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Zauber des Balletts

Vor knapp zwei Wochen wurde es im Zürcher Opernhaus wieder mal deutlich: Ballett ist gefragt. Leere Plätze waren an der Premiere keine auszumachen. Und der begeisterte Applaus des altersdurchmischen Publikums bewies, dass getanzte Geschichten ohne Worte, wie jetzt im «Sommernachtstraum», nicht nur verstanden, sondern förmlich aufgesogen werden. Ballettproduktionen sind für das Zürcher Opernhaus ein fester Wert mit einer Auslastung von gegen 95 Prozent.

Woher kommt dieser Zauber? Natürlich in erster Linie von der Liaison von Tanz und Musik, die nichts erklären oder begründen muss, sondern direkt die Sinne, die Gefühle anspricht. Tanz ist aber auch ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich ganz der Musik, dem Rhythmus, der Bewegung hinzugeben.

Ich erinnere mich, wie ich als Primarschülerin nach einem oder zwei Jahren Ballettunterricht das erste Mal in einer Gruppe eine kurze Szene einüben durfte. Wahrscheinlich sind wir bei diesem «Reigen seliger Geister» eher gestolpert, aber das Gefühl war einfach grandios. So mit etwa zwölf Jahren wollten wir Ballettschülerinnen fast alle später eine Primaballerina werden. Wobei unser Tanzunterricht in sehr bescheidenem, dörflichen Rahmen stattfand.  Teenagerträume halt, die sich im Laufe der Jahre sehr rasch verflüchtigten.

Aber die Liebe zum Ballett blieb. Als langjährige Ballettkritikerin am Zürcher Opernhaus habe ich unzählige Produktionen gesehen, seien das nun abstrakte Kreationen oder Erzählballette, wie jetzt der «Sommernachtstraum». Glanzlichter gab es viele, Tiefpunkte oder Enttäuschungen ganz wenige. Ein «Sacre du Printemps», bei dem die Opernhausbühne geflutet wurde, bleibt mir unvergessen. Dazu zwei Anmerkungen: Am «Sacre», einem der drei grossen Ballettwerke des Komponisten Igor Strawinsky, komponiert für das Ballet Russe von Sergei Djagilew haben sich fast alle grossen Choreografen abgearbeitet. Das Werk wurde in Paris uraufgeführt und das Publikum geriet sie dabei gehörig in die Haare, die Polizei musste schlichten.

Auch später gab es Skandälchen, wenn ein Choreograf das Stück allzu eigenmächtig oder allzu freizügig inszenierte. So ist wohl zu erklären, dass ein Choreograf auf die «Bieridee» kommen konnte, den Bühnenboden zu fluten. Nasse Böden aber sind für jeden Tanzenden der Horror – akute Verletzungsgefahr! Zwar liessen die Tänzer ihre Partnerinnen wie anmutige Schwäne über das Wasser schlittern, staksten aber selber wie auf Glatteis über die Bühne. Man konnte fast nicht hinschauen!

Ganz anders eine Reise mit einer Gruppe von Ballettfreunden in eine Hochburg des Balletts, nach Sankt Petersburg. Unvergesslich die Ballettabende auf den grossen Bühnen, Produktionen auf höchstem Niveau, die nur den Orthopäden in unserer Reisegruppe ab und zu ein Kopfschütteln auslösten: Diese aufs höchste beanspruchten Gelenke, Sehnen und Bänder, das kann auf die Länge nicht gut gehen.

Eine «Schwanensee»- Produktion lässt mich heute noch schmunzeln: Im Zuschauersaal sass ich inmitten einer grossen koreanischen Reisegruppe, die wohl eine lange Reise und ein ausgefülltes Programm hinter sich hatte. Die Gäste versanken förmlich in den weichen Samtsesseln und schliefen fast alle, kaum erlosch das Licht, friedlich ein. Nur wenn es einen begeisterten Szenenapplaus gab – in Sankt Petersburg applaudierte das sachkundige einheimische Publikum bei jeder schwierigen Sequenz, was in Zürich undenkbar ist –  öffnete da und dort jemand die Augen, nur um sofort weiter zu schlummern.  Schwanensee? mochte sich diese Reisegruppe später denken, das ist so ein weisses oder farbiges Geflatter, mehr nicht.

Ein Erlebnis war auch die Aufführung der weltberühmten Waganowa- Ballettakademie am Ende des Schuljahres, während der «Weissen Nächte von Sankt Petersburg». Das ganze grosse Mariinski-Theater war belegt von aufgeregten Eltern, Grosseltern und Geschwistern. Man wurde fast erschlagen von der tänzerischen Qualität und den reifen Interpretationen der  Kinder (ab 10 Jahren) und der Jugendlichen. Wer an diese Schule aufgenommen wird, gehört bereits im jugendlichen Alter zu den Besten der Besten. Der grosse Rudolf Nurejew, den ich auf der Opernhausbühne mal live tanzen sah, gehörte zu den Absolventen.

Die Liebe zum Ballett ist weltumspannend. Zwar ist der Interpretationsspielraum heute moderner, farbiger geworden, aber die klassische Ballettsprache ist immer noch die Grundlage der grossen Inszenierungen.

 

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