StartseiteMagazinGesellschaftNach Senevita-Fusion überragt Tertianum alle

Nach Senevita-Fusion überragt Tertianum alle

Was geschieht, wenn die Nummer 1 die Nummer 2 aufkauft? Ein Unternehmen, das den Markt dominiert. Tertianum übernimmt Senevita und ist nun mit Abstand der grösste Anbieter bei der Alterspflege. 

Wir berichten, ob sich was für die Bewohnenden oder fürs Personal ändert. Wir vermuten, wie teuer die Fusion ist. Wir stellen fest, was die beiden Unternehmen unterscheidet. Wir fragen, was hinter dem Handel steckt. Wir schauen zurück, wie sich Senevita und Tertianum entwickelt haben. Wir blicken vorwärts und ahnen, was auf die Branche zukommt.

Was ändert sich für die Bewohnenden?
Sowohl Tertianum wie Senevita beteuern, dass sich für die Bewohnenden nichts ändere. Das stimmt wohl, wenigstens vorläufig. Weil Synergien angestrebt werden, wird sich jedoch im Hintergrund einiges entwickeln. Vermutlich wird die Administration und der Materialeinkauf zusammengelegt. Auch ist anzunehmen, dass die Information der Bewohnenden und der Angehörigen vereinheitlicht wird.

Was ändert sich fürs Personal?
Auch hier: Gegen aussen ändert sich wenig. Im Zuge der Umorganisation ist es möglich, dass einzelne Positionen abgebaut werden. Weil viele Stellen unbesetzt sind, müssen die allermeisten Beschäftigten keine Angst um ihren Job haben. Der Personalmangel ist eines der drängendsten Probleme der stationären Alterspflege. Mitverantwortlich ist die hohe Fluktuation. Jedes Jahr wechseln 35 Prozent der Beschäftigten die Stelle oder verlassen den Beruf. Die Gewerkschaften glauben, dass die schlechten Arbeitsbedingungen der Hauptgrund sind. VPOD-Vertreter Roman Künzler nennt die geringe Wertschätzung und den Zeitdruck.

Wieso sind nur wenige Pflegende Gewerkschaftsmitglieder?
Das Personal der Langzeitpflege ist gewerkschaftlich schlecht organisiert. Die beiden Gewerkschaften Unia und VPOD sprechen von ein paar hundert Organisierten. Dies bei etwa 7000 Beschäftigten bei Tertianum und 4000 Personen bei Senevita. Unia-Vertreter Samuel Burri nennt den hohen Frauen-und Ausländerinnenanteil als Gründe für die Gewerkschaftsabsenz.Wieviel Geld fliesst?
In der Medienmitteilung zur Übernahme erklären die beiden Unternehmen, dass der Kaufpreis nicht veröffentlicht werde. Das Fachportal Medinside und weitere Stellen berichten allerdings über einen Verkaufspreis von 250 Millionen Franken. Diesen Betrag habe der Konzern Emeis publiziert. Zu diesem französischen Unternehmen gehört auch Senevita.

Hat Tertianum jetzt ein Monopol?
Fast. Peter Burri-Foliath von Pro Senectute erkennt nun eine „marktprägende Stellung“. Ausser Domicil und weiteren kleineren Anbietern ist im privat finanzierten Bereich Tertianum mit Abstand der grösste Anbieter. Tertianum hat nach der Übernahme rund 140 Standorte, in denen etwa 10 000 Gäste betreut werden. Peter Burri-Foliath: „Konkurrenz beeinflusst das Angebot und reduziert Abhängigkeiten. Wie stark dieser Effekt künftig noch wirkt, bleibt zu beobachten.“

Besitzt Tertianum jetzt noch mehr Immobilien?
Nicht wirklich. Die meisten Altersheime sind langfristig eingemietet. Die Immobilien gehören spezialisierten Investoren. Dieses Modell gilt auch für Senevita. Der vorherige Besitzer von Tertianum war Swiss Prime Site, eine der führenden Immobiliengesellschaften in Europa. Swiss Prime Site hat die Immobilien an Tertianum vermietet.

Wie entstand Senevita?
Der Betriebswirtschafter Philipp M. Zemp, 73, (Bild) gründete 1989 Senevita. Er leitete das Unternehmen 20 Jahre lang. 2014 übernahm der französische Pflegekonzern Orpea das Schweizer Unternehmen. 2022 stand Orpea unter massiver Kritik. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, Bewohner schlecht zu behandeln und Personal- und Hygiene-Standards zu missachten. Orpea bestritt die Anschuldigungen. Auch um das schlechte Image loszuwerden, bekam Orpea 2024 mit Emeis einen neuen Namen. Seither sind keine neuen Probleme aufgetaucht und Emeis hat einen besseren Ruf.

Wie entstand Tertianum?
René Künzli, 84, (Bild) übernahm nach seiner Ausbildung zum Kaufmann von seinen Eltern die Leitung des 1950 gegründeten Alters- und Erholungsheims Neutal in Berlingen TG. Von 1987 bis 2005 baute er zusätzlich die Tertianum AG auf, zuerst als Mitglied der Geschäftsleitung und in den letzten sieben Jahren als CEO und Inhaber. Künzli gründete später die immer noch bestehende Terz-Stiftung, die sich mit Altersfragen befasst. Künzli stand in Verbindung mit dem Konstanzer Literaturprofessor Helmut Bachmaier. Dieser war wissenschaftlicher Direktor, dann wissenschaftlicher Berater bei der Tertianum AG. Bachmaier engagierte sich in den Anfangsjahren von Seniorweb, auch bei unserem Online-Portal. Seit 2020 gehört Tertianum dem Investor Capvis in Baar.

Was unterscheidet Tertianum von Senevita?
Beide Unternehmen sind im stationären Pflege- und Betreuungsbereich tätig. Gemäss Peter Burri-Foliath von Pro Senectute Schweiz ist Tertianum seit Jahren stark im gehobenen, privat finanzierten Segment positioniert und verfolgt ein integriertes Modell aus Wohnen, Betreuung und Pflege. Senevita sei breiter aufgestellt, unter anderem mit ambulanten Angeboten, und teilweise stärker regional verankert. Mit der Übernahme dürften sich diese Unterschiede weiter angleichen. Unia-Gewerkschafter Samuel Burri hingegen sieht keinen Unterschied zwischen den beiden Gesellschaften.

Wie verändert sich die Branche in der Zukunft?
Ohne rasche Gegenmassnahmen durch Gemeinden, Kantone und Bund drohe schon ab 2030 eine spürbare Versorgungsknappheit bei der Langzeitpflege. Über diese Prognose des schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) berichtete das Online-Magazin Artiset. Das Obsan sieht voraus, dass bis 2040 etwa 626 zusätzliche Pflegeheime und damit rund 37 000 weitere Betten benötigt werden. Dadurch steigt der Bedarf an Pflegenden – und wird wohl auch der Personalmangel noch drängender.

Wird Tertianum weiterverkauft?
Durchaus möglich. Die Besitzerin von Tertianum, die Capvis in Baar, will langfristige Wertsteigerungen. Sie erreicht dies durch gute Abschlüsse und Renditen. Wenn dies gelingt, ist anzunehmen, dass die Capvis die Tertianum in einigen Jahren wieder verkauft. Man nennt dieses Geschäftsmodell Private Equity (PE), privates Beteiligungskapital. Die PE-Gesellschaften erhalten Geld, zum Beispiel von Pensionskassen und Versicherungen und investieren in Unternehmen mit guten Aussichten. Nach einigen Jahren verkaufen sie diese Beteiligungen mit Gewinn. Private Equity verspricht hohe Renditen ist aber risikoreich. Linke Kreise, aber nicht nur diese, argumentieren, dass hohe Rendite im Pflegebereich falsche Anreize schafft.

Bilder: Freepik, Pixabay

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