StartseiteMagazinKultur«Das leben gefällt mir auch ohne mich»

«Das leben gefällt mir auch ohne mich»

Der Buchtitel «Das leben gefällt mir auch ohne mich» passt zum Autor, der nicht mehr unter uns Lebenden weilt. Das ist bei Dieter Fringeli (1942 bis 1999) der Fall.

Dieter Fringeli, Sohn des bekannten Heimatdichters Albin Fringeli (er gab den populären Jahreskalender «der Schwarzbub» heraus), ist älteren, kulturell interessierten Menschen insbesondere aus der Region Basel vielleicht noch ein Begriff. Von 1976 bis 1987 war er Feuilletonchef der Basler Nachrichten, respektive der Basler Zeitung. Vorgängig arbeitete er mehrere Jahre als Gymnasiallehrer in Basel. Er hatte auch einen Lehrauftrag für neue deutsche Literatur an der ETH Zürich und lehrte ausserdem während eines Jahres an der Universität Lausanne.

Seine Dissertation reichte er über den rebellischen Schweizer Dichter Alexander Xaver Gwerder ein: Leider nicht wie geplant bei Walter Muschg, seinem verehrten Lehrer in Basel, der 1965 verstarb. Keine Lehrperson habe sich bereit erklärt, die Doktorarbeit über den rebellischen Gwerder zu betreuen, schreibt Rudolf Bussmann im Nachwort zum Buch. Fringeli habe daraufhin die Konsequenzen gezogen und sein Studium an der Universität in Freiburg abgeschlossen.

Trotz diverser Tätigkeiten: In erster Linie war Dieter Fringeli Schriftsteller. Ein Wortkünstler, in der Lyrik zu Hause. Zum ersten Mal seit vielen Jahren liegt jetzt mit dem Buch «das leben gefällt mir auch ohne mich» eine umfassende Auswahl seiner Gedichte vor.

Schon der Buchtitel verrät einiges über die lyrischen Inhalte. Gelassenheit und Selbstironie im Kleinen prägen das gesamte Werk des Autors. Zum Vorschein kommt oft das Unscheinbare, Alltägliche und auch Nebensächliche, aber nicht minder Interessante. Ein zentrales Merkmal ist der geradezu spielerische Umgang mit Sprache. Fringeli nimmt bekannte Redewendungen, Sprichwörter und feste Sprachbilder auseinander, verdreht sie, setzt sie neu zusammen und eröffnet dadurch ungewohnte Bedeutungen.

Nicht nur der Titel, sondern auch das Titelbild macht «gluschtig», auf das, was kommt. Und auch erahnen lässt, was kommt. Wir sehen einen Baum, an dem unter anderen ein Schädel, ebenso eine Uhr hängen. Der Schädel ist seit dem Mittelalter das deutlichste Zeichen der Sterblichkeit. Die Uhr verweist auf die verrinnende Zeit, während der Baum den Gegenpol dazu bildet. Er steht für den fortdauernden Kreislauf der Natur.

Es beginnt mit dem Erwachen:

«Der Himmel stürzt durch die Ferne/In den Wolken bäumt sich das Licht
Der Morgen sammelt die Sterne/Und legt dir den Tag ins Gesicht»

Und schnell wird Krankheit ein Thema:
«Seit ich hier liege/Auge nach oben
Hab ich die Decke/Kreidebleich
Zu meinem Himmel ernannt»

Thematisch kreisen viele seiner Gedichte um die Vergänglichkeit des Lebens. Alter, Krankheit und Tod (« der Tod ist der blinde Passagier in deinen geschlossenen Augen») sind immer wieder präsent, jedoch nie pathetisch und ohne Hang zu Dramatik. Vieles kommt augenzwinkernd daher, mit leiser Ironie. Dennoch fehlt es nicht an Tiefgang.

Wunderbar auch die Betrachtung zum Beispiel zum Thema Angst. Angst, welche wir immer mal wieder im Nacken spüren:

«Die Angst hinterlässt
Keine Spuren im Schnee
Auf dem Heimweg;
Du trägst sie mit in deinen Schritten
Während das Herz dir im Hals schlägt
Und Gelächter wird
An dem du dich verschluckst»

Das Spiel mit wenigen Worten, die zusammengesetzt einen Sinn ergeben, beherrscht Dieter Fringeli vorzüglich. Ein paar Beispiele:

«Meine Stunde besteht aus lauter Stunden, die noch nicht gekommen sind»

Oder:

«Mein linkes Aug traut meinem rechten Aug nicht
Mein blinder Hass wird sehend»

Oder:

«Bekannte Soldaten machen sich
Auf die Suche nach ihrem
Unbekannten Grab»

Oder:

«Meine linke Hand wäscht meine rechte Hand
Meine rechte Hand wäscht meine linke Hand
Eine Hand braucht die andere»

Oder:

«Der Zahn
Auf den ihr mir fühlen wollt
ist schon lange gezogen.»

Eine besondere Stellung nehmen seine Dialektgedichte ein. Sie zeigen, dass Mundart keineswegs nur für Heimatgefühl oder Folklore steht, sondern ebenso poetisch, philosophisch und experimentell sein kann.

Mundartlyrik ist sonst nicht mein Ding, weil sie für mich nicht einfach lesbar ist. Aber dieses Gedicht ist doch herrlich:

«Ei Handwärker leit
Im angärä Handwärker
S Handwärk»

Originell sind auch viele kleine Titel, die nur aus einem Wort und wenig Text bestehen. Unter «Arrest» heisst es zum Beispiel:

«Der Pfarrer schloss mich ein in sein Gebet
Wie komme ich da wieder raus?»

Oder unter «Europäisch»:

«Schwarz, Rot, Gold, Blau,Weiss, Rot
Sie treiben es zu bunt»

Oder unter «Ausgang»:

«Heute bin ich ausser mir
Wo treffen wir uns?»

Formal zeichnet sich Dieter Fringelis Lyrik durch grosse Knappheit aus. Viele Gedichte bestehen wie gezeigt nur aus wenigen Zeilen, verzichten auf Ausschmückungen und konzentrieren sich auf das Wesentliche. Hinter der scheinbaren Einfachheit verbergen sich oft Mehrdeutigkeiten, Wortspiele und gedankliche Wendungen. «das leben gefällt mir auch ohne mich» ist eine äusserst gelungene Wiederentdeckung eines bedeutenden Schweizer Lyrikers.

Die letzten Jahre verbrachte Dieter Fringeli als freier Schriftsteller in Basel, wo er kurz vor der Jahrtausendwende starb.

Titelbild: Dieter Fringeli (1997). Foto Erwin Zbinden

Dieter Fringeli, «Das leben gefällt mir auch ohne mich», Ausgewählte Gedichte, 2026, (Wallstein-Verlag).


An der Saisoneröffnung des Literaturhauses Basel an der Barfüssergasse 3 vom 26. August 2026 (18 Uhr) wird Rudolf Bussmann das neue Buch von Dieter Fringeli kurz vorstellen. https://www.literaturhaus-basel.ch/de/veranstaltung/2026_lange-nacht-der-schweizer-literatur/

Zudem findet an der Veranstaltung «Zürich liest’26» am Samstag, 24. Oktober 2026, zwischen 18 und 19 Uhr 30 eine grosse Hommage an Dieter Fringeli statt. Ort: Karl der Grosse, Kirchgasse 24 in Zürich. Das Programm von «Zürich liest’26» wird am 1. September 2026 veröffentlicht. https://www.zuerich-liest.ch/


 

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