Gesucht wird für diese anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe eine Persönlichkeit, die sich vom helvetischen Mittelmass abhebt und über die Qualitäten eines international ausgerichteten, sprachgewandten Topmanagers verfügt. Denn das künftige Mitglied der Landesregierung braucht die soziale Kompetenz einer Mediatorin oder eines Mediators. Es muss gewandt mit Parlament, Medien und Öffentlichkeit umgehen, überzeugend kommunizieren und zugleich führungsstark genug sein, um ein grosses Departement leiten zu können. Unerlässlich ist zudem ein feines Gespür für die besondere Mechanik der eidgenössischen Politik: für die Zusammenarbeit im Bundesrat und mit dem Parlament, für die direkte Demokratie sowie für die Eigenheiten eines viersprachigen Landes mit unterschiedlichen Mentalitäten. Die Kompromissfähigkeit hat vor der Parteiausrichtung zu stehen. Nicht zuletzt braucht es eine Frau oder einen Mann mit geistiger Offenheit, Weitblick, gar mit einer philosophischen Dimension. Die Persönlichkeit muss die enormen Chancen, aber auch die Gefahren der sich rasant entwickelnden künstlichen Intelligenz (KI) erkennen und daraus kluge, konkrete politische Initiativen für die ganze Gesellschaft ableiten können.
Wenn Sie das lesen, denken Sie vermutlich sofort: Ein solches Anforderungsprofil ist kaum erfüllbar. Wohl nie wurde eine Person in die Landesregierung gewählt, die all diese Voraussetzungen bereits mitbrachte oder sie später im Amt vollständig erfüllte. Blickt man zurück, finden sich jedoch Bundesräte, die diesem Ideal zumindest nahekamen. Seit 1969, seit ich journalistisch tätig bin, habe ich einige erlebt, die wesentliche Teile dieses Profils verkörperten.
Ich denke etwa an Willy Ritschard (1918-1983), den Arbeiter-Bundesrat. Er verfügte über jene wichtige philosophische Dimension. An seine Seite holte er den Schriftsteller Peter Bichsel (1935-2025), der seine gedanklichen Höhenflüge nicht begrenzte, sondern erdete, in die richtige Richtung lenkte und in treffende Worte und prägnante Aussagen fasste. Auch an seinem mässigen Französisch arbeitete Ritschard beharrlich: Auf der Fahrt vom solothurnischen Luterbach nach Bern hörte er Sprachkassetten. Er liess nicht locker, denn er wollte verstanden werden. Und die Menschen verstanden ihn – weil er ihre Sprache sprach.
Aktuell erinnere ich mich – ironischerweise – auch an zwei SVP-Bundesräte: Adolf Ogi (84) und Guy Parmelin (67). Der oft belächelte «Dölf» aus Kandersteg brachte eine internationale Denkweise in den Bundesrat ein, nicht selten zum Leidwesen Otto Stichs, des SP-Bundesrates. Unkonventionell warb er für die NEAT und trug entscheidend dazu bei, den langen Gotthardtunnel zu verwirklichen, ohne Kostenüberschreitung. Guy Parmelin, der bei seiner Wahl Thomas Aeschi (47) ausstach, überraschte von Jahr zu Jahr mehr. Sein Deutsch wurde stetig besser – nicht zuletzt, weil er seine engen Mitarbeitenden anwies, mit ihm nur noch Deutsch zu sprechen. An seine Seite holte er die Staatssekretärin Helene Budliger Artieda (61). Gemeinsam gelang es ihnen, mehrere Handelsabkommen mit wichtigen Staaten abzuschliessen. Aus dem Weinbauern war ein Staatsmann geworden.
Céline Amaudruz (47), Genfer SVP-Nationalrätin, und Jean-Pierre Gallati (60), Aargauer SVP-Regierungsrat, sehen Tagesanzeiger-Leserinnen und -Leser, die sich an einer entsprechenden Umfrage beteiligten, klar im Vorsprung. Bild KI generiet.
Betrachtet man die eine Kandidatin und die 7 Kandidaten, die sich in der SVP-Fraktion um einen Platz auf dem Ticket zuhanden der Bundesversammlung bemühen, sticht niemand besonders hervor, ausser Thomas Aeschi, der aber zögert und kann sich noch nicht entscheiden, ob er wirklich antreten will. Er weiss, dass er es als SVP-Hardliner in der Bundesversammlung schwer haben wird. Nachdem sich die Frauen und Männer aus der ersten Reihe der SVP zurückgezogen haben, ist nun tatsächlich die zweite Reihe am Zug. Zwei Personen traue ich zu, dass sie sich im Amt entwickeln könnten: Céline Amaudruz (47), Genfer Nationalrätin, und Jean-Pierre Gallati (60), Aargauer Regierungsrat. Amaudruz bringt internationale Erfahrung mit und tritt gesellschaftspolitisch offener auf als ihre Partei. Da sie aber zu sehr, zu oft ihre persönlichen, wirtschaftlichen Interessen vertrat, stösst sie selbst auf der linken Ratsseite teilweise auf Ablehnung. Dennoch dürfte sie in der Bundesversammlung – als sogenanntes kleineres Übel – Chancen haben, sofern sie es auf das SVP-Ticket schafft, was eher unwahrscheinlich ist, zu sehr bläst ihr ein rauer Wind aus der SVP der Deutschschweiz entgegen.
Gallati hat sich seit der Wahl in den Aargauer Regierungsrat vom Hardliner zum Konsenspolitiker entwickelt. Auch ihm wäre zuzutrauen, im Amt weiter zu wachsen. Und siehe da: Die rund 2’100 Leserinnen und Leser des Tages-Anzeigers, die an einer Umfrage teilnahmen, setzten Gallati mit 63 % und Amaudruz mit 56 % an die Spitze. Die als Hardliner bekannten Thomas Aeschi (47, ZG), Franz Ruppen (55, VS), Rémy Wyssmann (59, SO) und Michael Graber (45, VS) kamen nicht einmal auf 10 % der Stimmen. Etwas besser schnitten der Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (63) und der Tessiner Ständerat Marco Chiesa (52) ab. Beide haben das gleiche Handicap: Ihre Kantone sind schon im Bundesrat vertreten.
Nicht die Bevölkerung setzt am 20. November 2 oder gar 3 Personen auf das Ticket zuhanden der Bundesversammlung, sondern die SVP-Fraktion. Nachdenklich macht dabei schon, dass die Wähler stärkste Partei der Schweiz nicht eine Vertreterin und oder einen Vertreter der ersten Garde zur Wahl stellen kann, die/der das Anforderungsprofil nur im Ansatz erfüllt. Arme grosse Partei.
Wir alle bleiben Zaungäste, haben das in einer Zeit zu erdulden, in der die Welt zunehmend durcheinander gerät, eine starke, einige Regierung vonnöten ist. Wir können bei der Wahl am 9. Dezember 2026 immerhin in etwa ermessen, wie weit die oder der Gewählte das Anforderungsprofil erfüllt oder mit der Zeit erfüllen kann, das an eine Bundesrätin oder einen Bundesrat bereits bei der Wahl gestellt werden sollte.
