StartseiteMagazinKolumnenMänner werden Altlasten. Frauen auch.

Männer werden Altlasten. Frauen auch.

Damits gleich am Anfang klar ist: Längst nicht alle Seniorinnen und Senioren sind Altlasten. Aber die Erkenntnis gibt zu denken: Ein grosser Teil wirds.

Frauen leben länger. Männer haben mehr Karies. So blöd diese Feststellung ist, so zeigt sie uns doch, wie schwierig es ist, die Geschlechter zu vergleichen. Wir versuchen es trotzdem. Der Kolumnist räumt widerwillig ein, dass die Männer einstecken müssen. Er hat als Grundlage für diesen Artikel vor allem Texte aus dem deutschen «Spiegel» verwendet.

 Zuerst die für uns alten Männer guten Nachrichten

● Männer haben im Alter mehr Geld. Frauen sind in den letzten Lebensjahren häufiger arm.
● Männer verbringen ihre letzten Jahre bei besserer Gesundheit als Frauen.
● Männer leben im Alter häufiger in einer Partnerschaft. (Da muss man allerdings ein bisschen nachdenken. Nämlich: Frauen sind allein, weil ihre männlichen Partner früh sterben).

Jetzt kommen die für uns Männer schlechten Erkenntnisse

● Vom Profi zur Anhängsel. Wir Männer leiden mehr unter Statusverlust als Frauen. Für viele Senioren war der Beruf die einzige Säule, an der sie sich halten konnten. Fällt diese Stütze weg, leiden sie unter dem Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden. Männer wurmt es mehr als Frauen, wenn ihre Fähigkeiten in der modernen digitalen Welt nicht mehr gefragt sind. Frauen haben lebenslang andere Pflichten und Aufgaben, erst die eigenen Kinder, dann die Enkel. Sie bewältigen den Seniorinnenalltag besser als Männer.

Michelangelo schuf seinen «David» 1501 bis 1504.
Wenn Marmorskulpuren altern könnten, würde das vielleicht so aussehen…

● Vom Ernährer zum Kauz. Einst waren wir der grosse Versorger der Familie. Jetzt sind wir der Senior, dessen seltsamen Ansichten man nicht allzu ernst nehmen darf. So richtig wasserdicht beweisen lässt es nicht, dass alte Männer eher als alte Frauen zu eigenartigen Käuzen werden. Gefühlt bemerken wir es allerdings. 
Der Sonderling hat in unserer Sprache ja auch keine weibliche Entsprechung. Nun befragen wir den Soziologen und die Psychologin – oder tun wenigstens so. 
Der Soziologe: «Wir mussten uns ein Leben lang anpassen, an den Chef oder der Karriere zuliebe. Jetzt fällt dieser Druck weg.» Gölä bringt das auf den Punkt: «I hätt (susch) no viu blöder ta».
 Die Psychologin: «Im Alter verstärken sich die Persönlichkeitsmerkmale zu unumstösslichen Ritualen, die Garageneinfahrt muss immer exakt zur gleichen Zeit gefegt werden.» Oder in Alltagssprache: Aus dem Sparfuchs wird ein Geizhals.

… oder so. Wir Senioren verlieren neben Schönheit auch Status und Einfluss,
und wir können nicht gut Hilfe annehmen. 

● Vom Kraftprotz zum Hilfsbedürftigen. Wir Männer schämen uns, Hilfe. anzunehmen. Viele Buben werden auch heute noch zu Stärke und Unabhängigkeit erzogen und glauben, dass sie nur dann ganze Kerle sind, wenn sie keine Gefühle zeigen: «hör uf gränne.» Helfen zu wollen, wird als feminin und damit als unmännlich bewertet.
 Unsere imaginäre Psychologin hat die branchenüblichen Fachbegriffe parat: «Das Eingeständnis, Unterstützung zu benötigen, wird oft mit Schwäche, Kontrollverlust oder Versagen gleichgesetzt.»

● Vom Alleswisser zum Kannitverstan. Männer, bitte nicht böse werden: Mehr als die Frauen neigen wir Senioren früher und häufiger zu Gedächtnislücken, kognitiven Schwächen und haben Mühe, uns zu konzentrieren. Unsere imaginäre Psychologin erklärt, dass ältere Männer verunsichert sind, wenn der Kopf nicht mehr so mitspielt, wie er sollte.

● Vom EDV-Helden zum KI-Ignorant. Wir sind dabei, als der pensionierte Bereichsleiter seinen früheren Arbeitgeber besucht. «Ich kenne Cobol in und auswendig», versucht er bei den Kolleginnen zu punkten. Die Sensibleren schmunzeln gerührt, derweil die Unverschämteren laut giggelen ob der verstaubten Programmiersprache. Wenn die alten Berufshelden merken, dass ihre Vintage-Fähigkeiten nicht mehr gefragt sind, reagieren sie gereizter als die Seniorinnen, die Frust besser ertragen.

● Vom Schmerz-Leugner zum Verdränger. Männer wollen um Himmels Willen nicht als Jammeri gesehen werden. Drum verstecken sie ihr Leiden – und drum erhalten sie von aussen weniger Hilfe und Mitgefühl als Frauen. «Damit muss ich allein fertig werden», hören wir von den vermeintlich tapferen Verdrängern.

Der Autor stützte sich bei diesem Text auf zwei Artikel im «Spiegel» vom
August 2021 und Juni 2024. Ausserdem benützte er eine mittels KI erstellte Übersetzung aus «The Lancet Healthy Longevity».

Bilder: «David» von Michelangelo mit Chatgpt bearbeitet.

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