Die bisherigen ärztlichen Kontrollen für über 75-jährige Autofahrende sind unzuverlässig. Viele, die scheitern, würden bei Kontrollfahrten bestehen. Eine Studie schlägt neben solchen Prüfungen auf der Strasse normierte Tests und Eignungsstufen vor. Brigitte Gantschnig, Mitautorin der Studie, weiss, dass ein Fahrverbot Betroffene aus der Bahn werfen kann.
Eine nationale Studie der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit Lausanne und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, zeigt, wie die bisherigen Abklärungen zur Fahreignung von über 75-Jährigen verbessert werden können. Wie die vorgeschlagenen Kontrollfahrten realisiert werden sollen, ist noch nicht klar. Brigitte Gantschnig von der ZHAW ist Mitautorin der Studie.
Seniorweb: In Ihrer Studie legen Sie viel Wert auf standardisierte Tests. Was heisst das?
Brigitte Gantschnig: Standarisiert bedeutet, dass die Tests vereinheitlicht sind. Ziel ist, dass die Ergebnisse für alle Teilnehmenden fair sind und unter gleichen Bedingungen vergleichbar sind.
Wenn sie sich auf die Fahreignung beziehen, bleiben die Tests Trockenübungen. Ihre Studie empfiehlt ergänzend Kompetenzfahrten. Deren Ergebnisse sind doch subjektiv.
Die bisher eingesetzten Tests helfen bei der Überprüfung, entscheiden aber nicht – die reale Fahrt ist zentral. Sie hat die höchste Vorhersagekraft und kann wie in anderen Ländern auch standardisiert durchgeführt werden.
Ich als Prüfling fahre, neben mir sitzt die Fachfrau, der Fachmann. Unerwartet kommt ein Velofahrer von rechts. Wie bewertet er oder sie objektiv, ob ich mich falsch, halb falsch oder richtig verhalte?
Beim Autofahren verankern sich viele erworbene Gewohnheiten und Routinen. Diese haben Autofahrerinnen und -fahrer langjährig erworben und können bei einer Kompetenzfahrt schnell abgerufen werden. Die Experten erkennen, ob die Fahreignung in standardisierten Situationen adäquat ist. Sie beurteilen, wie die Autofahrenden mit Hilfe von Gewohnheiten und Routinen reagieren. Das ergibt überprüfbare Resultate, mit welchen auch die Fahreignung über die Situation hinaus beurteilt werden kann.
Grafik I
Jüngere Seniorinnen und Senioren bewegen sich im orangen Bereich, ältere sogar im roten. Von Autolenkenden verursachte Unfälle pro 1 Million gefahrene Kilometer 2025. Bei den Jungen, 18-24 Jahre, sind es 0,28 Unfälle. Im Mittelbereich, 25-64, sind es 0,12 Unfälle. Bei den Älteren steigt der Wert auf 0,22. Bei ben Ältesten, 80+, sind es 0,72. Über 80-Jährige verursachen also sechs Mal mehr Unfälle als 25 bs 64-Jährige.
Damit erzielen Sie genauere Resultate als über die bisherigen Tests?
Die jetzigen weitgehend kognitiven Tests messen nicht, wie gut der Fahrer, die Fahrerin Auto fahren kann. Eine Vielzahl der Leute, die bei diesen kognitiven Texts durchfallen, würden reale Kompetenzfahrten bestehen. Diese sind viel fairer und zuverlässiger und haben die höchste Vorhersagegenauigkeit
Sie bestätigen damit jene Autofahrenden, die Gefälligkeitstests wollen, ausgestellt durch die wohlmeinende Hausärztin oder den netten Hausarzt. Gibt es Zahlen zu diesen Gefälligkeits- oder Schummeltests?
Nein, gibt es nicht. Das grössere Problem als die Schummelei ist, dass die derzeit eingesetzten Tests unzuverlässig sind und eine geringe Vorhersagekraft haben.
Diese Arzttests sind denn auch heftig umstritten.
Die Tests verfehlen aus zwei Gründen ihr Ziel. Sie sind wie gesagt unzuverlässig. Und sie muten der Ärztin, dem Arzt eine überaus schwierige Doppelrolle zu. Er oder sie ist einerseits Hausarzt oder Hausärztin und hat die zu Testenden oft über lange Zeit betreut. Jetzt sollen sie entscheiden, ob ihr Patient noch Auto fahren darf. Das Verbot kann bedeuten, dass der Arzt seinen Patienten in die Einsamkeit schickt.
Viele Senioren und Seniorinnen vertrauen ihrem Hausarzt. Wenn dieser vom Autofahren abrät, folgen sie seinen Empfehlungen.
Das sollen sie auch. Aber aufs Auto zu verzichten kann sehr emotional sein. Studien belegen, dass eine sinkenden Mobilität sich negativ auswirkt auf die soziale Teilhabe, die Lebensqualität, die Autonomie und die Gesundheit von älteren Menschen. Umgekehrt erhöht Mobilität im öffentlichen Raum soziale Teilhabe, Lebensqualität, Autonomie und Gesundheit.
Wenn sich unser Lebensraum verkleinert, vermindert sich auch unsere Lebensqualität?
Es geht eben nicht nur ums Auto fahren, sondern um weit mehr, um unsere gesamte Mobilität. Unsere Lebensqualität und Gesundheit leidet, wenn wir nicht mehr zur Bushaltestelle, zum Einkaufen oder in die Kirche gehen und unsere Enkel nicht mehr besuchen können.
Um die unerwünschten Nebenwirkungen des Fahrverbots zu mindern, schlagen Sie vier Eignungsstufen vor. Was bedeuten sie?
Stufe 4 heisst, dass diese Person ohne Auflagen weiterfahren kann. Die Stufe 1 gilt für Leute, die nicht mehr Auto fahren können und denen der Ausweis sofort entzogen werden sollte.
Grafik II
Je älter desto grösser ist der Anteil der Senioren an den schwer verletzten und getöteten Auto-Insassen. Bei den Verstorbenen war mehr als ein Drittel älter als 65-jährig. Berücksichtigt sind die Jahre 2015 bis 2024.
Was besagen die zwei Stufen dazwischen?
Sie bedeuten, dass diese Person ihre Fahrkompetenz mit einer Fahrlehrerin oder einem Fahrlehrer verbessern und trainieren soll: In der Stufe drei empfehlen wir eine Kompetenzfahrt und allenfalls ein Fahrtraining, in Stufe zwei empfehlen wir eine Kompetenzfahrt und die Einleitung und Unterstützung des Fahrstopps. Weiter ermöglicht die Abstufung, die Fahrerlaubnis auf ein Gebiet oder eine Tageszeit zu beschränken. Er oder sie darf nicht mehr nachts oder nur noch innerhalb eines Rayons fahren. Dies kann sinnvoll sein, weil die Person die Gegend gut kennt und innerhalb dieses Kreises noch sicher fährt und somit ihr selbständige Mobilität im nahen Umkreis erhalten kann
Möglichkeiten für Fahrtrainings sind in der Schweiz eher selten.
Es bräuchte in der Schweiz viel mehr Angebote, um Personen, die in diesem Zwischenbereich unterwegs sind, also Stufen 2 und 3 , zu unterstützen. – Beispielsweise mit ÖV-Training, wie es von Pro Senectute angeboten wird, oder durch Fahrstunden, in denen gezielt Kompetenzen gestärkt werden wie zum Beispiel Swissdrive.
In der von Ihnen mitverantworteten Studie steht, dass die heutigen Eignungsprüfungen kantonal geregelt sind. Welches sind die schärfsten Kantone, wo drücken die Behörden ein Auge zu?
Das ist eine sehr gute Frage, die sich mir jedoch etwas anders stellt, nämlich: Bei wem kann ich eher den Test bestehen? Diese Frage hängt von Faktoren wie dem Kanton, der Sprachregion und dem beruflichen Hintergrund der Person ab, bei der ich die Fahreignung abklären lasse – z.B. ob es eine Hausärztin oder ein Verkehrsmediziner ist. Welches die «schärfsten» Kantone sind, kann ich leider nicht beantworten.
Schade, das hätte viel Strassenstaub aufgewirbelt.
Immerhin kann ich bestätigen, dass es Unterschiede bei der Abklärung gibt.
In den Kantonen Jura und Waadt ergänzen die Ärzte und Ärztinnen die kognitiven Tests schweizweit am meisten mit Kontrollfahrten.
Ein Röstigraben mit kartografisch nicht ganz eindeutigen Grenzen?
Mag sein. Ganz sicher gibt es aber Differenzen zwischen Stadt und Land. In wenig besiedelten Gebieten ist die Bevölkerung stärker aufs Auto angewiesen. Das St. Galler Rheintal hat die höchste Rate an Privatfahrzeugen, in den Städten ist diese Rate kleiner. Die Notwendigkeit,, auf dem Land autofahren zu können ist sehr viel grösser. Ich bin selber in abgelegenen Bergen aufgewachsen und weiss, was es heisst, die Mutter oder den Vater überall hinzubringen oder von ihnen gebracht zu werden. Das heisst, nicht mehr Autofahren zu können, betrifft nicht nur Autonomie und Mobilität von Autofahrerinnen und Autofahrern, sondern die ganze Familie, die dann Fahrten anbieten muss.
Gibt es neben diesen Stadt-Land-Differenzen auch politische Gräben?
Rein politische Gräben denke ich nicht. Aber es gibt andere Spannungen, beispielsweise zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Medizin und Verwaltung, oder zwischen Bund und Kantonen. Auch wenn diese Unterschiede nicht zwischen links und rechts variieren, existiert ein gesellschaftspolitisches Minenfeld. Wie auch immer: Bei all diesen Fragen würde eine zuverlässigere Abklärung der Fahreignung mit grösserer Vorhersagkraft helfen.
Seniorinnen und Senioren sind beliebte Labormäuse. Es gibt unzählige Studie über sie. Doch sie werden beim Aufbau, bei den Fragestellungen und den Zielen dieser Untersuchungen kaum beteiligt. Haben auch Sie bei Ihrer Arbeit die Betroffenen links liegen gelassen?
Ja, zugegeben. Beteiligt waren unter anderem Verkehrspsychologinnen, Verkehrsmediziner, Ergotherapeutinnen, Hausärzte und Fahrlehrerinnen. Immerhin waren bei den Diskussionen über den Zweck und die Ziele auch Seniorenorganisationen dabei. Die Anliegen der Senioren waren durch die von uns verwendeten Grundlagen vertreten. Aber dass wir für unsere Arbeit die Senioren nicht direkt befragt haben, ist eine Schwachstelle, ein Makel. Allerdings haben wir in die Studie Ergebnisse von früheren Befragungen von Senioren herangezogen und einfliessen lassen.
Brigitte Gantschnig ist Professorin für Ergotherapie am Departement Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Sie ist Mitautorin der hier vorgestellten Studie, die von Isabel Margot-Cattin von der Fachhochshule Westschweiz HES-SO und von Christian Palmiere vom Waadtländer Unversitätsspital in Lausanne geleitet wurde.
Die Kontrollen heute
Wer 75 ist muss eine verkehrsmedizinische Untersuchung absolvieren. Diese wird alle zwei Jahre wiederholt.
Zur Prüfung berechtigt sind Ārzte mit einem entsprechenden Zertifikat. Meist gehen die Autofahrenden zu ihrer Hausärztin, ihrem Hausarzt. Er oder sie kontrolliert das Seh- und Hörvermögen, die kognitiven Fähigkeiten und den allgemeinen Gesundheitszustand.
Im Interview kritisiert Brigitte Gantschnig diese Prüfung als zu wenig aussagekräftig.
Kommentare erwünscht. Unter anderem zu dem hier verlinkten Beitrag haben sich viele Seniorweb-Lesende über die Autofahrtests für Semiorinnen und Senioren geäussert. Seither sind vier Jahre vergangen. Tests auf der Strasse, abgestufte Fahrerlaubnis? Wie beurteilt unsere Leserschaft diese und die weiteren Vorschläge? Wir freuen uns auf Kommentare.
Grafik: BA für Statistik, pst. Bilder pixabay



«… dass eine sinkende Mobilität sich negativ auswirkt auf die soziale Teilhabe, die Lebensqualität, die Autonomie und die Gesundheit von älteren Menschen.» Da wir nun aber wohl alle einmal in die Situation kommen können, aus irgendwelchen Gründen (nicht nur altershalber) nicht mehr selber fahren zu dürfen, sollte man doch primär versuchen, die Bedeutung des Autofahrens für die eigene Lebenszufriedenheit zu reduzieren. Da spielt die Wahl des Wohnortes (gute öV-Anbindung!) eine ebenso grosse Rolle wie die Erarbeitung eines generell weniger auf dem Auto beruhenden Lebensstils. Dies schon in jüngeren Jahren anzustreben, lohnt sich deshalb nicht bloss aus ökologischen Gründen, sondern auch aus solchen ganz persönlichen Überlegungen.
Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Herr Hoffmann. Zudem könnte man das Problem auch finanziell betrachten: Was kostet mich mein Auto pro Monat und wie viele Taxifahrten zu geselligen Anlässen könnte ich mir dafür leisten? Mehr als ich je brauchen werde 🙂
Seit ich 80 bin (1941) nehme ich Jahr für Jahr eine fahrstunde bei einem fahrlehrer. Sollte obligatorisch sein. Das Interview ist sehr aufschlussreich und lehrreich. Bitte befolgen.
Ich habe freiwillig einen Fahrtest beim TCS absolviert, mit einem positiven Resultat. Dauer ca. 1 Stunde.
Ich befuhr Landstrassen, Autobahn, Kreisel, links und rechts abbiegen und Vollstop. Aber ob solche Tests im grossen Stil durchführbar wären kann ich nicht abschätzen.