StartseiteMagazinKulturZürich entdeckt Kerry James Marshall

Zürich entdeckt Kerry James Marshall

Er gilt als einer der grössten Historienmaler der Gegenwart. Die Ausstellung «Kerry James Marshall: The Histories / Geschichte(n)» im Kunsthaus Zürich zeigt, dass die Bilder des afroamerikanischen Künstlers auch Geschichten erzählen. Erstmals ist sein Werk in der Schweiz zu sehen.

Bilder von afroamerikanischen Künstlern sind hierzulande kaum je zu sehen. Höchste Zeit für eine umfassende Ausstellung zum Schaffen von Kerry James Marshall (*1955). Das Zürcher Kunsthaus zeigt in Kerry James Marshall: The Histories / Geschichte(n) viele seiner grossformatigen, bis zu sieben Meter breiten Gemälde. Zuvor war die Schau in London, später reist sie weiter nach Paris. Marshall ist eine Entdeckung, obwohl einzelne seiner Werke bereits 1997 und 2007 in Kassel auf der documenta und 2003 auf der Biennale in Venedig gezeigt wurden.

«Knowledge and Wonder», 1995. Dreizehn Kinder und zwei Erwachsene schauen auf das Universum, ein roter Vogel sitzt auf dem hellen Baum der Erkenntnis. 294,6 x 698,5 cm.

Im US-amerikanischen Birmingham, Alabama geboren, lebt Marshall heute in Chicago. Schon als Kind begeisterte ihn die Kunst im Museum von Los Angeles. Als 16-Jähriger lernte er das Atelier des afroamerikanischen Künstlers Charles White (1918-1979) kennen. Während seines Studiums am Otis Art Institute in Los Angeles fiel ihm auf, dass in der Kunstwissenschaft niemals von Schwarzen geschaffene Kunstwerke oder Motive mit Schwarzen erörtert wurden. Auch auf Gemälden sah er Afrikaner höchstens als Könige bei der Geburt Christi.

«A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self», 1980. Gemalt in mittelalterlicher Manier mit Eitempera auf Papier. 20,3 x 16,5 cm.

Früh erkannte Marshall, wie wettbewerbsorientiert das Feld der Kunst ist: Um Beachtung zu finden, musste er nicht nur das Handwerk meisterhaft beherrschen, sondern auch im grossen Massstab arbeiten. Seine Lebensaufgabe fand er darin, Motive aus der Welt der Schwarzen unübersehbar in den Mittelpunkt zu stellen. Obwohl es Plattformen für Schwarze Avantgarde-Kunstschaffende gibt, ignoriert er die weisse Avantgarde nicht.

Anfänglich setzte er sich mit Collagen von Kurt Schwitters auseinander, wandte sich dann aber der figurativen Malerei zu. Da die alten Meister von Dürer bis Rembrandt ihre künstlerischen Absichten über Selbstporträts vermittelten, begann er den Werkzyklus A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self (1980). Der Titel verweist auf James Joyces gleichnamigen Roman von 1916. Auf dem kleinformatigen Portrait stellt sich Marshall nicht wirklichkeitsgetreu dar, sondern als lachenden Schwarzen Mann mit fehlendem Vorderzahn. Eine Darstellung, die sich auf rassistische Stereotypen und Karikaturen bezieht.

«Untitled (Painter)», 2008. 184,8 x 155,6 cm. Foto: © Anne Arca

Marshall entschied sich früh, schwarz dargestellte Figuren auch vor einem schwarzen Hintergrund zu malen. Dafür entwickelte er eine eigene differenzierte Malweise. Er mischt auf der Palette Schwarz mit anderen Farben und setzt auf der Leinwand unterschiedliche schwarze Farbtöne nebeneinander. Dazu meint er, «wenn man Schwarz sagt, sollte man Schwarz sehen». Er versucht kaum je, die Brauntöne echter Haut wiederzugeben. Im Kontrast zum Schwarz leuchten seine bunten Farben umso intensiver. Auf dem Gemälde ohne Titel (Studio) gewährt er einen Blick in sein Atelier. Ein angefangenes Bild steht auf der Staffelei, daneben Farbtöpfe, Pinsel und Modelle.

«Ohne Titel (Studio)», 2014. 211 x 302 cm

Auf den ersten Blick wirken Marshalls Gemälde farbenprächtig und virtuos. Unter der Oberfläche entfalten sich jedoch komplexe Erzählungen über Themen wie Bürgerrechtsbewegungen, transatlantische Sklaverei, kultureller Transfer und Schwarze Alltagskultur. In den 1990er Jahren versuchte er erstmals die Geschichte der Middle Passage zu thematisieren, die brutale Überquerung des Atlantiks, bei der viele gefangene Afrikaner und Afrikanerinnen den Tod fanden, ehe sie die Sklavenmärkte in Amerika erreichten. Diese Darstellungen ergänzt er auch mit Symbolen der Yoruba aus dem Voodoo und anderen synkretistischen Religionen, die durch die afrikanische Diaspora praktiziert werden. Nicht nur, um Widerstand zu leisten, sondern auch, um die Verbindung mit Afrika aufrechtzuerhalten.

«Wake» und «Gulf Stream», beide 2003. Das schwarze Schiff auf einem Sockel steht für ein schwarzes Meer und erinnert an die Reise versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Medaillons stehen für Kraftfiguren, ein Hinweis auf ihre Errungenschaften.

Mit der Serie Souvenirs schuf Marshall in den 1990er-Jahren eine Folge von Gemälden, Fotografien, Skulpturen, Drucken und Videos, die an die 1960er-Jahre erinnern, geprägt von unerfülltem Optimismus und politischen Aufständen. Angesiedelt in einfachen Wohnzimmern gemahnen Bilder und Schriften an den Wänden an die Ermordeten wie die Kennedys oder Dr. Martin Luther King Jr. Ein Engel bringt Blumen in das bereits mit Pflanzen geschmückte Zimmer, das so zur Gedenkstätte wird. Ob sich der Engel wirklich auf die Verkündigungsszene der Renaissance bezieht oder als spiritueller Begleiter erscheint, sei dahingestellt.

«Souvenir II», 1997. Acryl, Collage und Glitter auf ungespanntem Leinwandbanner, 274 x 304,8 cm

In einer Portrait-Serie gedenkt Marshall der Menschen, die gegen Sklaverei und Unterdrückung rebellierten. Da es von vielen dieser historischen Persönlichkeiten keine Bilder gibt, hatte der Künstler in der Darstellung freie Hand. Einzelne sind jedoch so intensiv in Black Painting dargestellt, dass sie kaum mehr erkennbar sind und die Grenze der Wahrnehmung in Frage stellt.

«Wheatley-Peters (1753-1784), African Poet in America», 2023. Tusche auf Papier

Gut erkennbar ist hingegen die Tuschmalerei der Poetin Phillis Wheatley-Peters (1753-1784). Als sie in Boston versklavt war, schrieb sie Gedichte und wurde zur ersten Afroamerikanerin, die unter ihrem eigenen Namen publizieren konnte. Während sie auf dem Titelblatt von Poems on Various Subjects, Religious and Moral von 1773 im Profil dargestellt erscheint, zeigt sie Marshall mit nach vorne gerichtetem Blick: Eine freie, verheiratete Frau beim Schreiben ihres zweiten Buches, die Präsenz und Handlungsmacht vermittelt.

Titelbild: «Keeping the Culture», 2010, 76,2 x 121,9 cm. Foto: © Private Collection Christie’s Images/Bridgeman Images.  Fotos: rv

Bis 16. August 2026
«Kerry James Marshall: The Histories / Geschichte(n)», im Kunsthaus Zürich
Katalog: Hrsg Mark Godfrey mit verschiedenen Essays, zahlreiche Abbildungen, in deutscher oder in englischer Sprache im Design Shop (Chipperfield), CHF 52.00

 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-