Das Chamäleon passt seine Farbe der Umgebung an. Aber welche Farbe hat das Tier, wenn es auf einem Spiegel liegt? Jugendliche suchen ihre Farben, ihre Identität, ihren Platz in der Gesellschaft. Davon handelt das neue Stück am Berner Theater an der Effingerstrasse.
Auf dem Weg an die Premiere gehe ich über den Berner Bahnhofplatz, wo eine Hundertschaft von Kantonspolizisten eine Gruppe von rund 300 vermummten Jugendlichen eingekesselt hat und daran hindert, unbewilligt in die Altstadt zu ziehen. Im Zuge der Personenkontrollen werden diverses Vermummungs-, Wurf- und Schlagmaterialien sowie Pyrotechnika sichergestellt.
Die Objekte (darunter schwere Hämmer) lassen darauf schliessen, dass die schwarz gekleideten Demonstranten planten, ein weiteres Mal Scheiben von Banken einzuschlagen, Sandsteingebäude zu versprayen und ihr Unwesen zu treiben. Auf den Spruchbändern ist zu lesen: «Gegen den Kapitalismus», «Gegen das WEF», «Gegen die Besetzung des Gaza-Streifens durch die israelische Armee».

Auf dem Weg ins Theater beobachtet: Konfrontation zwischen den Ordnungshütern und Jugendlichen, die ihre Stimme erheben. Fotos: Screenshots SRF
Klar ist: Die Stimmen der eingekesselten, zum Teil gewaltbereiten Chaoten sind alles andere als repräsentativ. Der überwältigende Teil der heutigen Jugend lehnt Gewalt ab, verfolgt persönliche Ziele mit legalen Mitteln, träumt Träume und ist dabei, sich beruflich wie privat in die bewährten gesellschaftlichen Strukturen zu integrieren.
Was aber bewegt die Jugendlichen wirklich? Welche Anliegen, Hoffnungen, Sorgen, Ängste treiben sie um? Um dies zu erfahren, haben die beiden Theaterleute Sebastian Gfeller und Philipp Jeschek 2025 im Kanton Bern zwanzig Workshops rund 300 Schülerinnen, Schüler und Lernende befragt.
Zwischen Grenzen und Identitäten
Aus den Gesprächen und Antworten ist unter dem Titel «Chamäleon» ein Dreipersonen-Stück entstanden, das am vergangenen Samstag am Theater an der Effingerstrasse uraufgeführt wurde. Im Zuschauerraum: Zahlreiche Jugendliche, die dem Spiel mit anfänglicher Spannung, dann mit Begeisterung und schliesslich mit Euphorie folgten. Für das Effingertheater ist dies eher ungewöhnlich, lebt es doch zu einem grossen Teil von einem ruhigen Abo-Publikum gesetzteren Alters.
Das neue Jugendstück erzählt von einer Nacht, in der sich zwei Jugendliche, Leonie und Leo, zufälligerweise in einer Bar treffen, ein riskantes Spiel beginnen und dabei ihre Grenzen, Rollenbilder und Identitäten hinterfragen.
Leo, Leonie und Nemo
Leo (gespielt von Fabio Savoldelli) ist ausgelaugt von prüfungsgefüllten Ferien und dem Druck elterlicher Zukunftspläne. Er wirkt orientierungslos, fügt sich aber dem Wunsch seiner Eltern: «Gute Ausbildung, seriöser Job, Kohle schaufeln». Leonies Provokationen (gespielt von Larissa Keat), ihre lebhafte, zuweilen umtriebige Art, ihr Charme, werfen den antriebslosen, eher scheuen Schüler Leo aus der Bahn.

«Challenges» werden (auch auf der Bühne) gefilmt und via Webstream ins Netz gestellt.
Eine Nacht lang geben sich die beiden abwechselnd Aufgaben, von denen sie überzeugt sind, dass das Gegenüber sie nie erfüllen wird. Aus Mutproben werden Grenzgänge, aus scheinbar harmlosen «Challenges» präzise Seismographen für Unsicherheiten, Sehnsüchte, Verliebtheit, aber auch für verdeckte Konflikte.
Gestärkt, verunsichert, provoziert und zum Teil gesteuert werden die beiden Darstellenden von weiteren Figuren, die alle unter der Bezeichnung «Nemo» von der Schauspielerin Cornelia Werner verkörpert werden. Immer wieder stellen sich den drei Protagonisten Fragen nach Mut, dem eigenen Bild in der Gruppe und der Suche nach einem authentischen Ich. Identitäten verschieben sich, neue Rollen werden ausprobiert, Selbstbilder geraten ins Wanken.

Nemo (links) hinterfragt Leos Rollenbild.
Es geht um den Leistungsdruck der Schulzeit, Erwartungen von Eltern und Umfeld sowie um die Versuchung, sich hinter coolen Posen, Selbstinzenierung oder grellen Farben zu verstecken. Zugleich eröffnet das Stück die Perspektive, dass genau im Risiko, sich anders zu zeigen, neue Geschichten und Möglichkeiten entstehen können.
Von der Lust, sich zu verwandeln
In diesem Hin und Her zwischen Alltagsrealität und nächtlichem Spielraum behandelt «Chamäleon» sehr aktuelle Fragen der heutigen Jugend: Wem will man ähneln, wo will man anecken oder sich anpassen, und wie weit geht man, um nicht einfach in der Gruppe zu verschwinden – wie ein «Chamäleon» in seiner Umgebung. Eine geniale Umsetzung einer spannenden Metapher.
Das Spiel zwischen drei Dutzend Stühlen, die auf einer Drehbühne rotieren und immer wieder neue Bühnenbilder kreieren, setzt auf jugendliche Aktivitäten wie das Live-Streaming, Selfies und exzessive Selbstdarstellungen. Leo erhält die Aufgabe, eine fremde Person um 50 Franken anzupumpen. Leonie soll vor vielen Leuten eine Rede halten. Gemeinsam plündern sie einen Theaterfundus und ziehen sich Tiermasken über. Leo verwandelt sich in ein Schwein, Leonie in ein Schaf. Spätestens hier verschwimmen Realität und Fiktion. Bewusst wird das Publikum durch interaktive Elemente in das Spiel miteinbezogen.
Vermischung von Realität und Fiktion, vertauschte Rollen: Leonie als Schaf, Leo als Schwein.
Künstlerisches Team
Inszeniert wurde „Chamäleon“ von Co-Autor Philipp Jescheck, während Sabine Freude für die Bühne und Sarah Bachmann für die Kostüme verantwortlich zeichneten. Die Aufführung lebt von Situationskomik, Show-Elementen, aber auch von berührenden Augenblicken: Die Heiratsszene mit dem Satz «Du darfst mich küssen», hat von allem etwas und verbindet das alte Trauungsritual mit zeitgenössischen Formen einer Paarbeziehung.
Das abendliche Bern dient als Hintergrund. Die Stadt wird zur Projektionsfläche für den inneren Ausnahmezustand der heutigen Jugend: leere Strassen, zufällige Begegnungen, Orte, an denen man üblicherweise nicht hingeht – all das verstärkt das Gefühl der wachsenden Zukunftsangst. Wer sich an seine eigene Jugend erinnert, staunt: Wieviel unbelasteter sind wir doch vor 50 oder 60 Jahren aufgewachsen?

Nichts für Introvertierte: Sich zu exponieren, braucht Mut.
Zwanzig Schülervorstellungen geplant
Auf dem Nachhauseweg gehe ich über den leeren Bahnhofplatz. Die jugendlichen Demonstranten sind weg, ihre Transparente verschwunden. Was bleibt, sind die suchenden, ausgeflippten oder friedfertigen Stimmen der Lernenden und Gymnasiasten, aber auch deren Sorgen und Ängste, die im Theaterstück Aufnahme gefunden haben.
Das zeitgenössische Stück «Chamäleon» mit zwanzig geplanten Schülervorstellungen, mehrere davon bereits ausgebucht, gibt Jung und Alt Gelegenheit, sich in die Welt der heutigen Jugendlichen einzufühlen und die aufgeworfenen Themen zu debattieren. Was sie bewegt, muss auch uns Seniorinnen und Senioren interessieren.
Titelbild: v.l.nr. Nemo, Leonie und Leo. Fotos Severin Nowacki
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