Die ganz gross aufgemachte Schlagzeile des Blicks auf der ganzen Frontseite «Die alte Migros ist tot. Es lebe die Migros» liess mich kalt, zu meinem eigenen Erstaunen. Sie animierte mich nicht einmal zum Kauf des Boulevardblattes. Zu alt ist die Forderung, die Migros gleich wie Coop aufzustellen, die regionalen Fürstentümer mit ihren Fürsten unter einem zentralen Dach zu vereinigen. Im 101. Jahr nach der Gründung des Unternehmens durch Gottlieb Duttweiler (1888–1962), eine der prägendsten Persönlichkeiten der Schweiz seit 1846, soll vollzogen werden, was er schon längst vollzogen hätte. Er fackelte nie lange, wenn die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation grundlegende Veränderungen erforderte.
Ironie des Schicksals: Die von ihm verfassten Bestimmungen, wonach die Genossenschaft geschützt ist und nur mit Zustimmung einer Zweidrittelmehrheit der heute rund 2,3 Millionen Genossenschafter bei einer Stimmbeteiligung von mindestens 25 % geändert werden kann, stellen Fesseln dar, die nur schwer abzustreifen sind. Ursula Hold (57), Präsidentin des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB), und Mario Irminger (60), Konzernchef des MGB, ist es zu gönnen, wenn sie das Mitte 2027 bei der Urabstimmung unter den Genossenschaftern schaffen werden. Sicher ist es aber nicht. Immerhin: Im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die sich nicht getrauten, sich vom strukturell festgelegten Erbe Duttweilers zu lösen – im Gegensatz zum ideellen –, wagen sie nun mutig den so notwendigen Schritt. Versüssen wollen sie den Genossenschaftern das Ja mit einer «Dividende». Im Gespräch sind 80 Franken. Nicht gerade 5’000 Dollar, die Trump den US-Amerikanerinnen und -Amerikanern verspricht, wenn sie bei den Midterms seine republikanischen Kandidaten wählen. Immerhin: Den 80 Franken ist weit mehr zu trauen als Trumps Versprechen. Und sicher ist auch eines: Der so umfassende, strukturelle Umbau wird in den Migros Läden – gross oder klein – kaum spürbar sein. Präsenter wird er dann sein, wenn die Migros-Spitze im Frühjahr 2027 für ein Ja zur Reform zu werben beginnt.

Nicht erst seit Aldi und Lidl, welche den Schweizer Detailhandelsmarkt konsequent aufmischen, geriet die grosse Migros gegenüber Coop zunehmend ins Hintertreffen. Sie verlor zusehends die tiefe Verankerung in der Bevölkerung, die ihr Duttweiler als Unternehmer und Politiker verschafft hatte. Das lag in erster Linie an seinen Nachfolgern. Keiner erreichte sein Charisma, keiner eroberte die politische Bühne. Ansätze dazu zeigten – nach meinen direkten Erfahrungen – einzig Pierre Arnold (1921–2007) und Jules Kyburz (1932–2025). Arnold eiferte in der Aussenwirkung Duttweiler nach, der neben «Die Tat» und «Der Brückenbauer» schon sehr früh mit Inseraten unter dem Titel «Die Zeitung in der Zeitung» in den gängigen Zeitungen seine politischen Absichten meinungsstark publizierte. Arnold holte Roger Schawinski (82), der «Die Tat» modernisieren und neu lancieren sollte, leider mit mässigem Erfolg, bis zur Einstellung. Jules Kyburz animierte mich, einen erneuerten Landesring zu lancieren und mit einer unkonventionellen Nationalratsliste an den Wahlen 1995 teilzunehmen.
Das Unterfangen scheiterte an zwei Voraussetzungen, die nicht erfüllt werden konnten. Einmal, weil die angefragten Persönlichkeiten das Risiko nicht eingehen wollten, sich zu exponieren und möglicherweise nicht gewählt zu werden. Und zum andern: Die Spitzen des LdU, der sich leider von einer Bewegung zu einer ganz normalen Partei gewandelt hatte, wehrten sich gegen bekannte, profilierte Leute von aussen, die sie von den Spitzenplätzen auf der Liste verdrängt hätten. Als ich 1999 – wohl zu spät – das Präsidium des LdU übernommen hatte, sprach ich bei Peter Everts (82) vor, dem Nachfolger von Jules Kyburz beim MGB. Das Gespräch war kurz und heftig. Er eröffnete mir, dass er am LdU nicht interessiert sei und dass die Interessen des MGB mit einem Luzerner CVP-Nationalrat Müller genügend im Parlament wahrgenommen werden könnten. Abschied von der Politik.
Die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Situation ähnelt der Zeit, als Duttweiler die Migros gründete und die politische Bühne betrat. Damals war die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung selbst für Lebensmittel nicht in genügendem Ausmass vorhanden. Hunger war nicht fremd. Sein Credo: Alle sollten Zugang zu billigen, aber guten Lebensmitteln erhalten, in der Migros: die preiswertesten. Er gründete den Landesring der Unabhängigen (LdU), um politisch Einfluss zu nehmen, den Lebensmittelmarkt endlich zu liberalisieren und das Filialverbot aufzuheben. Alle sollten auch an der Kultur teilhaben können. Er schuf das Migros-Kulturprozent. Sie sollten auch reisen können. Er gründete Hotelplan. Sie sollten zu einer Bank Vertrauen finden. Er lancierte die Migros-Bank. Die Migros-Pensionskasse zählt neben der Stadtzürcher zur besten im Land. Von den Migros-Unternehmen schon gar nicht zu reden.
Und heute? Bei vielen schwindet die Kaufkraft. Für viele ist ein gutes Leben nicht mehr erschwinglich, weil die Mieten und die Krankenkassenprämien steigen und selbst im Mittelstand schier nicht mehr zu bezahlen sind. Selbst in der Schweiz, insbesondere in den europäischen Ländern wie Spanien, Frankreich, Deutschland, Serbien und Albanien, auch in den USA. Proteste, gar brutale Krawalle erreichen uns frei Haus via Bildschirm. Betroffen und auf den Strassen sind vor allem die jungen Menschen. Ihre Aussichten sind mehr als getrübt. Die bis jetzt gängige Perspektive, es besser zu haben als die Eltern, haben sie nicht mehr. Im Gegenteil. Denn die künstliche Intelligenz (KI) beispielsweise ist mit ihren Chancen, aber auch grossen Gefahren unaufhaltsam im Anmarsch und bedroht Tausende Arbeitsplätze. Duttweiler hatte Antworten. Die Migros-Erben dagegen kämpfen nur noch ums Überleben als Detailhandelsriesen. Sie versuchen, das Filialnetz massiv zu erweitern, um näher an die Kunden heranzukommen. Um gegenüber Lidl und Aldi konkurrenzfähig zu bleiben, müssen sie wohl noch weit stärker internationale Kooperationen eingehen, um auf gleichem Niveau im grossen Stil Produkte zum Verkauf beschaffen zu können.
Die Unternehmensphilosophie Duttweilers haben sie verloren. Er hatte am alten Verwaltungsgebäude am Limmatplatz in Zürich den Schriftzug anbringen lassen: «Das soziale Kapital.» In der Zwischenzeit ist er längst verschwunden. Die drei Worte beinhalteten nach ihm eine starke Botschaft: Wir brauchen einen starken Staat, der ein würdiges Leben und eine umfassende Bildung – unabhängig von der Herkunft – garantiert. Wir brauchen eine ebenso starke, innovative Wirtschaft, die Arbeitsplätze schafft und sichert, den Sozialstaat trägt und bereit ist, erzielte Übergewinne zu sozialisieren. Die alte Migros im Geiste Duttis müsste auferstehen.
