Sie war schon fast erwachsen, als der 2. Weltkrieg anfing: Irene Laarhuis, die älteste Bewohnerin aus Muttenz (Kanton Baselland) hat ein bewegtes Leben hinter sich.
«Und das muss ich jetzt auch noch sagen»: Irene Laarhuis, die am 4. Januar 2027 ihren 104. Geburtstag feiert, befindet sich in ihrem Element. Mehrmals hebt die alte Frau an der Vernissage die Hand, um ein weiteres Detail aus ihrem langen Leben zu ergänzen. Mit klarer Stimme und klarem Verstand. Der Anlass in der Baselbieter Gemeinde Muttenz ist ihr, respektive einer Schriftenreihe* über sie gewidmet. Verfasst wurde die Publikation von Prof. Dr. Florian Blumer, der wie Irene Laarhuis in Muttenz beheimatet ist.
Bei unserem Besuch ein paar Wochen später befindet sie sich zwar gerade im Spital/Pflegezentrum Adullam in Riehen, weil es ihr gesundheitlich grad nicht so gut geht und sie auch schwach auf den Beinen ist. Aber sie macht täglich ihr Fitnessprogramm und hofft, in Kürze wieder an ihren Lebensort in Muttenz an die Gartenstrasse zurückzukehren. Hier, in einem Haus der Gemeinde, verbringt sie noch weitgehend selbstständig in einer Wohnung ihren Lebensabend.
Andere Zeiten
Als Irene Laarhuis 1923 an der deutsch-holländischen Grenze in Rheine (Westfalen) geboren wurde, war die Welt noch eine ganz andere. Die Elektrifizierung stand erst gerade am Anfang. Praktisch niemand verfügte über einen Kühlschrank, und gewaschen wurde noch von Hand mit Waschbrett, Kernseife sowie einem grossen Kessel mit heissem Wasser. Die meisten Wohnungen wurden mühsam mit Kohle- oder Holzöfen geheizt, die man täglich befeuern musste. Ein eigener Telefonanschluss zu Hause galt als Rarität, und das Fernsehen steckte in den allerersten Testschuhen. Das absolute High-Tech-Medium dieser Epoche war ein Röhrenradio. „Ins Spital wurde ich als Kind noch mit der Kutsche gebracht“, erinnert sie sich.
Irene Laarhuis (103) an der Vernissage zusammen mit Florian Blumer, dem Autor ihrer Biografie. Foto Markus Sutter
Ganz persönliche Erfahrungen über den Wandel der Zeit hat Irene Laarhuis als gelernte Krankenschwester auch auf dem Gebiet der Medizin gemacht. Bei gewissen Schilderungen sträuben sich einem geradezu die Nackenhaare. Eine einfache bakterielle Infektion oder eine Lungenentzündung endeten damals oft noch tödlich. Plastikspritzen, sterile Einweghandschuhe oder fertige Verbandsets gab es noch (lange) nicht.
Aber zurück zu den Anfängen: Ihre Jugendzeit war unmittelbar von den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Nachkriegszeit und den Schrecken des Nationalsozialismus überschattet. «Noch zur Schulzeit hatte ich eine Schnupperlehre im Kindergarten bei Ordensschwestern gemacht. Das hätte mir Freude bereitet, doch in der Hitler-Zeit kamen anstelle der Ordensschwestern braune Nazischwestern. Mein Vater wollte nicht, dass ich meine Lehre dort mache.»

Ein Blumenstrauss für Irene Laarhuis (rechts) zu ihrem 30. Geburtstag. Foto z.V.g.
Folglich absolvierte sie nach der Schule ein Pflichtjahr, mit allerdings schlechten Erinnerungen. «Es gab viel Arbeit und ein ganzes Jahr lang keinen einzigen Tag frei. Der Lohn betrug pro Woche eine Mark. Mein Zimmer befand sich auf dem Dachboden, ohne Heizung oder fliessendes Wasser. Im Winter musste ich zuerst die Eisschicht vom Waschbecken nehmen und aus dem Fenster werfen, ehe ich mich waschen konnte.
Verlobter im Krieg verschollen
Das einschneidendste Erlebnis war für sie jedoch ganz persönlicher Natur. Ihr damaliger Verlobter kehrte nicht aus dem Krieg zurück. «Ich habe sogar Tito geschrieben». Zwar erhielt sie eine Antwort von einem Mitarbeitenden des damaligen jugoslawischen Staatspräsidenten, aber keine, die sie befriedigte. Ihr Verlobter blieb unauffindbar.
Dieser schmerzhafte Verlust, der sie ein Leben lang begleitete (Irene Laarhuis ging später keine Verbindung mehr mit einem Mann ein), wurde zu einem Katalysator für eine radikale Lebenswende. Entschlossen, den Kummer in eine sinnstiftende Tätigkeit umzuwandeln und ganz neu anzufangen, kündigte sie ihre damalige sichere Bürostelle. Sie entschied sich stattdessen für einen Weg, der ihre gesamte Identität bestimmen sollte: Sie liess sich zur Krankenschwester ausbilden und widmete sich ganz der Pflege bedürftiger Menschen.
Irene Laarhuis pflegte während längerer Zeit diesen an Polio erkrankten jungen Mann. Foto z.V.g.
Eindrücklich beispielsweise, wie sie von einem 28-jährigen Mann erzählt, der unter Polio litt und den sie längere Zeit während ihrer Ausbildung in Wiesbaden betreute. Gegen diese Kinderlähmung gab es keine erfolgreiche Behandlung, keine Impfung. Polio lähmt die Lunge, bis man nicht mehr atmen kann und stirbt. Um seinen Körper dennoch lange am Leben zu halten, wurde er rundum verschlossen in eine sogenannte Eiserne Lunge gesteckt, die ihn beim Atmen unterstützte. Sichtbar war nur der Kopf. Durch die Öffnung einer Klappe wurde er täglich gewaschen. Die Pflege dieses durchaus fröhlichen jungen Mannes, mit dem man sich gut unterhalten konnte und dessen Familie sie auch bestens kannte, habe sie stark belastet und war mit ein Grund, dass sie von dort fort wollte.
Weg in die Schweiz
Der Weg führte sie 1953 in die Schweiz, zuerst nach Basel, wo sie in der städtischen Krankenpflege Fuss fasst und Erfahrungen im Schweizer Gesundheitssystem sammeln konnte. Der entscheidende Moment war das Jahr 1966. Gemeinsam mit ihrer engen Freundin und Berufskollegin Friedel bewarb sie sich erfolgreich auf ausgeschriebene Stellen für das Amt von Gemeindeschwestern in Muttenz. Sie arbeiteten dort jahrelang Hand in Hand.
Die Geschwister unter sich (um 1940) . Die jüngste Schwester lebt auch noch und ist heute 90 Jahre alt. Foto z.V.g.
Wenn man Irene Laarhuis über die damalige Zeit erzählen hört, fällt sofort auf: Das Amt einer Gemeindeschwester in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist mit der heutigen, stark durchgetakteten Spitex-Pflege kaum mehr zu vergleichen. Der Titel der Biografie über sie bringt die damalige Situation mit vier Wörtern auf den Punkt: «Wir hatten immer Dienst».
Die Gemeindeschwestern waren zur Stelle, wann immer man sie brauchte, eigentlich rund um die Uhr, also auch in der Nacht, an Wochenenden oder an Feiertagen. Ihr Einsatzbereich reichte von der Säuglingspflege über die Betreuung Schwerkranker bis hin zur Sterbebegleitung. Sie war mehr als eine medizinische Fachperson, sondern auch Seelsorgerin, Notfallhelferin bis zu ihrem offiziellen Ruhestand im Jahre 1986. Im Dorf ist sie aber bis heute eine feste Institution geblieben. Irene Laarhuis steht symbolisch für eine Generation von Pflegefrauen, die mit unermüdlicher Nächstenliebe das Fundament für die moderne Pflege ambulante Pflege in der Schweiz gelegt haben.
Es liegt auf der Hand, dass man eine bald 104-Jährige auch danach fragt, wie sie zum Tod steht. «Gott sorgt sich für mich. Er hat alles gut gemacht», sagt sie dazu. Nach ihrem Tod werde sie schlafen und von Gott wieder aufgeweckt , gibt sich die Adventistin überzeugt. Und: «Der Krieg zehrte an einem, aber was man erlebt, macht einen reifer und dankbarer. Und all dies kann man im weiteren Leben gebrauchen.»
*«Wir hatten immer Dienst». Muttenzer Schrift Nr. 13 über das Leben von Irene Laarhuis. Autor: Florian Blumer. Verlag Reinhardt Basel
Titelbild: In wenigen Wochen wird Irene Laarhuis aus Muttenz 104 Jahre alt. Foto Markus Sutter
