Zum Jahresschluss äussert sich unsere Seniorweb-Redaktion in Kurzbeiträgen zum Thema «Zuversicht». Es sind unterschiedliche Sichtweisen, die angesichts turbulenter Zeiten zum Nachdenken anregen wollen.
Die Weltlage gibt ja fast nie Anlass zur Leichtigkeit: Derzeit erschüttern uns Kriege, die Klimakrise verschärft sich, Künstliche Intelligenz (KI) stellt unser Menschenbild infrage, die internationale Ordnung destabilisiert sich. Doch wer deshalb pessimistisch verharrt, lähmt nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Gesellschaft.
Bleiben wir also zuversichtlich, veränderungsbereit, neugierig, dann wird das neue Jahr besser als man denkt. Unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir für 2026 alles erdenklich Gute, Gesundheit und Glück. Wir bedanken uns für ihr Interesse und Ihre Treue zu uns und unserer Arbeit und freuen uns, Sie auch im neuen Jahr zu unserer Leserschaft zählen zu dürfen.
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Linus Baur: „Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey ist ein anspruchsvolles, streitbares Buch (sehr empfehlenswert). Es ist eine zugespitzte Zeitdiagnose, die sich mit den inneren Erosionsprozessen liberaler Demokratien befasst, eine scharfe Diagnose der Gegenwart, in der Demokratie nicht mehr selbstverständlich als Wert gilt, sondern zunehmend als Hindernis empfunden wird. Es zwingt dazu, Demokratie nicht nur gegen äussere Feinde, sondern gegen ihre inneren Verlockungen zur Zerstörung zu verteidigen.
Gilt diese Diagnose auch für das Selbstverständnis der Schweiz? Mitnichten, möchte man meinen. Oder doch: Sind wir nicht zu selbstgenügsam, zu antriebslos geworden, heroisieren unser Land und seine Vergangeheit nach wie vor? Demokratie braucht mit Blick ins neue Jahrhundert «ehrgeiziges Denken», sagt die bekannte Autokratie-Expertin Anne Applebaum in einem FAZ-Interview. Sind wir dazu bereit angesichts einer Welt, die – so scheint es – nicht weniger turbulent wird? Zuversicht ist mehr denn je vonnöten.
Robert Bösiger: Bleibt es ruhig im Gaza-Streifen? Schaffen es Kambodscha und Thailand, sich wieder zu versöhnen? Bleibt Putin beim Drohen, oder wird die Ukraine letztlich doch zwischen Russland und Europa aufgerieben? Kann Trump sich beherrschen gegenüber Venezuela? Apropos: Wachen die Amerikaner endlich auf und schicken ihren Präsidenten dahin, wo er hingehört (in den Knast oder ins Irrenhaus)?
Können sich die Pharmabosse zurückhalten und verzichten darauf, die Medikamentenpreise in der Schweiz noch weiter anzuheben (als Preis dafür, dass sie vor Trump einen Kniefall gemacht haben)?
Gelingt es uns, gegenüber dem KI-Moloch selbstbestimmt und menschlich aufzutreten und Grenzen zu setzen? Schaffen wir endlich, uns in der Welt auf wirklich wirksame Massnahmen gegen den Klimawandel zu einigen? Und: werden die heutigen Mütter und Väter wieder vermehrt auf ihre Kinder achten statt permanent aufs Handy zu schauen?
Zuversicht? Tja…
Eva Caflisch: Zuversicht hab ich nicht. Der Reim gefällt mir. Die Aussage nicht, aber ich muss damit leben:
- Zuversicht, dass in Odessa Neujahr in warmen Stuben gefeiert werden kann, hab ich nicht.
- Zuversicht, dass Donald Trump auch an andere als an sich denkt, hab ich nicht.
- Zuversicht, dass Vladimir Putin seine Idee von Grossrussland aufgibt, fehlt mir auch.
- Zuversicht, dass Netanyahu den Palästinenser ein Lebensrecht einräumt, habe ich schon gar nicht.
Wenn ich die vergangenen Jahrtausende, in denen der Homo sapiens Spuren hinterliess, Revue passieren lasse, sehe ich nichts als Zerstörung des Nächsten und der Ressourcen.
Aber es gibt die Bergkette gegenüber meiner Wohnung. Die Felsen bleiben, auch wenn die Gletscher nicht mehr sind. Und es gibt den Himmel darüber, die Sonne, die immer wieder neu über den Grat kommt, und die Milchstrasse, die von ganz anderen als menschlichen Dimensionen erzählt.
Direkte Hilfe ist mir jedoch der Satz eines Kinds, den ich heute gelesen habe: Jede Zeit sei irgendwie gut, sagte es, nach dem es sich mit dem Graffiti-Spruch „Früher war alles besser“ beschäftigt hat.
Sibylle Ehrismann: Wenn ich zurückblicke, kommt mir spontan eine Begegnung in den Sinn. Unsere kleine Hündin, ein Retro-Mops namens Lucky, hatte eine Hundesitterin, die weggezogen ist. So entschieden wir uns, im nahegelegenen Coop einen Aushang zu machen: „Hundesitter:in gesucht“. Es meldete sich ein Mann, der etwas seltsam klang.
Dennoch: wir trafen uns im Dorf-Kaffee. Der Mann mittleren Alters war eindeutig ein Randständiger. Er hatte aber eine warme Stimme, wirkte gepflegt und war mir sympathisch. Lucky ging gleich auf ihn zu und liess sich streicheln. So entschieden wir uns, es trotz Bedenken zu versuchen.
Wir brachten ihm Lucky nicht nur, wenn wir es brauchten. Wir überliessen sie ihm regelmässig montags, quasi als Therapiehund. Er strahlt immer, wenn Lucky kommt, und es geht ihm besser, wenn sie bei ihm ist. Für uns ist es ein Segen, dass er stets Zeit hat, wenn wir ihn brauchen – wir schätzen uns gegenseitig. Das Aufblühen dieser Begegnung stimmt mich zuversichtlich.
Maja Petzold: Hoffnung gehört zu uns Menschen wie das Wünschen. Zuversicht braucht etwas mehr: Vernunft, um einzuschätzen, ob unsere Zuversicht begründet ist – sonst ist sie nichts als ein Hirngespinst. Meine Amaryllis soll dafür als Beispiel dienen: Im letzten Winter hatte ich sie geschenkt bekommen, sie blühte wunderschön. Also wollte ich sie hegen und pflegen, in der Hoffnung, dass sie in diesem Winter wieder blüht.
Es war keine schwierige Aufgabe, regelmässig wenig Wasser, die ganze Zeit ohne Dünger. Im Sommer stand sie bei Wind und Wetter auf dem Balkon, im Oktober – etwas spät – stellte ich sie in den dunklen Keller. Nachdem ich sie Ende November in meinem Blumenfenster platziert hatte, kam nach zehn Tagen eine dicke Knospe hervor. Meine Hoffnung wurde zur Zuversicht! Eine Woche später kam sogar ein zweiter Blütenstengel zum Vorschein. Welche Freude! – Wenn sich doch Zuversicht auch in anderen Lebensbereichen so leicht verwirklichen liesse!
Bernadette Reichlin: 2025 war kein gutes Jahr. So viele kriegerische Auseinandersetzungen, so viel Hass und Wut. Dazu Staatenlenker, die nur ihrer Macht, ihrem Narzissmus und ihrem Profit verpflichtet sind. In der Schweiz herrscht Wohnungsnot, die Krankenkassen-Prämien steigen und in der Politik wird Konsens zum Fremdwort. Nein, es ist kein guter Jahresausklang. Wären da nicht einige Faktoren, die, bezogen auf die Schweiz, hoffen lassen. Trotz Sanktionen und Einschränkungen im Aussenhandel, trotz Zollhammer und Verlagerungen von Firmen ins Ausland, trotz aller globaler Unsicherheiten zeigt sich die Schweizer Wirtschaft erstaunlich resilient. 2025 war ein richtig gutes Börsenjahr! Wer jetzt denkt, das interessiere nur einen Teil der Bevölkerung, liegt falsch. Denn die Gelder der Kapitalmärkte beeinflussen auch unsere Vorsorgesysteme. Wenn Sie jetzt von ihrer Pensionskasse ein «Weihnachtsgeld» erhalten haben, dann ist das auf solch positive Faktoren zurückzuführen. Und macht Hoffnung auf die Zukunft.
Josef Ritler: Ich bin 86 Jahre alt und möchte 100 Jahre alt werden. Dies zu erreichen stimmt mich zuversichtlich.. Zuversicht auch, dass alle meiner Familie gesund bleiben. Zuversicht ist laut Duden ein „festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen“. Als positive Grundhaltung ist Zuversicht verwandt mit dem Optimismus. Johann Wolfgang von Goethe sah Zuversicht als eine lebensbejahende Kraft, die uns hilft, das Gute zu ergreifen, auch wenn Hoffnung enttäuscht werden kann, indem sie uns zum Handeln motiviert – etwa mit dem Satz: „In allen Dingen ist besser hoffen als verzweifeln“, und dass wir uns an das Gute halten sollen, denn „Das Wahre war schon längst gefunden, Hat edle Geisterschaft verbunden; Das alte Wahre, fass es an!“, um gestärkt durchs Leben zu gehen, selbst wenn es schwierig ist, denn „Der Augenblick ist Ewigkeit“ und „Glücklich, wer noch hoffen kann“.
Peter Schibli: Zuversicht ist ein grosses Wort, das klingt wie ein Sonntagsspaziergang im Frühlingsmonat Mai. Doch spätestens am Montagmorgen, wenn in den Radionachrichten über den sinnlosen Angriffskrieg in der Ukraine, die menschenverachtenden Zustände in Gaza oder hasserfüllte Anschläge weltweit berichtet wird, fühlt sich die Stimmung an wie dicker Nebel im November.
Wer trotzdem zuversichtlich bleibt, während andere den Kopf in den Sand stecken oder den Weltuntergang proben, verdient eigentlich eine Auszeichnung. Denn Zuversicht hat etwas Kämpferisches: Sie lächelt, wo andere schreien. Sie glaubt, dass Entspannung und Frieden kommen werden. Vielleicht ist das ihr Geheimnis: Der Wille, die Dunkelheit, das Böse zu überwinden.
Zuversicht für 2026 ist also keine Illusion, sondern Rebellion. Gegen das Chaos, das uns lähmen will. Ein kleines Engagement hier, ein nachhaltiger Schritt da. Denn das neue Jahr wartet nicht auf Perfektion – es belohnt die, die trotz allem voranschreiten.
Klingt das ein bisschen verrückt? Vielleicht. Aber ohne diese sanfte Verrücktheit wäre das Leben nur eine Liste von Katastrophen mit Pausen dazwischen.
Beat Steiger: Es gibt Menschen, die am Ende eines Jahres Bilanz ziehen, nicht nur ökonomisch, sondern was ihre gesamte Lebensführung betrifft. Was ist gut gelaufen, was nicht? Was ist gelungen, was nicht? Wofür bin ich dankbar, was hat mir Kummer und Sorgen bereitet? Sie verabschieden, was misslungen ist und sind offen für sinnvolles Wirken, erfreuliche Engagements, stärkende Beziehungen.
Leichter gesagt als getan. Was tun, wenn sich auch im Neuen Jahr wieder alte Muster, die man überwinden wollte, einschleichen? Was tun in Zeiten von Klimakrisen, Kriegen und Menschen und Natur verachtenden Worten und Taten? Im eigenen Handlungsspielraum nützt das überzeugte Ja zu dem, was wir wollen und ein genauso starkes Nein zu dem, wovon wir die Schnauze voll haben.
Schwieriger wird es mit Änderungsbedürfnissen ausserhalb unseres Handlungsspielraums. Da hilft es, sich mit Gesinnungsfreundinnen und -freunden zu verbinden und sich von «Gegnern» argumentativ herausfordern zu lassen, um gemeinsam optimale Lösungen zu finden.
Peter Steiger: Im Januar bin ich zuversichtlich, dass es schneit. Skifahren ist nicht mehr mein Ding. Aber dass es hier unten wieder mal weiss wird, das wärs. Gopf, soweit haben wir (habe ich) es mit der Welt gebracht.
Im Februar steht die Abstimmung über die 10-Mio-Schweiz an. Ich werde das Couvert im Berner Generationenhaus einwerfen. Zuversichtlich, dass ich richtig entscheide, male ich ein Kreuz beim mmm…
Im März ist der Internationale Frauentag. Ich bin zuversichtlich, dass die das ohne mich schaffen, die Frauen. Als mein Beitrag werde ich meiner Partnerin ein Ei kochen. Möglich, dass die internationalen Frauen nicht zufrieden sind, dass ich nur Eier kochen kann.
Im April ist Ostern. Ich bin zuversichtlich, dass ich das Rätsel um den Osterhasen lösen werde. Macht er für die Eier nur den Lieferdienst? Malt und färbt er? Ist er gar Produzent? Es ist so, der Osterha Stopp. Gemäss der allwissenden Redaktionkonferenz sind höchstens 1000 Zeichen zulässig. Erreicht ist diese Grenze hier.
Markus Sutter: «Zuversicht» heisst das Thema, worüber wir einen kurzen Text verfassen sollen. Es klingt ein bisschen wie ein verzweifelter Weckruf, bei dieser äusserst instabilen Lage auf der Weltbühne wenigstens im privaten überschaubaren Bereich auf Teufel komm raus den Optimisten zu spielen.
Ab einem gewissen Alter fällt das zwar nicht mehr so leicht, aber ein Tipp kann ja nicht schaden. Das beste Erfolgsrezept ist bestimmt, sich möglichst heiter und gelassen daran zu gewöhnen, mit zunehmenden Einschränkungen zu leben und sich gleichzeitig darüber zu freuen, dass das Leben immer noch eine Menge zu bieten hat: Ein Spaziergang in der Natur zum Beispiel, um Kraft zu tanken; ein Jass-Nachmittag mit geselligem Zusammensein; ein gutes Buch, das neue Impulse vermittelt. Und endlich mehr Zeit zu haben, die man früher nie hatte, für Andere, aber auch für sich selbst.
Und die Zuversicht und die Hoffnung, dass uns das noch möglichst lange und möglichst viel davon erhalten bleibt.
Ruth Vuilleumier: Heutzutage ist es nicht einfach, zuversichtlich zu bleiben. Kürzlich sprach ich mit einer alten Freundin darüber. Das Thema beschäftigte uns schon als 18-Jährige. Schon damals, und noch heute, begleiten sie Ängste vor möglichen Katastrophen. Für sie steht der dritte Weltkrieg unmittelbar bevor. Sie moniert meinen Gleichmut angesichts der Katastrophenmeldungen in der Presse. Darüber mache ich mir Gedanken.
Sie wuchs in den 1950er Jahren in Deutschland auf, mitten in den Ruinen, ich in der kriegsverschonten Schweiz. Viele Menschen erkannten schon früh die Gefahr durch die Nazis und blieben im Land, obwohl sie hätten fliehen können. Es kann ja nicht so schlimm kommen, dachten sie.
Auch ich kann mir dystopische Szenarien nicht vorstellen. Der Klimawandel ist fassbar und erlaubt mir, mich entsprechend zu verhalten. Kriegerische Angriffe auf die Schweiz kann und will ich mir nicht vorstellen. Wohin auch fliehen in dieser vernetzten Welt. Ist es naiv, zuversichtlich zu bleiben? Noch bietet das Leben so viel Schönes und Interessantes. Hoffen wir auf ein friedliches neues Jahr, nicht nur bei uns, sondern überall auf der ganzen Welt.

