Die Ausstellung «Das Vermächtnis Amazonien – Kunst und Archäologie» im Zürcher Museum Rietberg zeigt einen der vielfältigsten Kulturräume Südamerikas. Seit mindestens 13’000 Jahren gestalten die dort lebenden Menschen Landschaften, Felsbilder und Kunstwerke, die lange unterschätzt wurden.
Amazonien umfasst das Gebiet des Amazonas mit seinen zahlreichen Nebenflüssen und erstreckt sich über neun Staaten. Untersuchungen zeigen, dass unter dem tropischen Regenwald noch viele, dicht besiedelte Territorien verborgen sind. Seit mindesten 13’000 Jahren leben hier Menschen mit einer reichen, von der Wissenschaft wenig beachteten Kultur; denn als Hochkultur gelten nur die Inkas im Hochland der Anden mit ihrem hierarchischen Staatsgefüge.
Flussschleifen im Regenwald des Marajo-Archipels, Brasilien. Foto: © Rafael Vilela, mit Genehmigung des Amazon Revealed Project
Die monumentalen Anlagen im Amazonasgebiet, die Felsbilder, die verzierten Keramiken wurden von der Forschung lange unterschätzt, obwohl sie der schwedische Ethnologe Nils Erland Nordenskiöld (1877-1932) bereits 1908/1909 auf Expeditionen in Bolivien entdeckt hatte. Doch seine Transportkisten mit rund 200 archäologischen Fundstücken blieben in einem schwedischen Museumsdepot verschlossen und unberührt liegen. Im Hinblick auf diese Ausstellung wurden sie nach über 100 Jahren erstmals geöffnet. Die Überraschung und der Jubel der Forschenden beim Öffnen der Kisten war gross, wie ein projektbegleitender Dokumentarfilm in der Schau zeigt.
Transportkiste. Bolivien. Världskulturmuseet Göteborg. Foto: © Isidro Zar
Vor der Ankunft der Europäer existierten in Südamerika die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens. Von kleinen Siedlungen bis zu weitläufigen Netzwerken von Dörfern und Städten mit eigener Infrastruktur. Nur wenige Hinweise deuten auf ausgeprägte soziale Hierarchien oder auf die Konzentration von Macht und Reichtum.
In der Gesellschaft spielten Schamaninnen und Schamanen als Vermittler zwischen Menschen, Ahnen, Tieren, Pflanzen und Geistern des Waldes eine zentrale Rolle. Durch Trance, Gesang und Tanz und den Gebrauch ritueller Pflanzen und Substanzen treten sie mit den Kräften der Natur in Beziehung und verbinden sich mit verschiedenen Ebenen des Kosmos. Auf Keramikfiguren ist ihr inneres Sehen durch Haltung, Körperschmuck und Gesichtszüge erkennbar.
Figur eines sitzenden Schamanen, Tapajó-Kultur, Brasilien, 900-1600 n.Chr.
In der Vorstellung der indigenen Bevölkerung gibt es keine Trennung zwischen Mensch und anderen Wesen. Alle sind Teil derselben Welt und unterscheiden sich lediglich durch die körperliche Erscheinungsform. So ist die Jagd mehr als nur die Beschaffung von Nahrung. Das Jagen hält die sozialen Bindungen zwischen Menschen, Tieren und anderen Wesen aufrecht, was sich in der Herstellung von Pfeilen, Speerspitzen und anderen Jagdgeräten widerspiegelt.
Steigbügelgefäss mit zwei Gesichtern. Mayo-Chinchipe-Kultur, Ecuador, 3500-1700 v. Chr. In diesem Gefäss sind im Inneren noch Rückstände von Kakao erhalten, der hier vor rund 5000 Jahren kultiviert wurde.
In Amazonien werden Pflanzen wie Maniok, Erdnüsse, Chili, Kürbisse, Kakao oder Süsskartoffeln, die heute weltweit angebaut werden, seit Jahrtausenden genutzt. Den Menschen dienen Pflanzen aber auch als Vermittler zwischen den verschiedenen Welten. So umfassen die Kenntnisse von Heil- und Nahrungspflanzen auch jene, die besondere Bewusstseinszustände auslösen, wie Ayahuasca, Tabak oder Koka. Die durch sie erzeugte erweiterte Wahrnehmung schafft einen Zugang zu unsichtbaren Dimensionen und ermöglicht visionäre Erfahrungen und Wissen, das der Gesellschaft dient.
Caryatiden-Gefäss mit modellierten Verzierungen in Form von Menschenkörpern und Königsgeiern. Tapajó-Kultur, Brasilien, 900-1600 n. Chr.
Die Karyatiden-Gefässe der Tapajó wurden vermutlich für besondere Zeremonien verwendet. Die darauf modellierten Figuren wandeln sich je nach Blickwinkel: Sie können als menschliche Gestalten, als Königsgeier oder andere Wesen gesehen werden. Sie veranschaulichen die Wandelbarkeit von Körpern, die mit Wesen anderer Sphären in Beziehung treten.
Installationsansicht, Das Vermächtnis Amazoniens, © Museum Rietberg, Patrik Fuchs
Die zwischen 400 und 1400 n. Chr. hergestellten Keramiken der Insel Marajo in Brasilien sind in den Museen weltweit verbreitet. Die Graburnen wurden seit dem 19. Jahrhundert durch Grabräuber, wissenschaftliche Expeditionen und den Kunsthandel geplündert. Ihre aussergewöhnliche Schönheit machte sie zu begehrten Sammelobjekten. Die menschlichen Überreste und zugehörigen Beigaben wurden zerstört, was den archäologischen Kontext verunmöglicht. Heute fordern Gemeinschaften der Marajo Zugang zu ihrem Kulturgut.
Graburne, Darstellung einer Vogel-Mensch-Figur. Marajoara-Kultur, Brasilien, 400-1400 n. Chr.
Die reich verzierten Graburnen der Marajoara-Kultur waren weit mehr als nur Behälter für die Verstorbenen. Sie wurden als Körper mit Gesicht, Schmuck und Kopfbedeckung gestaltet und begleiteten die Toten in andere Daseinsformen. Die dargestellten wandelbaren menschlichen und tierischen Merkmale verbinden die Gegenwart mit der Vergangenheit.
Felsmalereien in Cerro Azul, La Lindosa, Kolumbien. © Nicolas Villaume
Tief im kolumbianischen Amazonasgebiet erheben sich nur schwer zugängliche monumentale Felswände, die mit unzähligen Bildmotiven bedeckt sind. In der Ausstellung führt eine immersive, virtuelle Reise zu diesen bis zu 13’000 Jahre alten, mit roten Pigmenten bemalten Felsen von Chiribiquete. Neben geometrischen Motiven bevölkern Menschen, Affen, Jaguare, Fische, Fledermäuse, Pflanzen und andere Wesen die visuelle Erzählung. Viele Bilder überlagern sich und zeugen von einer jahrtausendelangen künstlerischen Tradition, die möglicherweise bis in die Gegenwart fortgeführt wird.
Titelbild: Ausstellungsansicht mit Graburnen der Marajoara-Kultur, Brasilien. (rv)
Fotos: © Museum Rietberg Zürich
Bis 14. März 2027
«Das Vermächtnis Amazonien – Kunst und Archäologie» im Museum Rietberg, Zürich
Katalog zur Ausstellung, deutsch/englisch CHF 35.00
