Nach mehreren Jahren in Paris kehrt Lilia in das Haus ihrer Kindheit in Tunis zurück. Anlass der Reise ist die Beerdigung ihres Onkels. Was ihr einst vertraut und selbstverständlich erschien, wirkt nun ungewohnt und entrückt. Hinter den sonnengewärmten Mauern des Hauses leben drei Frauengenerationen zusammen unter einem Dach, die durch Fürsorge, Verpflichtungen und ein komplexes Geflecht aus Erinnerungen verbunden sind. In den schmalen Gängen, den eingespielten Gewohnheiten und den vielsagenden Blicken schwingt eine unterschwellige Anspannung mit, die den Alltag prägt.
Mit jedem Tag beginnt das scheinbar Vertraute zu bröckeln. Familiengeschichten erhalten neue Bedeutungen und sorgfältig bewahrte Überzeugungen geraten ins Wanken. Zwischen ihrem unabhängigen Leben in Frankreich und den traditionellen Wertvorstellungen ihrer Familie öffnet sich ein schmerzlicher Abstand. Ihr Aufenthalt entwickelt sich zu einer aufwühlenden Begegnung mit den eigenen Wurzeln und den Beweggründen, die sie einst fortgeführt haben.
Mit dem Tod ihres Onkels kommen lange verborgene Geheimnisse ans Licht. Nach und nach erfährt Lilia von dessen heimlicher Liebe zu einem Mann, die er aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und strafrechtlicher Verfolgung nie offen leben konnte. Homosexualität ist in Tunesien bis heute kriminalisiert. Die Erkenntnis über das Leben ihres Onkels verändert nicht nur Lilias Blick auf die Familie, sondern auch auf sich selbst. Seine Geschichte wird zum Spiegel ihrer eigenen Erfahrungen und wirft Fragen nach Zugehörigkeit, Loyalität und Selbstbestimmung auf.
Mit «À voix basse» entwirft Leyla Bouzid das eindringliche Bild einer Gemeinschaft, in der Verschwiegenes oft stärker nachhallt als offen Ausgesprochenes. In warmen, stimmungsvollen Bildern entfaltet sich eine fein austarierte Erzählung über familiäre Loyalitäten, soziale Erwartungen und den Wunsch nach persönlicher Freiheit. Das nuancenreiche Zusammenspiel von Eya Bouteraa, der grossartigen Hiam Abbass und der Newcomerin Marion Barbeau verleiht den Figuren eine beeindruckende Lebendigkeit.
Der im Wettbewerb der Berlinale 2026 präsentierte Film überzeugt durch seine genaue Beobachtung menschlicher Beziehungen und sein Gespür für die Zwischentöne. So entsteht ein bewegendes Drama über Herkunft, Selbstfindung und die unsichtbaren Linien, die Menschen mit ihrer Vergangenheit verbinden.

