Zum 800. Todestag von Franz von Assisi ist vor kurzem «Das Vermächtnis des Franz von Assisi. Prophetische Schriften für heute gelesen» von Niklaus Kuster erschienen. Ist Franz von Assisi ein Träumer oder ein Visionär?
Die geopolitische Lage ist prekär: Kriege, Welthunger, Umwelt- und Wirtschaftskrisen usw. Rechtspopulistische Strömungen versuchen multimedial mit einfachen Lösungen Wähler zu täuschen und den Graben zwischen nationalen und globalen Interessen, zwischen Reich und Arm zu vertiefen. Traditionelle Parteien wollen nicht wahrhaben, dass auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes Wachstum möglich ist und sind bestenfalls nur mit einer Pflästerlipolitik bereit, die Folgen eines egomanen Kapitalismus abzumildern. Ein am Gemeinwohl orientiertes und nachhaltiges Wirtschaften scheint in weiter Ferne.
Kann Franz von Assisi den politischen Horizont weiten und uns aus dem gegenwärtigen kurzsichtigen Politaktivismus hinausführen? Franz von Assisi ist am 3. Oktober 1226 gestorben. Hat er uns 800 Jahre später noch was zu sagen?
Der Franziskusforscher Niklaus Kuster hat viele Texte und Bücher veröffentlicht zu franziskanischer Spiritualität. Vor kurzem ist sein neues Buch über «Das Vermächtnis des Franz von Assisi. Prophetische Schriften für heute gelesen» erschienen. Es gewinnt Impulse aus den wenigen Briefen von Franziskus, aus dem weltberühmten Sonnengesang, aus einer Sammlung von 28 Weisheitstexten und aus seinem Testament. Die Texte werden der interessierten Leserschaft sachkundig, mit wissenschaftlicher Genauigkeit und für Laien gut lesbar präsentiert.
Franz von Assisi ist ein Kind seiner Zeit und ein gläubiger Christ. Hier soll versucht werden, vier seiner universellen Botschaften aus dem christlichen Kontext herauszulösen, da Weisheiten zwar ihre historischen Rahmenbedingungen haben, aber über die jeweils eigene Zeit und eigene religiöse Überzeugungen hinausweisen:
- Armut
Biographisch ist Franz, der Sohn eines Textilkaufmanns, mit 22 in eine Sinnkrise geraten und hat sich mit 24 von seiner Familie, seiner Zunft und seiner Stadt losgesagt und sich enterbt. Er gab alles Materielle seinem reichen Vater zurück.
Die ersten Gefährten von Franziskus verkauften ihr Gut und gaben den Erlös den Armen. Der Entscheid für ein Leben in Armut führte sie zu neuer Freiheit: Kuster dazu: «Der Gewinn ist vielschichtig. Ihre Mittellosigkeit verleiht neuen Brüdern persönlich freie Hände und macht sie fähig, ohne Sorge um Güter durch die Welt ziehen zu können. Sozial setzen sie ein Zeichen der Solidarität mit den Ärmsten in der erwachenden Marktwirtschaft, die den Status von Menschen an ihrem Besitz zu messen beginnt.» Ihren Lebensunterhalt verdienten sie durch einfache Arbeiten auf dem Feld, in Spitälern oder in Häusern der Städter. Im Notfall war auch Betteln erlaubt.
Können wir heute auf unsere materiellen Sicherheitsbedürfnisse verzichten? Niklaus Kuster fragt: «Was kann und was sollte ich loslassen, um mir neue Freiheiten zu schaffen? Wie trage ich in einer Gesellschaft, in der es auch heute neue Formen von Armut gibt, zu mehr Gerechtigkeit und zur Überwindung von Not bei? Und wie gehe ich im Alltag mit der Tatsache um, dass die Weltwirtschaft als Ganzes das Gefälle zwischen armen und reichen Ländern weiterführt?»
Aber nicht nur materielle oder äussere Armut macht frei. Wer dem Geiste von Franz von Assisi folgt, soll auch die innere Armut pflegen, d.h. demütig sein und auf Macht, Ruhm, Ehre und Privilegien verzichten. Ebenfalls sollen Egozentrik, Selbstsucht und Selbstbezogenheit überwunden und Geschwisterlichkeit gepflegt werden.
Basilika San Francesco in Assisi (Foto von Achim Ruhnau auf Pixabay)
2. Geschwisterlichkeit
Im vierten Kapitel seines Buches mit dem Titel «Wo Weisheit ist…» entwickelt Niklaus Kuster anhand von 28 Weisheitssprüchen eine «Charta der Geschwisterlichkeit». Die 28 Weisheitssprüche, ein Ergebnis von Gesprächen zwischen Franz von Assisi und seinen Gefährten, enthalten wesentliche Elemente einer universalen Geschwisterlichkeit:
- Überwinden von Egozentrik
- Aufeinander hören
- Wertschätzend miteinander reden
- Geschwisterlichkeit aller Menschen ohne religiöse, rassistische oder kulturelle Grenzen
- Absage an Zügellosigkeit oder Überheblichkeit
- Absage an Perfektionismus
Der Mensch ist trotz seines spirituellen Strebens fehleranfällig, was Nachsicht und Verzeihen erfordert. Im 27. Weisheitsspruch werden 10 Tugenden von 10 Untugenden abgehoben als «Geistesgaben für ein Leben in Fülle», wie dies Kuster in einem Untertitel zusammenfasst:
Das ältestes Porträt des Franz von Assisi. Ausschnitt aus einem Wandgemälde aus dem Kloster Sacro Speco in Subiaco. (Foto © Parzi, Wikimedia commons)
«Wo Liebe ist und Weisheit, da ist nicht Furcht noch Unwissenheit.
Wo Geduld ist und Demut, da ist nicht Zorn noch Verwirrung.
Wo Armut ist mit Fröhlichkeit, da ist nicht Habsucht noch Geiz.
Wo Ruhe ist und Betrachtung, da ist nicht Aufregung noch unsteter Geist. (…)
Wo Erbarmen ist und Besonnenheit, da ist nicht Überfluss noch Verhärtung.»
3. Schöpfungsliebe
Franz von Assisi ist einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch seinen Sonnengesang bekannt, in welchem ein Lob auf die Schöpfung gesungen und dabei feierlich und dankbar auf den Schöpfer verwiesen wird.
Kuster dazu: «Franz von Assisi erkannte am Morgen der Moderne in der erwachenden bürgerlichen Kultur und in der neuartigen Geldwirtschaft bereits erste Schattenseiten eines rücksichtlosen Profit-, Genuss- und Nützlichkeitsdenkens. Der Aussteiger aus dem Handelshaus der Bernardone wechselte vor die Stadtmauern und lebte fortan als wandernder Mystiker in der Natur. Der Sonnengesang aus dem Jahr 1225 sieht alle Lebewesen eng verwandt den gemeinsamen Lebensraum teilen. Der moderne Begriff Ökologie spricht vom einen – und allen Lebewesen gemeinsamen – Haus (oikos), das Franz von Menschen und Tieren geschwisterlich bewohnt sieht. Kein Leben darf unnötig ausgelöscht und kein Geschöpf aus seinem Lebensraum verbannt werden. Jedes Lebewesen weist über sich hinaus auf das Geheimnis, die Kraft und den Künstler, der die Welt ins Dasein gerufen hat und sie am Leben erhält. Wie ein unsensibler Umgang mit Kunst auch den Künstler verletzt, so trifft ein zerstörerischer Umgang mit Geschöpfen in der mystischen Sicht verschiedener Religionen den Schöpfer.»
Also keine naturwissenschaftliche Urknalltheorie, sondern eine kulturspezifisch ausgeschmückte Poesie mit einer Schöpfungsidee, wie sie auch in nichtchristlichen Religionen verbreitet ist.
Rosenfenster an der Stirnseite der Basilika San Francesco in Assisi (Foto Berthold Werner, Wikimedia Commons)
4. Tatkräftige Friedensarbeit
Für Niklaus Kuster beinhaltet tatkräftige Friedensarbeit «nicht nur das Vermitteln in Konflikten, «sondern in einem umfassenderen Sinn das Aufrichten von Bedrückten, das Heilen von Kranken und die Integration von Ausgeschlossenen».
Franz und seine Gefährten haben sich in ihrem Leben auch für politische Friedenslösungen eingesetzt, etwa in der Verhinderung eines Bürgerkrieges in Arezzo. Manchmal scheiterten Friedensbemühungen, etwa bei einer Friedensintervention in Perugia. Andere gelangen überraschend, etwa bei einem Versöhnungsprozess zwischen verfeindeten Parteien in der Universitätsstadt Bologna. An seine Friedensvermittlung im fünften Kreuzzug in Ägypten im Jahre 1219 mit dem Sultan Muhammad al-Kamil erinnerten 800 Jahre später Papst Franziskus und der Grossimam Ahmad al-Tayyeb in der gemeinsamen Unterzeichnung des Dokuments «Die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt.»

Bruder Niklaus Kuster (Foto zVg.)
Weisheiten aus den Religionen zur politischen Orientierung
Könnten in den Weisheiten von Franz von Assisi oder in der säkularen Ethik des Dalai Lama oder in Weisheitstexten anderer Religionen nicht Erkenntnisse gefunden werden, um aus dem weit verbreiteten Irrtum, «Wohlstand» auf Kosten anderer und auf Kosten zukünftiger Generationen sei völlig «normal», hinauszuführen? Aber auch die Menschenrechte und die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung 2030 könnten Orientierungshilfe leisten.
Herbeiphantasierte Feindschaften haben im Jahre 2025 zu weltweiten Militärausgaben von 2 900 Milliarden US Dollar geführt. Mit diesem Geld könnten stattdessen vielfältige Formen des Leidens auf diesem Planeten bekämpft und universelle Geschwisterlichkeit gefördert werden. Politik braucht Weisheit und Menschenliebe und nicht Besserwisserei und Heruntermachen des politischen «Gegners» mit Worten oder Taten.
Dr. Niklaus Kuster ist als Kapuziner ein Reformfranziskaner und lebt im Kloster zum Mitleben in Rapperswil am Zürichsee. Der Franziskusforscher promovierte in Spiritualitätsgeschichte und lehrt(e) diese an der Universität Luzern und an Ordenshochschulen in Rom, Venedig, Münster und Madrid. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu franziskanischer Spiritualität und Geschichte.
Buch: Niklaus Kuster: Das Vermächtnis des Franz von Assisi. Prophetische Schriften für heute gelesen. Patmos Verlag Ostfildern 2026. ISBN: 978-3-8436-1665-2
Titelbild: Panorama der Pilgerortes Assisi (Foto © Gunnar Bach Pederson, Wikimedia Commons)

» Es wurde an dem Hange, wo er die Steile am meisten zähmt, geboren eine Sonne, wie sie am Ganges oftmals aufgestiegen. Darum sollte, wer Ascesi nennt, Oriente auch sagen, wenn er voll und recht will sprechen.»
Aus die ‚göttliche Komödie‘ von Dante Alighieri, 1265 – 1321; 11. Gesang
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Textbeitrag. Vielen Dank!
Er wäre Pflichtlektüre für alle Politiker und Wirtschaftsführer. Aber auch für uns alle.
Ja, ‚ego-ego‘ und ‚money-money‘ führen in den Abgrund.
Freiheit in Verantwortung ist da, wo das Machtstreben und das Kleben an Besitztümern aufhören.
H.P. Schneider
Herzlichen Dank für diesen aktuellen, inspirierenden Beitrag!!!