Hat der Pazifismus eine Chance in einer Zeit globaler Konflikte und geopolitischer Spannungen? Begriffe wie militärische Aufrüstung, Abschreckung, Kriegstüchtigkeit haben Hochkonjunktur? Wo bleibt das Engagement für eine friedliches Zusammenleben? Wie positionieren sich die Kirchen?
Letzte Woche fanden in der Paulus Akademie in Zürich zwei Tagungen zu Friedensthemen statt: Am Freitag «Friedensfähig statt kriegsbereit. Pazifismus in Zeiten globaler Gewalt», am Samstag «Frieden schaffen – ohne Waffen? Pazifismus in der Transformation». Seniorweb war am Freitag dabei.
Pazifismus in christlich-theologischer Perspektive
Lukas Amstutz, Gesamtleiter des Ausbildungs- und Tagungszentrums Bienenberg und Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz, befasste sich in seinem Referat mit einer Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): «Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen.» Diese Denkschrift von 2025 (148 S.) wirbelte viel Staub auf und führte zu drei «Umdenkschriften» im Jahre 2026: Am 23. Januar 2026 erschien die «Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse ǀ Eine Sammlung» (300 S.), am 20. Februar 2026 die Umdenkschrift 2 (152 S.) und am 27. Juli 2026 die Umdenkschrift 3 (436 S.).
Amstutz erinnerte an die Haltung des ökumenischen Rats der Kirchen im Jahre 1948, kurz nach dem zweiten Weltkrieg: «Krieg als Methode zur Beilegung von Konflikten ist unvereinbar mit den Lehren und dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus. Die Rolle, die der Krieg im heutigen internationalen Leben spielt, ist Sünde wider Gott und eine Entwürdigung des Menschen.»
Die Denkschrift der EKD von 2025 betrachtet demgegenüber Waffengewalt als notwendiges Übel. Amstutz erläutert dies an vier Aussagen:
- Gegengewalt ist «unvermeidbar»
- Waffenlieferungen können «geboten sein»
- Präventivschläge können in Betracht gezogen werden, «wenn der Erwerb von Massenvernichtungswaffen unmittelbar bevorsteht, ihr Einsatz konkret angedroht ist und alle diplomatischen Mittel erschöpft sind.»
- «Auch die nukleare Teilhabe oder der Besitz von Nuklearwaffen kann (…) eine ethisch begründbare Entscheidung sein.»
Die EKD zeigt nach Amstutz auch Verständnis für die unermesslichen finanziellen Aufwendungen für die «Verteidigungsfähigkeit» und sagt, da derzeit die Verteidigungsfähigkeit nicht gewährleistet sei, müssen «finanzielle Mittel verstärkt in Rüstung und Verteidigung fliessen.» (S. 78 der Denkschrift).
Daraus wird klar, dass viele Friedensbewegte und Friedensorganisationen in den «Umdenkschriften» mit Vehemenz gegen diese Haltung der EKD protestieren. Die drei Umdenkschriften zeigen, wie vital und gut begründet pazifistische Haltungen in und ausserhalb der Kirchen gelebt werden. Auch im vollbesetzten Saal der Paulus Akademie war die Sympathie für die in den Umdenkschriften formulierten pazifistischen Positionen intensiv spürbar.
Am Schluss seines Referats lud Lukas Amstutz alle Menschen ein, mit Blumen aufeinander zuzugehen.
Pazifismus in feministischer Perspektive
Annemarie Sancar, Sozialanthropologin, Expertin für feministische Friedenspolitik und Entwicklungszusammenarbeit und ehemalige Netzwerkverantwortliche bei PeaceWomen Across the Globe (PWAG) legte in ihrem Referat den Schwerpunkt auf ein friedliches Zusammenleben.
Im Zentrum friedlichen Zusammenlebens stehe die Care-Arbeit, das füreinander Sorgen. Leider erhalte in unserer Gesellschaft die Care-Arbeit, weil sie oft kostenlos von Frauen geleistet werde, viel zu wenig Wertschätzung. Sich umeinander kümmern im Alltag, füreinander sorgen, aufeinander eingehen, einander unterstützen seien Praktiken eines friedlichen Umgangs miteinander.
Das neoliberale Wirtschaften aus Eigennutz und auf Kosten anderer und der Umwelt sei das Gegenteil eines sorgenden Umgangs. Deshalb brauche es auch in der Wirtschaft Sorge- und nicht Konkurrenzstrukturen. Ziel des Wirtschaftens sei nicht die Selbstbereicherung, sondern das füreinander Schaffen von lebenswichtigen Gütern und ein fairer Umgang miteinander bei der Nutzung von Wohn- und Lebensraum.
Frauen müssten auch stärker in die Politik aktiv sein, in der Schaffung von Sicherheit und der friedlichen Beilegung von Konflikten. Frauen seien weltweit gleichberechtigt in Abrüstungs-, Friedensverhandlungen und Wiederaufbauprozesse einzubeziehen. Frieden sei nicht ein irgendwann erreichbarer Zustand, sondern ein Prozess der gegenseitigen Unterstützung im Alltag und ein Mitgestalten aller zum Wohle aller.
Workshops
Im Anschluss an die Referate konnte man in einem selbstgewählten Workshop praktische Friedensarbeit mit Vertreterinnen von vier Friedensorganisationen kennenlernen.
- Stephanie Hofer und Luisa Pacozzi gaben Einblick in die feministische Friedensorganisation FRIEDA und stellten ein konkretes Projekt vor: Vom Recht auf eine Identität – feministische Friedensarbeit in Marokko.
- Angela Elmiger vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz HEKS informierte über die schon fast 20-jährige Begleitung einer Plattform palästinensischer und israelischer Organisationen für einen rechtsbasierten Frieden und diskutierte mit den Teilnehmenden über Möglichkeiten der Förderung eines grenzüberschreitenden Austauschs.
- Yara Hofstettler zeigte auf, wie SCI Schweiz als Teil von Service Civil International durch internationale Freiwilligenprojekte Verständigung schaffen kann und wie Begegnung, Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt zu einem nachhaltigen Frieden beitragen können.
- Maria Vogelbacher gab einen Einblick in die Arbeit der Schweizerischen Friedensstiftung swisspeace. Dabei wurden zentrale Ansätze der zivilen Friedensförderung vorgestellt und mit den Teilnehmenden diskutiert.
Abschlusspodium mit den Referierenden und den Leiterinnen der Workshops
Nach dem Abschlusspodium gab es einen Apéro riche, in welchem Friedensbewegte einander über ihre Friedensaktivitäten vor Ort berichten konnten.
Titelbild: Doris Strahm, Vorstand des Vereins Theologiekurse.ch, und Adrienne Hochuli, Leiterin Fachbereich Theologie und Religion der Paulus Akademie, bereiteten den Anlass vor und übernahmen auch die Moderation. (Alle Fotos bs)
Die Denkschrift der EKD hier herunterladen!
Die drei Umdenkschriften hier herunterladen!
