zügig abgespuhlt, damit wir noch genügend Zeit finden, um die Landeshauptstadt Steiermarks und zweitgrösste Stadt des Landes zu erkunden. Selbstverständlich besichtigen wir bei prächtigem Spätsommerwetter den Schlossberg mit seinem 28 Meter hohen Uhrturm. Mit seinen im Durchschnitt über 5 Meter grossen Zifferblättern und den vergoldeten Zeigern gilt er als das unangefochtene Wahrzeichen von Graz. Von hier oben geniesst man einen prächtigen Ausblick über Dächer der Stadt. Von hier aus kann man auch auf das futuristisch anmutende alien-hafte Kunsthaus hinunterblicken. Danach, und nach dem Besuch des Glockenspiels, wo zur Freude der Touristen in luftiger Höhe dreimal täglich ein Marionetten-Paar in bunter Tracht ein Tänzchen aufführt, lassen wir den Abend in einem der zahlreichen Restaurants ausklingen.
Tag 4: Graz – Maribor (ca. 75 km)
Nach einer erholsamen Nacht im Hotel «Das Weitzer», seit über 100 Jahren zu den besten Adressen Graz’ gehörend, fahren wir durch idyllische Landschaften, bewältigen einige sanfte Anstiege und kommen an Badeseen vorbei. Immer wieder begegnen wir grossen Feldern mit goldgelben Kürbissen und durchfahren liebliche Ortschaften und fahren über eine längere Strecke entlang der Mur.
Einen kleinen Kulturschock erleben wir nach dem Grenzübertritt von Kärnten nach Slowenien bei Spielfeld: Von einem Moment auf den anderen fehlen die Radwege und -streifen, ebenso die Beschilderung. Umso vorsichtiger verfolgen wir unseren Weg. Zudem sind wir konfrontiert mit einer uns gänzlich fremden Sprache, der slowenischen. Immerhin begegnen wir in Maribor einer alten Bekannten, der Drau. Diesem Fluss sind wir zwei Jahre zuvor vom Tirol aus via Kärnten bis in die Steiermark gefolgt.
Maribor, die zweitgrösste Stadt von Slowenien und Kulturhaupstadt Europas im Jahre 2012, hat einiges an Kultur und Sehenswertem zu bieten. In den Gassen und Plätzen und an den Ufern der Drau reiht sich ein Strassencafé ans nächste. Unweit des Befreiungsdenkmals auf dem Platz der Befreiung, das einem überdimensionierten Helm ähnelt, finden wir unser Hotel. Abend kommen wir ungeplant noch in den Genuss eines eindrücklichen Open air-Konzerts einer A-capella-Männergruppe.
Tag 5: Maribor – Laško (ca. 90 km)
Weil es regnet und die Wetteraussichten für den ganzen Tag viel Regen verheissen, lassen wir uns mit der slowenischen Bahn nach Laško kutschieren. Schier endlose Maisfelder ziehen an uns vorüber, aber auch liebliche Landschaften. Wie wenn wir bestraft werden sollen für unsere memmenhafte Bequemlichkeit, schüttet es in Laško dermassen, dass wir auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Hotel Thermana völlig durchnässt werden…

Teilweise unwegsame «Radwege»
Tag 6: Laško – Ljubliana (ca. 100 km)
Am Morgen ist der Himmel noch verhangen von dem gestrigen Regentag, aber sukzessive klärt es auf und es wird wärmer. Die Strecke nach Hrastnik steigt sukzessive an und wir hoffen, von dort per Zug nach Sava und damit dem Ziel ein Stück näher zu kommen. Weil der Regionalzug aber gut besetzt ist und es keinen Platz mehr für Räder zu haben scheint, bleibt uns nichts anderes übrig, als die einigermassen gefährliche Überlandstrecke über den Berg selber zu absolvieren. Radwege und/oder – streifen sind kaum vorhanden. Dank dem gestrigen «Ruhetag» und unserem optimierten Umgang mit den Bikeakkus schaffen wir die Strecke bis zur Hauptstadt Sloweniens gut.
Abends geniessen wir das rege Leben im Stadtzentrum in vollen Zügen, essen an den Gestaden des Flusses Ljublianica und flanieren in der sehenswerten Innerstadt.
Tag 7: Ljubliana – Postojna (ca. 60 km)
Unser Etappenziel Postojna heisst auf deutsch Adelsberg. Bekannt ist der Ort für die Postojna-Höhle – ein 24 Kilometer langes Höhlensystem mit spektakulären Tropfsteinformationen. Auf einer etwa 5 Kilometer langen Strecke kann das Labyrinth mit einer unterirdischen Bahn und zu Fuss erkundet werden.
Wir verzichten auf den Besuch der Höhle und entgehen so dem Touristenandrang. Denn wir haben genug damit zu tun, die Route nach Postojna zu finden und den mehrere hundert Meter hohen Übergang einigermassen heil zu überstehen. Teilweise über Schottersteine und steil, teilweise über asphaltierte Wege und hie und da durch den Wald führt unser Weg. Auf den Überlandstrassen fällt uns das Strassenschild mit der Aufschrift «nevaren cestni odsek» auf, was so viel heisst wie «gefährlicher Strassenabschnitt»; illustriert ist das Schild mit einem umgestürzten Zweiradfahrer. Nach einem schier nicht enden wollenden Abschnitt entlang der Autobahn erreichen wir mit letzten Kräften unseren Etappenort.

Lipizzaner des Gestüts Lipica
Tag 8: Postojna – Triest (ca. 76 km)
Unseren letzten Tag mit dem E-Bike starten wir wie jeden Morgen nach dem Besuch eines grosszügigen Zmorgebuffet. So viel sei verraten: Diese Etappe sollte, begleitet von der Sonne und warmen Temperaturen, zur wohl schönsten und abwechslungsreichsten unserer Reise werden.

Kurz vor Tourende vor den Toren Triests
Unter anderem kommen wir auch beim bekannten Gestüt Lipica vorbei, wo wir einen Blick erhaschen können auf eine Herde Lippizzaner-Pferde. Lipica war die Zuchtstätte in der ehemaligen Habsburgermonarchie. Die Rasse ist durch ihren Einsatz an der Spanischen Hofreitschule in Wien weltbekannt. Vor drei Jahren wurden die Traditionen der Lipizzanerzuchtvon der UNESCO in die Repräsentative Liste der immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Diese Etappe ist mit vielen kurzen und teils steilen, zum Glück aber nicht unendlichen Anstiegen fordernd. Handkehrum bietet sie landschaftlich einzigartige und wunderschöne Anblicke. Das Allerbeste kommt zum Schluss: Dies in Form einer rund 15 Kilometer langen «Abfahrt» auf einem Radweg, angelegt auf einer ausgedienten Bahntrasse bergab durch eine fantastische Landschaft mit gigantischen Ausblicken. Das Meer ist dabei in Sichtweite und die Luft schmeckt nach Süden.
Angekommen in Triest begiessen wir unseren Tourhöhepunkt in der belebten Innerstadt zunächst mit einem Bierchen, bevor wir das schöne Hotel Victoria ansteuern. Mit einem Hauch Wehmut, aber glücklich heil und ohne Pannen heil am Ziel angekommen zu sein, geben wir unsere Bikes ab.
Ab jetzt sind wir wieder primär Fussgänger.

Triest an der Adria
