StartseiteMagazinGesellschaftAktien, Arbeit und Atombombe

Aktien, Arbeit und Atombombe

Zu fast allem und jedem gibt es irgendwo auf der Welt ein Museum. In Zürich-West existiert seit wenigen Jahren das Schweizer Finanzmuseum. Wer es besucht, den erwartet kein museal-staubiger Mief, sondern ein zeitgemäss aufgemachter, spannender Rundgang durch die Geschichte der Banken- und Finanzwelt.

Eher diskret beschildert ist es, das Schweizer Finanzmuseum. Es befindet sich im Untergeschoss des modernen Hauptsitzes der Schweizer Börse SIX im Hardturmpark in Zürich-West.

Erwartet werden wir von Andrea Weidemann (47), der Museumsleiterin. Das Museum, sagt sie, sei seit Juni 2017 geöffnet. Realisiert hat es die Stiftung «Sammlung Historische Wertpapiere». Weil die Schweizer Börse 1996 als erste weltweit komplett auf einen elektronischen Handel umstellt hat, begannen Leute im Umfeld der Börse damit, Wertpapiere zu sammeln. In der Absicht, diese der Nachwelt zu erhalten.

Anfänge in Olten

Zunächst habe die Stiftung von 2003 bis 2015 in Olten das eher kleine und auf Wertschriften fokussierte Museum «Wertpapierwelt» betrieben, berichtet Andrea Weidemann. Dann aber, mit dem Umzug von SIX von der Selnau ins neue Gebäude, sei der Stiftung von SIX – gleichzeitig wichtigste Sponsorin des Museums – angeboten worden, das Museum hier unterzubringen.

Gleich nach dem Eingang zum Finanzmuseum werden wir in einer interaktiven Präsentation begrüsst von Alfred Escher (1819-1882), dem Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt SKA (später Credit Suisse) und Erbauer der Gotthardbahn, dem Neuenburger Bundesrat Robert Comtesse (1847-1922) als Begründer der Schweizerischen Nationalbank sowie «Moderator» Merkur, (griechischer) Schutzgott der Händler, des Gewerbes und der Diebe. Zu dritt versuchen sie uns, möglichst volkstümlich verständlich das Wesen und die Funktionsweise des Finanzmarktes näherzubringen.

 

Meilensteine der Entwicklung

Danach wird der Besucher, die Besucherin auf eine Reise geschickt, beginnend im Jahr 1500. Multimedial veranschaulicht werden auf einem Zeitstrahl die Meilensteine, die unsere Welt verändert haben: Von den funktionstüchtigen Musketen über hochseegängige Schiffe und der Dampfmaschine bis hin zur Industriegesellschaft. Von der Spinnmaschine über die Eisenbahn und die Schiffsschraube bis zur Dynamomaschine. Und vom Auto über das Radio, das Penicillin, die Atombombe und die Gentechnik bis hin zum PC und dem Internet.

Und selbstverständlich wäre es nicht das Finanzmuseum, würde nicht der Aktie ein wichtiges Kapitel gewidmet. Am 20. März 1602 waren es wohlhabende niederländische Kaufleute, die die erste Aktiengesellschaft, die «Vereenigte Oostindische Companie» gründeten und dazu eine Aktie herausgaben.

Dank dem neuartigen Wertpapier boten sich damals plötzlich Möglichkeiten, mit beschränktem Risiko aufwändige und risikoreiche Unternehmungen zu finanzieren. Bald entstanden weitere Aktiengesellschaften, vorzugsweise im Zusammenhang mit dem Abbau von Bodenschätzen oder für den Bau von Strassen, Kanälen und Eisenbahnen.

Folgerichtig sind im ganzen Museum ausgewählte Wertpapiere in den Vitrinen zu bewundern. Gesamthaft, schätzt Weidemann, besitzt die Stiftung um die 10’000 historische Wertpapiere aus über 150 Ländern. Raritäten, unterzeichnet von Berühmtheiten wie Maria Theresia, Thomas A. Edison oder John D. Rockefeller seien ebenso in der Sammlung wie Exemplare von hohem kunsthistorischen Wert.

Börsenhandel einst und jetzt

Erklärt wird dem interessierten Publikum mit interaktiven und multimedialen Mitteln das Funktionieren des früheren und des zeitgemässen Börsenhandels. Sehr eindrücklich ist es, auf dem Monitor die Entwicklung des Swiss Market Index («SMI») in Relation zum Geschehen auf nationaler und globaler Ebene in den vergangenen 20 Jahren zu verfolgen. Man darf gespannt darauf sein, wie nach der nächste Aktualisierung der Daten (um den Jahreswechsel) die Kursschwankungen aussehen; dannzumal werden die Eruptionen im Gefolge von Donald Trumps Hüst und Hott (Zölle-Chaos, Kriege und dergleichen) nach unten oder oben «ausschlagen».

Erklärt wird auch, was Obligationen sind oder zum Beispiel Zertifikate oder Derivate, ETF’s, Optionen und Futures. Wer Lust dazu verspürt, kann sich interaktiv erklären lassen, wie die Kryptowährungen funktionieren.

Kunst macht Geld

In der aktuellen Sonderausstellung unter dem Titel «kunst.macht.geld» geht es um den Wirtschaftsfaktor Kunst. Kunst und Kultur, so Andrea Weidemann, würden immerhin etwas über 2 Prozent zum Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) beitragen. Weltweit bewege der globale Kunstmarkt aktuell über 65 Milliarden Dollar.

Gezeigt wird in der Ausstellung, welche Akteure sich auf diesem Kunstmarkt tummeln und wo die Musik spielt – nämlich in den USA, im asiatischen Raum (v.a. China) und zunehmend in den arabischen Emiraten.

Gezeigt werden in der Ausstellung eine Reihe von künstlerisch wertvollen, seltenen Wertpapieren. Papiere, die oft keinen finanziellen Wert mehr haben, aber dennoch begehrte (und entsprechend teure) Sammelstücke sind.

Im Gegensatz zur Hauptausstellung, wo heikle Themen wie Geldwäsche, Steuerhinterziehung und dergleichen weitgehend fehlen, werden in der Sonderausstellung Themen wie Zollfreilager, Raubkunst, Geldwäscherei und Verfälschte Kunst zumindest kurz thematisiert. Museumsleiterin Weidemann räumt ein, dass diese Themen weitgehend fehlen, stellt aber in Aussicht, dass dies bei einer nächsten Aktualisierung nachgeholt werden könnte.

Bilder Schweizer Finanzmuseum


Ausstellung

Die Ausstellung schlägt mittels eines interaktiven und multimedialen Konzepts eine Brücke zwischen Wirtschaftsgeschichte und modernen Innovationen der Finanzindustrie. Wirtschaftshistorisch relevante Wertschriften dokumentieren die Entwicklung der Finanzwirtschaft vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Zu sehen sind Aktien von Unternehmen des Industrialisierungszeitalters, Wertpapiere von kunsthistorischem Wert sowie ein früherer Anteilsschein der Niederländischen Ostindien-Kompanie, der ersten Aktiengesellschaft der Welt. Im Fokus stehen die Schweizer Börse und nach Abschaffung des Ringhandels, der Kapitalmarkt, die Finanzinstrumente, der Zahlungsverkehr und technische Produkte der Finanzindustrie.

www.finanzmuseum.ch

Andrea Weidemann

Die studierte Geisteswissenschaftlerin und Politologin arbeitete zuerst in der Kommunikation von Finanzfirmen in Deutschland und der Schweiz, bevor sie 2016 die Leitung des Schweizer Finanzmuseums übernahm. Auf die Frage, was ihr Geld bedeutet und wofür sie es ausgibt, sagt sie: «Geld allein macht nicht glücklich. Aber man ist glücklicher und beruhigter, wenn man es hat. Etliches an Geld gebe ich für meinen Hund aus, weil er gesundheitlich oft angeschlagen ist.»

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-