Im Palais Lumière von Evian am Genfersee ist die Ausstellung «Sarah Bernhardt – Der lebende Mythos: Die Leidenschaft eines Sammlers» noch bis zum 3. Januar 2027 zu sehen: Die Legende von «Sarah, la Divine» reicht bis heute weit über Frankreich hinaus.
Dem Kunsthistoriker und Autor Pierre-André Hélène ist die Chance zu verdanken, fast 200 Objekte aus der Welt der grossen Tragödin betrachten zu können. Seine Sammlung umfasst Familienfotos, offizielle Fotos, Porträts und Karikaturen der und jener prominenten Persönlichkeiten, die Sarah Bernhardt umgaben.
Eugène Grasset:Theaterplakat mit Sarah Bernhardt als Jeanne d’Arc
Auch Objekte rund um die Bühnen, auf denen Sarah auftrat, werden gezeigt, darunter Plakate, Programme, Kostüme und Alltagsgarderobe, Schmuck und Bühnenszenen der Künstlerin in ihren grossen Rollen. Eine Kuriosität in dieser Sammlung ist ein verziertes und vergoldetes Türschloss zu ihrer Loge im Théâtre Sarah-Bernhardt. Wobei es sich nicht nur um eine simple Loge handelte, dahinter verbarg sich ein kleines Drei-Zimmer-Appartement.
Sarah Bernhardt: Mains jointes (umschlungene Hände), Bronze, 1908.
Sarah Bernhardt (1844-1923) zieht nicht nur auf der Bühne das Publikum in ihren Bann und wird dafür gemalt, gezeichnet, fotografiert. Sie greift selbst zum Meissel oder zum Malerpinsel und erschafft Skulpturen, darunter ein Selbstporträt aus Marmor, umschlungene weibliche Hände aus Bronze, oder auf einer jugendstil-verzierten Malerei sich selbst im Hosenkostüm eines Weissclowns.
Auch auf die opulente Gestaltung von Wohnlandschaften, zum Beispiel in repräsentativen Gebäuden der Belle Epoque, nimmt Sarah Bernhardt Einfluss. Und sie wird im ganzen Land und darüber hinaus zum Vorbild für ungewöhnliches Dekor und den Jugendstil.
Sarah Bernhardt als Titelheld im Stück «l’Aiglon» von Edmond Rostand, aufgeführt 1900 im Théâtre Sarah Bernhardt
Diese eigenwillige Künstlerin tritt nicht nur in den grossen Frauenrollen auf, sondern auch in Männerrollen, z. B. als Hamlet, denn sie trägt sowohl verführerisch feminine als auch maskuline Züge und liebt beide Geschlechter. Es überrascht nicht, dass eine derart ausgeprägte und kreative Persönlichkeit bereits im 19. Jahrhundert zu reisen beginnt und über 40 Jahre wie eine Botschafterin des französischen Theaters sämtliche Kontinente bereist. Dabei fängt sie sich den Beinamen «muse ferroviaire» ein, wird aber auch – abwertend – nach dem zeitgenössischen Bestseller «la juive errante» genannt.
Sarah Bernhardt in New York. Porträtfoto von Napoleon Sarony, 1880
Ihre erste Reise in die USA fällt in das Jahr 1880. Worauf sich der Bischof von Chicago und zahlreiche puritanische Moralisten darüber empören, dass diese skandalöse Kurtisane aus Europa im Namen der Kunst die amerikanische Jugend verderbe. Doch das amerikanische Volk lässt sich nicht bevormunden. Ein Cowboy, dem der Eintritt zur Vorstellung verwehrt wird, weil er zu spät kommt, erzwingt sich den Zutritt, indem er seinen Revolver zieht und ruft: «Ich bin 300 Kilometer geritten, um Ihren ‘Frenchy’ zu erleben. Lasst mich sofort rein!»
Sarah Bernhardt: Après la tempête (Nach dem Sturm), Marmor, 1876
Sarah Bernhardt fasziniert das Publikum, auch wenn es ihre Sprache nicht versteht. Und sie reist gern. Zu einem Auftritt in Deutschland Anfang 1900 jedoch muss sie erst überredet werden. Denn die leidenschaftliche Patriotin ist geprägt von den Kriegsereignissen 1870/71, als Paris von den Deutschen belagert wurde. Im Foyer des Odéon hat sie, erst 26 Jahre alt, für die Verwundeten eine Ambulanz mit 150 Betten und deren Betreuung organisiert. Aber sie springt schliesslich über ihren Schatten und begeistert erstmals im Jahr 1902 auch das deutsche Publikum in Frou frou und La Tosca.
Sarah mit ihrer Mutter. Illustration aus der Autobiographie «Ma double vie», 1907, nach einem Foto von Félix Nadar
Sarahs Mutter, Judith van Hardt, war eine bekannte Kurtisane. Ihren Vater hat die Tochter nie kennengelernt. Sein Name und Aufenthalt waren unbekannt. Erst Recherchen im Jahr 2023 identifizierten ihn als ehemaligen Gerichtsschreiber am Gerichtshof von Le Havre, der wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder eine Gefängnisstrafe hat absitzen müssen und wenig später starb.
Theaterluft hat die Künstlerin bereits als Kind geschnuppert, als sie einige Jahre in einem Versailler Nonnenkloster verbringt. Bei einem ersten Auftritt spielt sie den Engel Gabriel. Ein Beschützer der Mutter, der Duc de Morny, Halbbruder von Napoleon III., ermöglicht ihr im Alter von 15 Jahren den Zugang zum Pariser Konservatorium und den Start ihrer aussergewöhnlichen Karriere – zunächst an der Comédie Française. 1899 übernimmt Bernhardt das Théâtre des Nations, das später ihren Namen trägt.
Es scheint erwiesen, dass sie sich in den Anfangsjahren ihrer Laufbahn – wie ihre Mutter – von wohlhabenden Liebhabern oder Liebhaberinnen unterstützen lässt, denn das Theater bringt lange Zeit zu wenig ein.
Frédéric Regamey: Sarah Bernhardt in der Rolle der Zaïre im gleichnamigen Stück von Voltaire. Farblithografie, 1875
Sarah Bernhardt hatte einen ausserehelichen Sohn namens Maurice. Er war Spross des belgischen Aristokraten Prince de Ligne, der sein Kind jedoch nicht anerkannte. Sie war auch kurz verheiratet mit dem ebenfalls schauspielernden griechischen Diplomaten Aristide Damala, der mit 34 Jahren starb. Den Rest ihres Lebens verbringt die Künstlerin unabhängig, umringt von Prominenten: Schauspielern wie Lucien und Sacha Guitry, Schriftstellern wie dem Iren Oscar Wilde oder Alexandre Dumas jun. und Victor Hugo, von Malern und Illustratoren wie Henri de Toulouse-Lautrec und von Komponisten wie Jules Massenet oder Giacomo Puccini.
Ausstellungsansicht im Palais Lumière. Foto: C. Kaiser
Tragisch die Vorstellung, dass ausgerechnet einer Tragödin und Patriotin, der die Bühne alles bedeutet und die sich so beispiellos für die Kriegsversehrten im verlorenen Krieg gegen Deutschland eingesetzt hat, im Jahr 1915 das rechte Bein amputiert werden muss. Vorgeschädigt durch kleinere Unfälle kommt es 1905 auf ihrer dritten Tournee nach Südamerika in Rio bei der Aufführung der Tosca zu einem fatalen Sturz: Bernhardt, der die Rolle der Floria Tosca von dem Dramatiker Victorien Sardou auf den Leib geschneidert wurde, muss sich in diesem Stück von einem Turm in den Tod stürzen. Ein Bühnenmitarbeiter jedoch hat vergessen, den die Sturz auffangende Matte bereit zu legen. Sarah springt trotzdem zwei Meter in die Tiefe.
Sarah Bernhardt als Cléopâtre, Gemälde von Georges Clairin, 1893
Ihr rechtes Knie ist schwer verletzt und wird nicht mehr heil, schon weil sie wegen der vielen Tourneen keine Rücksicht nehmen kann. Zehn Jahre dauert ihr Leidensweg. In einem Brief fleht sie ihren «Docteur Dieu» an, das Bein zu amputieren. Sonst werde sie sich selbst eine Kugel ins Bein schiessen, damit es amputiert werden müsse. Neun Monate nach der Amputation steht sie bereits wieder auf der Bühne – ohne Stock, ohne Holzprothese. Sie spielt einbeinig und aufrecht oder im Sitzen und vermeidet es möglichst, sich an Möbeln abzustützen. Direkt nach der Amputation bietet ihr der Chef des Zirkus Barnum 100 000 Dollar für ihr Bein. Die Göttliche, antwortet: «Welches Bein möchten Sie?»
Zeitungsausschnitt mit einer Szene aus dem Stück «Vom Theater zum Feld der Ehre» von und mit Sarah Bernhardt. 1916
Von Aufgeben keine Spur! Im ersten Weltkrieg spielt sie an der Front und überquert in einem Tragstuhl Schlachtfelder, obwohl sie auf einer Liste der Geiseln steht. 1916 fährt die Grande Dame sogar noch einmal über den Atlantik, um die amerikanische Öffentlichkeit während einer 18-monatigen Tournee zu überzeugen, dass es an der Zeit ist, in den Krieg einzugreifen und Frankreich beizustehen. Am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstands, ist sie zurück auf dem Alten Kontinent und stolz darauf, «zum Sieg beigetragen zu haben».
Titelbild: Sarah Bernhardt am Set des nie vollendeten Stummfilms „La Voyante“ (Die Hellseherin) kurz vor ihrem Tod 1923. Foto: Auguste Bert
Bis 3. Januar 2027
Zur Ausstellung ist ein Katalog in einer englischen (ISBN 978-2488664196) und einer französischen (ISBN 978-2488664172) Ausgabe erschienen.
Informationen zur Ausstellung über Sarah Bernhardt in Evian
Anreise mit der Fähre ab Lausanne
