Wie ist Demenzprävention möglich? Was sind Gründe für aggressives, verletzendes oder abwehrendes Verhalten von Menschen mit Demenz? Wie kann in eskalierenden Situationen gehandelt werden? Das waren Leitfragen am 11. St. Galler Demenz-Kongress vom 12. November 2025.
Rund 950 Teilnehmende aus Wissenschaft und Pflege beschäftigten sich in vier Keynotes, drei Sessions und zwei Workshops mit Demenzprävention und «herausforderndem Verhalten» bei Demenz. Der 11. St. Galler Demenz-Kongress wurde von der OST – Ostschweizer Fachhochschule in Zusammenarbeit mit den Olma Messen St. Gallen organisiert und veranstaltet.
Charlotte den Hollander vom Bundesamt für Gesundheit sagte in ihrem Grusswort: «Oft ist herausforderndes Verhalten ein Ruf nach Verständnis und Sicherheit in Situationen der Angst und Überforderung.» Nach Laura Adlbrecht (Co-Leiterin des Kompetenzzentrums Demenz/OST) haben von Demenz betroffene Personen beim Fortschreiten der Krankheit immer weniger Möglichkeiten, sich verbal mitzuteilen und die Impulskontrolle sinkt. Sie haben kaum noch Mittel, um deutlich zu machen: «Stopp – das will ich nicht» und wehren sich oft notgedrungen mit Händen und Füssen. Der Demenzforscher Jan James formulierte das Leitmotiv des Kongresses so: «Herausforderndes Verhalten sollte uns herausfordern, nach dessen Ursachen zu suchen.» Für Jürgen Georg (Hogrefe Verlag) verlangt die Suche nach den Ursachen des Schreiens pflegerische Detektivarbeit: «Wie schaffe ich Begegnung, die mir beim Verstehen und dann vielleicht beim Verändern hilft?» Für Egemen Savaskan von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sind Therapien der ersten Wahl nicht pharmakologische Therapien, sondern beispielsweise Lichttherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Psychotherapie und tiergestützte Therapien. Wenn das nicht helfe, greife man nicht selten zu Psychopharmaka, obwohl das Risiko von Nebenwirkungen hoch und die Wirkung von Medikamenten bei älteren Personen oft zu wenig erforscht sei. Nach Astrid Steinmetz, Expertin für nonverbale Kommunikation, ist ein gelingender Beziehungsaufbau zentral: «Beziehung zu suchen, ist keine Zeitverzögerung – sie ist Intervention und Prävention.» Es brauche keine Worte, um einander zu begegnen. Blickkontakt und Zugewandheit können Sicherheit bringen und Angst und Bedrohung vermindern. Deswegen das Leitprinzip: «Beziehung vor Handlung.»
Prof. Dr. Steffen Heinrich, Co-Leiter des Kompetenzzentrums Demenz der OST – Ostschweizer Fachhochschule, organisierte mit seinem Team den Demenz-Kongress 2025. (Foto © OST)
Seniorweb konnte mit Barbara Studer, Gründerin von Hirncoach, vor ihrer abschliessenden Keynote «Hoffnung fürs Gehirn: Strategien für Demenzprävention und den Umgang mit herausforderndem Verhalten» ein Gespräch führen.
Seniorweb: Können wir etwas tun, damit wir im Alter nicht dement werden? Welche Strategien zur Demenzprävention empfehlen Sie?
Barbara Studer: Aus neurowissenschaftlicher und gesundheitswissenschaftlicher Sicht lassen sich knapp 50% von Demenzfällen vermeiden. Das Risiko an Demenz zu erkranken, könnte also erheblich reduziert werden. Allerdings gibt es nicht eine bestimmte Strategie, ein bestimmtes Programm, eine App oder bestimmte Übungen, die Erfolg versprechen. Es gibt ja ca. 12 Risiko- oder Schutzfaktoren. D.h. wenn ich Ihnen eine Therapie empfehlen müsste für eine Demenzrisikoreduktion, wäre das eine Kombination aus diesen Faktoren, ein ganzheitlicher Ansatz, wo Ernährung, Bewegung, soziale Kontakte usw. dazugehören, also eine ganze Palette von gesunden Verhaltensweisen. Für das Gehirn zusätzlich wichtig ist die Gehirnstimulation, die kognitive Aktivierung, das Lernen, kreative Tätigkeiten, also etwas, das speziell stimuliert. Dann auch alles, was für das Herz gut ist, etwa in der Natur sein, mindestens 30 Minuten aktive Bewegung usw. – die Gesundheitsklassiker eben, die man so kennt. In unserem Trainingsprogramm bei Hirncoach leiten wir Menschen in all diesen Bereichen mit Wissensimpulsen und Übungen für den Alltag an.
Was schadet dem Gehirn sicher?
Bewegungsmangel und Einsamkeit sind am schlimmsten. Dann auch Alkohol, Drogen, Rauchen – schädliche Substanzen, aber auch Monotonie.
Was kann bei Vorliegen einer Demenzdiagnose getan werden, damit der Krankheitsverlauf möglichst gut verläuft?
Das Schöne ist ja, dass man auch beim Verlauf noch einiges tun kann. Man muss dem Krankheitsverlauf nicht tatenlos und hoffnungslos zuschauen. Das Tempo der demenziellen Erkrankung ist beeinflussbar und es ist wichtig, dass wir da gut aufklären. Es ist nicht so, dass es ab der Diagnose heissen muss: So, ab jetzt geht es nur noch bergab. Auch hier ist Stimulation wichtig, die wichtigste die soziale Stimulation: Ich bin da für dich, Berührungen, ich sehe dich. Emotionale Sicherheit ist die Grundlage, denn das Gehirn braucht Sicherheit, um gut funktionieren zu können.
Gut sind jeden Tag auch Überraschungen, Neuartiges, was das Herz höher schlagen lässt, Tätigkeiten, welche die Routine durchbrechen, etwa draussen in der Natur – oder eine neue Aufgabe übernehmen, Neues lernen. Dann ist die Musik etwas vom besten, da sie ganzheitlich stimuliert.
Selbst Musik machen oder Musik konsumieren?
Beides. Aus der Forschung wissen wir, dass das aktive Musikhören schon wunderbare Wirkungen hat. Wichtig ist einfach, dass man achtsam mit der Musik mitgeht… und im optimalen Fall sich mit der Musik bewegt oder dazu tanzt.
Ernährung?
Ja, wichtig: Viele gute Nährstoffe, farbige Früchte und Gemüse, gesunde Fette (ungesättigte Fettsäuren, Omega-3-Fettsäuren).

Dr. Barbara Studer (Foto zVg.)
Sie sind Neurowissenschaftlerin und Hirncoach. Muss unser Gehirn gecoacht werden? Für wen empfehlen Sie Hirncoaching?
Hirncoaching ist mit der Vision entstanden, Menschen zu unterstützen, sich optimal um ihr Gehirn zu kümmern, fürsorglich und mit Freude. Wir zeigen Möglichkeiten auf, was man tun kann, um sein Gehirn fitter zu machen. Die Forschung zeigt, dass beispielsweise Gespräche das Gehirn auf wertvolle Weise stimulieren. Sogenannte alltägliche Handlungen gehen mit wertvollen Gehirnstimulationen einher. Das kann zusätzlich motivieren. Denn das Gehirn ist nicht nur ein Denkorgan, sondern auch ein Fühlorgan und ein soziales Organ. Viele meinen ja, beim Hirncoaching mache man Sudoku und Kreuzworträtsel. Das wollte ich ändern. Und Hirncoaching ist empfehlenswert für jedes Alter. Ich selber mache auch Hirncoaching.
Kann Ihr im Oktober 2025 erschienenes Buch «Hirnpower» selbständiges Hirncoaching fördern?
Das Buch «Hirnpower» kann man lesen, es in den Händen halten und weglegen, wenn es passt. Das Buch leitet an zu selbständigem Hirncoaching, es hat Übungen im Buch, man kann ins Buch reinschreiben. Es ist ein anderes Format. Bei unseren Angeboten bei Hirncoach haben wir digitale Programme. Der Vorteil dabei ist, dass du sie jederzeit zur Verfügung hast, du kannst jederzeit auf dem App Übungen machen und es ist interaktiv. Bei einer Begleitung durch unser Hirncoach-Programm kannst du dir Ziele setzen, es wird nachgefragt, was du schon erreicht hast, was zu tun ist. Um dranzubleiben ist es bei unseren digitalen Programmen auf Hirncoach einfacher als mit einem Buch. Das Buch und die digitalen Programme ergänzen sich gegenseitig. Zudem organisieren wir auf Hirncoach grössere und kleinere analoge Treffen von Interessierten ausserhalb des digitalen Raumes. Wir haben auch Webinare, Live-Webinare, wo man Fragen stellen und sich austauschen kann.
Wie könnte unsere Gesellschaft von Jung bis Alt die Demenzprävention verbessern?
Es fängt bei den Kindern und Jugendlichen an. Da setze ich mich dafür ein, dass die mentale Hygiene genauso wichtig genommen wird wie die Dentalhygiene. Mentale Hygiene achtet auf Bewegung, auf psychische Gesundheit im Alltag. Es geht auch um Aufklärung, wie die Medien wirken, also dass Jugendliche achtsam mit dem Medien umgehen und nicht zu viel und Unsinn auf sich reinprasseln lassen.
Im Arbeitskontext zeigt sich, dass mental fitte Mitarbeitende viel produktiver sind und man kann sich beispielsweise fragen: Was sind gesunde Pausen? Was ist eine hirngesunde Führung, bei der nicht mit Druck, sondern mit Sicherheit, Vertrauen, Wertschätzung gearbeitet wird. Wie kann man mit seinen Ressourcen umgehen, damit die psychische und mentale Gesundheit nicht gefährdet wird. Wie lerne ich, meine Emotionen besser zu regulieren, so dass ich nicht gelegentlich «krank» machen muss oder nur dumpf und unproduktiv meine Zeit am Arbeitsplatz absitze. Das Erlebnis der Sinnhaftigkeit der Arbeit ist zentral für mentale Hygiene.
Bei Pensionierten können wir unterstützen, dass das lebenslange Lernen gefördert wird, dass Ältere, wenn sie wollen, weiterhin am Arbeitsplatz aktiv sein oder sich in neuen Arbeitsfeldern engagieren können. So viel Knowhow, Kompetenzen und Erfahrungen gehen verloren, wenn die Älteren wegen Vorurteilen ausgegrenzt werden. Kein Abschieben der Alten, sondern gemeinsame, auch intergenerationelle Aktivitäten bis hin zum gemeinsamen Wohnen sind zu fördern.
Barbara Studer beim Interview vor ihrer Keynote am St. Galler Demenz-Kongress (Foto bs)
Nochmals zurück zur Mentalhygiene bei Jugendlichen. Müsste Mentalhygiene nicht auch Unterrichtsfach in der Lehrerbildung sein?
Ich finde schon. Wir versuchen jetzt Lerneinheiten, die wir entwickelt haben, in die Schule zu bringen und Lehrpersonen zur Verfügung zu stellen. Aber Lehrpersonen wehren sich teilweise wegen sogenanntem Zeitmangel dagegen. Wir versuchen da zu unterstützen und Lösungen zu schaffen, aber das ist nicht immer einfach.
Früher hat man gesagt, zu viel fernsehen tut nicht gut. Ist das Handy und das Internet heute ein Gefahrenpotential für eine gute Hirnentwicklung?
Ja. Wenn man den ganzen Tag fernsieht, ist das sehr ungesund für die Hirnentwicklung, weil man zu passiv ist. Aber zum Glück ist der Fernseher in einem Raum und nicht zugänglich, wenn man unterwegs ist – im Unterschied zum Handy, das immer dabei ist. Wenn wir über den Handygebrauch die Kontrolle verlieren, werden wir einerseits abgelenkt und verlieren an Aufmerksamkeit, anderseits nehmen kreative Denkprozesse ab, wenn man nur noch in den Konsummodus kommt. Gehirnstimulation nimmt dadurch ab, man wird, salopp gesagt, dümmer. Hingegen ist eine interaktive, kreative Nutzung der KI nicht schädlich.
Ein 78-jähriger Freund sagte mir letzthin: Ich muss jede Woche ein paar Stunden tanzen, das tut mir ganzheitlich gut. Ist Tanzen ein Wundermittel?
Ein Wundermittel gibt es nicht, aber wenn es eines gäbe, dann wäre es tanzen, weil beim Tanzen Wichtiges miteinander kombiniert wird: Das Soziale, Freude, die Musik, die Bewegung, Rhythmus, Interaktionen. Auch die Forschung zeigt, dass Tanzen das Demenzrisiko vermindert und beste Medizin ist.
Und singen?
Oja! Singen stimuliert das Gehirn und das Nervensystem auf vielfältige Weise. Auch bei bereits von Demenz betroffenen Personen hat Singen positive Auswirkungen: bessere kognitive Leistungen, bessere Orientierung, bessere Stimmung. In Pflegeeinrichtungen wäre Singen vorzüglich, mindestens eine halbe Stunde pro Tag hätte messbare positive Auswirkungen – auch für Lunge und Herz.
Was haben wir noch vergessen?
Die Kraft der Verbundenheit, des Miteinander: Ich fühle mich gesehen und sehe auch dich. Und wenn ich für andere was tue, hat das auch für mich positive Wirkungen.
Für das Gehirn ist es erwiesenermassen gut, wenn ich mich mit etwas Höherem verbunden fühle. So gesehen tut beten gut oder sich ehrfürchtig in der Natur aufhalten. Gottvertrauen oder Verbundenheit mit den Nachkommen oder nachfolgenden Generationen ist besser als Angst.
Barbara Studer, besten Dank für das Gespräch!
Dr. Barbara Studer ist promovierte Neurowissenschaftlerin, Unternehmerin und Musikerin. Sie hat in Freiburg, Taipeh und Bern studiert, doziert an verschiedenen Institutionen, gibt Referate und arbeitet eng mit Forschungsgruppen der Universitäten Bern und Zürich zusammen. Sie liebt es, mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Natur unterwegs zu sein.
Website für das Hirncoach-Training
Website St. Galler Demenz-Kongress
Hier eine Besprechung des neuen Buches von Barbara Studer: «Hirnpower».
Titelbild: Volles Haus am 11. St. Galler Demenz-Kongress (Foto © OST)


Danke, Beat, für den Bericht und das Interview. Ja, ich kann vieles vom Beschriebenen nachvollziehen. Denn die Pflege und Betreuung in der Wohngemeinschaft Alte Sennerei im Tenna Hospiz (Seniorweb vom 19. Juni 2024) integriert fast alle Aspekte davon: Zusammenleben, Bewegung, Gesang und farbenfrohe Omega-3.
Natürlich sind wir ein bisschen spät mit Präventionsmassnahmen … unser Fokus liegt auf dem achtsamen Umgang mit herausforderndem Verhalten, Orientierung, Teilhabe und Selbstbestimmung.