Für viele ältere Frauen sind bunte Kleider ein rotes Tuch. Gefühlt ständig tragen sie grau. Schade. Denn wer unsichtbar ist, wird nicht beachtet. Wieso ist für viele Frauen die Tarnkappe das wichtigste Kleidungsstück? Wir fragen Experten.
Frauen über 40 sind unsichtbar. Weil Frauen unter 40 nicht angebaggert werden möchten, wollen sie unsichtbar sein. Bei dieser üblen Nachrede geht es zwar um Frauen, aber gemeint sind die Männer, guckende Männer. Ich bin ein solcher Gucker. Für Feministinnen der härteren Fraktion bin ich damit ein sexualisiertes Wesen, ein Sexualtäter; die milderen Feministinnen glauben, dass ich durch Präventionskampagnen, Plakataktionen und gutes Zureden formbar sei. Hart oder mild: Mein Alter, 80, beeinflusst keinesfalls das Urteil, im Gegenteil, «alter Glüschteler».
Ich schaue tatsächlich den Frauen nach. Wenig überraschend gucke ich eher Frauen unter 40 nach als jenen über 40. Das hat seine Gründe – jedoch nicht die zu erwartenden. Ich blicke nicht wegen der grauen Haare weg, den flacheren Schuhen oder den wackligeren Figuren. Sondern ich übersehe viele ältere Frauen, weil sie unsichtbar sind, weil sie dies sein wollen. Das gängigste Kleidungsstück dieser Seniorinnen ist die Tarnkappe.
Nun wollen wir bei dieser Kleiderfrage die Gründe aufknöpfen.
«Kleide dich deinem Alter entsprechend.» Das ist der Schlüsselsatz, mit dem sich die Türen zu vielen Bereichen aufschliessen lassen. «Deinem vorgerückten Alter entsprechend.» Das will heissen: Kleide dich so, dass du nicht auffällst. Kleide dich so, dass du keine Konkurrenz bist. Kleide dich so, dass man nicht hinterhertuschelt.
Prüfen Sie sich selbst. Welche Kleider machen mehr Freude?
Sich entsrpechend dem Alter zu kleiden, dieser Hinweis ist so formlos, wie ein Umstandskleid. Wir wollen präzisere Antworten von den Experten.
♁
Frau Soziologin: Was heisst, sich dem Alter entsprechend zu kleiden?
Die Frage ist falsch, nämlich suggestiv. Es geht vielmehr um den Zwang, wie weit man als Einzelne den Vorstellungen der Gesellschaft entsprechen soll oder will. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herausgebildet, dass alte Frauen unscheinbar zu sein haben.
Dem können sich doch moderne Frauen widersetzen.
Sicher, aber sie müssen oder dürfen mit Konsequenzen rechnen. Sie sind dann nicht mehr unsichtbar, sondern fallen auf. Das wollen längst nicht alle. Darf ich Sie fragen, wo sie politisch stehen? Links, rechts?
Mal so, mal so. Warum?
Je nachdem würde ich als Soziologin meine Antworten anders formulieren.
♁
Herr Psychologe: Wieso tragen Frauen die gleichen Kleider wie ihre Mütter?
Lassen Sie uns zuerst über Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter reden.
Warum? Ich will keine Persönlichkeitsanalyse, sondern allgemeine Antworten.
Schon, aber das Verhältnis zu den Eltern, beeinflusst auch unsere Kleiderwahl. Sex und Outfit ist ein spannendes Thema. Viele Jüngere kleiden sich sexbetont, damit sie auch so wahrgenommen werden. Ältere wollen sich nicht mehr derart dekorieren. Die Seniorinnen glauben, dass sie nicht mehr begehrenswert sind, und dass es deshalb nicht mehr die Mühe lohnt.
Ach so, bei älteren Frauen nützt alles nichts mehr?
Das stimmt hinten und vorne nicht. Ältere Frauen nehmen sich zu Unrecht selbst aus dem Rennen. Manche meiner Kolleginnen und Kollegen bezeichnen das als «False eunuchism».
♁
Frau C&A-Einkäuferin: Ihr Angebot richtet sich fast ausschliesslich an jüngere Frauen.
Lassen Sie mich klarstellen: C&A legt allergrössten Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. So stammt die Baumwolle fast ausschliesslich aus fair trade…
Halt, wir wollen nicht PR, sondern Antworten auf unsere Kritik.
Wir haben durchaus auch Angebote für Golden Agers, zum Beispiel unser Label «Oldies and Ladies».
Pardon, ich habe nachgeguckt. Das sind weitgehend formlose graue Stücke, Blusen mit seit Jahrzehnten unveränderten Motiven.
Die Kundschaft will und kauft das so.
Wirklich?
♁
Die Interviews sind zwar frei erfunden, aber trotzdem wahr. Nämlich: Liebe Seniorinnen, kleidet euch bitte bunt. Die Welt braucht neben vielem anderen mehr Farbe. Aber da ist doch noch was?
Liebe Senioren, das gilt auch für euch.
Bilder Pixabay, pst


Super!
Danke für den Denkanstoss.
Damit ich mich bunt, fröhlich und meiner „Stimmung“ entsprechend kleiden kann, Nähe ich fast alle Kleidungsstücke selbst. Auch möchte ich mich nicht den (teilweise) tristen Modefarben und der Mode (für dünne Frauen) unterwerfen.
Um was genau geht es jetzt in diesem Artikel?
Natürlich geht es dabei auch um Sichtbarkeit und Sicherheit auf der Strasse. Und betrifft natürlich auch Männer. Wer wird schon nachts und bei Regen gesehen mit dunklen Jacken, Mänteln, Röcken und Hosen.
Wann denkt die Bekleidungsindustrie endlich auch an den Schutz von Füssgängerinnen und Fussgängern. Es ist recht schwierig beim Kauf von Wintermode hellere Bekleidungsstücke zu finden.
es gibt für uns ältere Semester nicht wirklich schlaues, dann kaufe ich halt auch junge Mode, meine Enkelin und ich tragen sogar die gleichen Blusen
Ach ist das aufregend! Haben Sie, meine Damen, es schon bemerkt? Peter Steiger trägt immer so auffällige rote Leibchen.
Man(n) kann diesen Artikel wirklich nicht ernst nehmen. Denn ich erlebe auf der Strasse, diesen Sommer insbesondere in der Badi, oder im OeV, den ich regelmässig benutze, fast ausnahmslos reifere Frauen, die sich ähnlich kleiden wie ihre jüngeren Geschlechtsgenossinnen: individuell, je nach Lust und Laune, mal farbig – mal anders, mehr und mehr in der Badi auch Bikinis selbstbewusst tragend. Altersgrau kommt lediglich der Artikel des Peter Steiger daher.
Gar nicht. Steiger hat völlig recht. Bei uns wimmelt es von schlechtgekleideten Senioren im beige, braun und grau. Dazu dieser Einheitslook von Kurzhaarfrisuren!
Mehr Mut zur Freude liebe Leute!!!
Woher Peter Steiger, wollen Sie denn wissen, was für Kleider ältere Frauen tragen? Ihr «Tarnkappenmotto» ist schlichtweg eine Unterstellung und sexistische Beleidigung für uns moderne Seniorinnen. Sie sollten sich endlich eine gute Brille zulegen, damit Sie (vielleicht) die Realität sehen, wie sie wirklich ist, nämlich BUNT. Im nächsten Sommerloch berichten Sie doch einmal über die Mode der älteren Herren und möglichst bebildert. Dann haben wir immerhin etwas zu lachen.
Woher wissen? Weil ich schaue.
Tarnkappe sexistisch: äh, aha.
Rentner: gute Idee.
Ältere Frauen brauchen gar nicht erst eine Tarnkappe. Sie werden in unserer Gesellschaft sowieso übersehen. Das würde sich auch nicht ändern, wenn sie bunte Kleider trügen. (Abgesehen davon sind die Angebote für nicht betuchte Menschen nicht nur bescheiden, sondern geradezu diskriminierend).