Als der französische Präsident François Mitterrand 1983 den Namen des Gewinners eines hochdotierten Architekturwettbewerbs bekannt gibt, ist das Erstaunen gross: Niemand kennt den 53-jährigen dänischen Architekten. Fortan ist dieser im Pariser Viertel La Défense verantwortlich für den Bau des symbolträchtigen Gebäudes La Grande Arche, auf der Achse von Louvre und Arc de Triomphe. Der Film «L’Inconnu de la Grande Arche» von Stéphane Demoustier zeigt umfassend und tiefgründig die Komplexität der Realität und die Unwägbarkeiten der Politik bei der Realisierung des grossen Werkes. Ab 9. Juli im Kino.
Der von wahren Begebenheiten inspirierte Spielfilm von Stéphane Demoustier erzählt vom dramatischen Kampf um die Realisierung des weltberühmten Bauwerks des visionären und kompromisslosen Architekten. Der interessante und spannende Film überzeugt mit seinem herausragenden Casting. Allen voran brillieren Claes Bang als Architekt, Sidse Babett Knudsen als dessen Frau und Beraterin, Swann Arlaud als Bauleiter, Xavier Dolan als Beamter und Michel Fau als François Mitterand. Entstanden ist ein mit zwei Césars ausgezeichneter Film über Kunst und Leidenschaft, sorgfältig, subtil und mitreissend inszeniert.
Zwischen Kollektiv und Individuum
Stéphane Demoustier: «Ich habe über zehn Jahre lang meinen Lebensunterhalt damit verdient, Auftragsfilme für den Pavillon de l’Arsenal und die Cité d’architecture zu drehen. Das war meine Ausbildung zum Filmemacher. Ich habe keine Filmhochschule besucht, aber viel gelernt, indem ich Gebäude, manchmal ganze Stadtviertel gefilmt und Architekten interviewt habe. Ich habe Interesse an Architektur und den ästhetischen und sozialen Fragen entwickelt, die sie mit sich bringt. Architektur hat mit dem Kino gemeinsam, dass sie eine Kunst des Prototyps ist, mit einer kollektiven und industriellen Umsetzung.»
Jean-Louis Subilon, Paul Andreu und Johan Otto von Spreckelsen
Eine Arche der Menschheit
Spreckelsen wird zunächst von Mitterrands Projekt, «das Leben zu verändern», mitgerissen. Eine verrückte Hoffnung und eine Welle des Optimismus begleiten Mitterrands Machtantritt. Die Grande Arche fügt sich ein in die Politik der Grossprojekte des sozialistischen Präsidenten. Das Ausmass der Bauarbeiten in der Défense und deren Ehrgeiz spiegeln die damalige Allmacht des Staates und Mitterrands Vision. Der Film beschreibt Probleme im Verlauf dieses Bauvorhabens, unterstreicht auch die Schönheit der Idee und den Elan des Präsidenten. Nach einem anonymen internationalen Wettbewerb wählt dieser einen unbekannten Dänen aus, dem er allein aufgrund einer Zeichnung eine Vision zuspricht, und schenkt ihm sein Vertrauen. Spreckelsen seinerseits bekräftigt, dass er seine Arche der Menschheit widme.
Frankreich hat ein Hofsystem, das untrennbar mit der Fünften Republik verbunden ist, die ihrerseits von der monarchischen Ordnung und dem Kult Grosser Männer inspiriert ist. Oft fällt es dabei schwer, einen klaren Blick auf das zu werfen, was Alltag ausmacht. Eine der Motivationen, diesen Film zu drehen, lag darin, dass seine Hauptfigur ein Ausländer ist. Aus dieser Perspektive erscheint das System als unstimmig, was zu komischen Szenen führt. Damit kann ein anderer, distanzierter Blickwinkel eingenommen werden ‒ und das Kino entfaltet seine Kraft!

Liv und Johan Otto von Spreckelsen
Das Personal
Der Regisseur: «Ich mag die Vorstellung, dass die Darsteller eine Welt einbringen, die ihnen eigen ist, und ich wollte Energien, die sich ergänzen.» Claes Bang dürfte er wegen dessen Präzision, Strenge und Besessenheit für Streckelsen ausgewählt haben. Dieser ist in die Rolle eingetaucht, hat Französisch gelernt, von dem er nur einige Grundkenntnisse hatte. Bald wusste er in dieser Sprache Nuancen einzubringen und sich frei zu bewegen.
Im Gegensatz zu ihm wirkt sein zeitweiliger Rivale Xavier Dolan mit seiner Schnelligkeit und Verschmitztheit wie ein Unruhestifter. Einen Quebecer für die Rolle des Pariser Spitzenbeamten Paul Andreu könnte wie ein Widerspruch erscheinen, doch er verkörpert Intelligenz und Ehrgeiz. Was Michel Fau als François Mitterrand betraf, war es sicher, dass er genug Witz besass, um die Figur zu verkörpern.
Schliesslich war es ein Glücksfall, dass Sidse Babett Knudsen die Ehefrau von Spreckelsen spielte. Dank ihr schliesst man auch den Mann spontan ins Herz, sodass man, wenn sie verschwindet, die Verzweiflung und das Leiden von Otto besser versteht.
Eine riesige Baustelle
Eine Herausforderung war die Rekonstruktion der Baustelle der Grande Arche. Das Projekt dieses von Spreckelsen entworfenen Idealbildes musste schliesslich Gestalt annehmen: Es galt, die Grösse der Baustelle und die Komplexität des Projektes zu spüren. Auf der Baustelle gibt es viel Schlamm, weit entfernt vom Glanz der Republik. Etappe um Etappe erlebt man dieses Wachsen. Die Arche überwältigt schliesslich selbst Spreckelsen durch ihre Monumentalität, auch dieses Gefühl galt es erlebbar zu machen.
Um diese Baustelle zum Leben zu erwecken, wurden Spezialeffekte eingesetzt. Zusammen mit Lise Fisher, der VFX-Koordinatorin für digitale Techniken und computergenierte Bilder, und mit David Chambille als Kameramann wurde entschieden, welche Fotos zu animieren waren. Der Ansatz bestand darin, den Film in die Archivbilder einzufügen, dies im Gegensatz zum üblichen Vorgehen. Das erzeugt einen packenden Realitätseffekt, der dennoch nicht frei von symbolischer oder poetischer Kraft ist.
Vielleicht im Hintergrund, doch nicht nebensächlich, ist die professionell hochstehende Arbeit der Montage von Damien Maestraggi und der Musik von Olivier Marguerit zu erwähnen und zu verdanken.
Was macht der Film mit uns?
Da der Grossteil des Publikums nicht als Architekt:in ähnliche Werke realisiert, drängt sich die Frage auf: Was will der Film bei uns Normalsterblichen? Doch wenn wir unsere Spannung und Empathie, die wir während des Filmes erlebten, befragen, wird bald klar, was er will: Was mache ich, wenn ich an einer grossen Aufgabe arbeite? Setze ich die Vision durch? Passe ich sie andern Vorgaben an? Suche ich Kompromisse? Oder lasse ich alles laufen?
Und damit sind wir zurück im Alltag und suchen unsere eigenen Antworten auf die im Film gestellten Fragen, neben und nach Spreckelsen, Mitterand, Subilon, Andreu und Live Von Spreckelsen.
Und wenn nichts von all dem zutrifft, geht es Ihnen vielleicht wie uns vor zwanzig Jahren, als wir mit unseren Kindern oben auf der Défence standen und sie darauf hinwiesen, was es von da aus alles zu sehen gibt, und sie spontan meinten: Da unten ist ein MacDonald’s!

