1991 feierte die Schweiz die Siebenhundertjahre ihres Bestehens. Sie begann in der Urschweiz mit dem sogenannten Bundesschwur auf dem Rütli. Wir wissen, dass sie ihren Ursprung mit Mythen begründet. Als die Eidgenossenschaft von Grossmächten bedroht war, schrieb der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber 1470 das «Weisse Buch» von Sarnen, das die Gründungsgeschichte erzählt. Es wurde zum Narrativ der Schweiz, das stets wieder erwähnt wird, wenn Unbill droht.
1991 sollte in der Zentralschweiz eine Expo stattfinden, eine CH-91. Man spürte überall im Land eine gewisse Unruhe. Die Wirren der 68erBewegung wirkten nach. Gedanken, dass die Schweiz keine Armee brauche, erregten manche Bürger. Intellektuelle wie der Philosoph Hans Saner sagten: «Siebenhundert Jahre sind genug.» Es gebe nichts zu feiern. Vorschläge für eine CH-91 wurden bekämpft. Es fehlte der Funke der Begeisterung. Also scheiterten die Bemühungen für eine dezentrale CH-91. Ein Journalist nannte, nach der Ablehnung der Kredite, es sei «Vorbei am Landesstolz»* geplant worden.
Am Ende überlebte eine einzige Idee. Die Stiftung «Weg der Schweiz» erhielt den Auftrag, die Strecke vom Rütli um den Urnersee bis nach Brunnen als Weg zu konzipieren. Alle Kantone sollten einbezogen werden. Je nach ihrer Flächengrösse wurde ihnen eine Strecke zugeteilt. Berücksichtigt wurde zudem der Eintritt in die sich formende Gemeinschaft der Eidgenossenschaft. Es entstand eine Kette, in der jeder Kanton als unersetzbar eingegliedert wurde. So erhielt der «Weg der Schweiz» den Sinn in sich selbst.
Das hiess nun nicht, dass dieser Weg einfach so zustande kam. Es brauchte Umwege, welche am Ende zusammen den einen Weg bildeten. Ohne Umwege aber kann weder ein Mensch noch ein Land existieren. Daran erinnert das Auf und Ab des Weges. Es gibt kein Land, das nicht in Geschichten verstrickt ist. Es bleibt aber entscheidend, wie sich einzelne Geschichten zur Geschichte verbinden. Es brauchte für das Land sogar die Unterwerfung unter Napoleon, damit sich eine Einheit bilden konnte. Dies geschah 1848, als sich das Land eine Verfassung gab, die von der Mehrheit der Kantone angenommen wurde. Darum zeigt heute der Weg, dass sowohl der Bundesschwur auf dem Rütli, als auch die Verfassung von 1848 zusammengehören. In der Idee des Weges steckt der Gedanke, dass Anfang und Ende zusammengedacht werden sollen.
Wenn gesagt wird, dieser Weg habe den Sinn in sich selbst, liegt darin der Gedanke, dass dieser Weg vorwärts und rückwärts immer zum gleichen Ziel führt.
Ob die Schweiz nun auf Mythen aufgebaut ist oder auf Tatkraft, spielt keine Rolle. Es ist Unsinn, dass Max Frisch mit seinem «Tell für die Schulen» den Mythos lächerlich macht und Tell als gewöhnlichen Bergbauern destruiert. Wilhelm Tell überlebt als Mythos den Schriftsteller.
Mythen sind nie zu Ende erzählt. Man kann über sie spotten, aber sie behaupten sich im Wechsel der Zeit und so geraten die Spötter ins Unrecht. Der Weggedanke setzt die Fähigkeit voraus, etwas, das auf Umwegen uns zugekommen ist, als Ganzes anzunehmen.
*Meine Analyse zur Ablehnung der CH-91: «Vorbei am Landesstolz». Reuss Verlag.


Mich interessierte schon immer meine, unsere Vergangenheit. Wer fragt sich nicht eines Tages, woher komme ich, wo sind meine Wurzeln? Es begannen Jahre der Suche und der Unsicherheit. Nach all den vielen Jahren komme ich zum Schluss, ich lebe in einer Welt, die bis ins Kleinste von männlichem Denken und Erleben über Jahrhunderte geprägt ist.
Die weibliche Sicht des Lebens und der Dinge ist nicht identisch mit der vorherrschenden männlichen Sicht, da das Weibliche keine Stimme hatte und demzufolge nicht gesehen wurde und nicht relevant war für das Menschenbild und das Leben schlechthin.
Die Schweiz als Land steht auf den Mythen männlicher Vorstellungen. Frauen kamen in unserer Geschichte kaum vor. Ich Frage mich manchmal, wie konnte eine freiheitsliebende Gesellschaft bis heute das Wissen und die Erfahrungen der Hälfte der Bevölkerung, der Frauen, negieren, ja auch bewusst unterdrücken? Wo wären wir heute, wenn diese Ressourcen in das Denken, Forschen, Handeln, eingeflossen wären?
Geschätzte Frau Mosimann, in unserer Chronik steht im Steuerrodel 1467 in Egg ZH: Heini Weber und sin Wib. Immerhin wurde seine Frau steuermässig erwähnt. Irgendwie abgeblieben ist sie dann 1476 nachdem der Heini von der Schlacht bei Murten nicht heimkehrte. Inzwischen ist ein guthalbes Jahrtausend vergangen, vieles hat sich bewegt, lange zögerlich, in den letzten zwei Dezennien hingegen hat der weiblich Einfluss Fahrt aufgenommen. Vor über sechzig Jahren ergriff ich eine beamtete Diplom-Laufbahn, die ausschliesslich den Herren zugestanden wurde. Dank dem Personalmangel bekamen wir doch Kolleginnen und als es auch am Nachwuchs fehlte, wurden einzelne Damen in die Vorgesetztenlaufbahnen gefördert. Damals mehrheitlich ledige oder kinderlose. Aktuell wird die Geschlechterfrage zumeist nicht mehr gestellt, die Universitäten sind von Frauen sehr gut besetzt, Karriereschritte werden seltener behindert, wenn denn entsprechende Kandidatinnen willig sind.
Die Frage “Was wäre gewesen, wenn..” ist obsolet, unsere Generation hat gesät und wenn ich an unsere Tochter und Schwiegertochter denke, steht eine gute Ernte an. Man darf stolz sein.
Vor ein paar Jahren erstieg ich mit ein paar Kollegen die Mythen, ein herrlicher Blick über die Berge, vorwärts, ein Blick in die Zukunft. Im Rücken die Orte Einsiedeln, Oberiberg, da hockt der Hellebardenmann, die Weidel, auch Ueli und schreien gegen den Fortschritt an. Unserer Generation, Frau Mosimann, bleibt noch die Zukunft.
In wenig Sätzen wird hier hervorragend illustriert, wie die Schweiz ihren Weg gegangen ist. Mythos beinhaltet immer auch einen Teil an Wahrheit, davon kann man aufbauen, entwickeln, voraussehen. Der Schweizer Autor zeigt hier grossartig Bemühen eines Landes zur fortschrittlichen Einheit. Die Vergangenheit anzunehmen, ist wahre Kunst.