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Heimkehr eines kulturellen Erbes

Das Bernische Historische Museum (BHM) gibt nach rund 120 Jahren eine Sammlung von rund 300 Alltagsgegenständen, Schmuckstücken und Waffen an die namibische Stadt Usakos zurück. Die Objekte waren zwischen 1904 und 1906 von einem Schweizer Ehepaar im Kontext eines kolonialen Bahnprojekts zusammengetragen und in die Schweiz gebracht worden.

Vorbildlicher Umgang des BHM mit enteigneter Alltagskunst aus Afrika: Derzeit ist im Berner Museum das Ergebnis eines Forschungsprojekts zu sehen, mit Gegenständen, die von namibischen Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeitern stammen. Im Juli 2027 wird das kulturelle Erbe an die Bevölkerung Namibias, an das Stadtmuseum von Usakos, zurückgegeben.

Die neue  Ausstellung zeigt im ersten Raum historische Aufnahmen aus Usakos.

Vor 120 Jahren hatte das Schweizer Ehepaar Victor und Marie Solioz die umfangreiche Sammlung nach Bern gebracht. Eisenbahningenieur Solioz war am Bau der Otavi-Eisenbahn in der damaligen deutschen Kolonie beschäftigt.

Die Entstehung der Sammlung hat eine wichtige historische Dimension: Die Kulturobjekte müssen im Kontext kolonialer Gewalt sowie der Ausbeutung von Land, Ressourcen und Arbeitskräften gesehen werden.

Historisches Bild der Hauptwerkstätte der Otavi-Bahn (im Bau), an deren Stelle heute das Stadtmuseum steht.

Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit in Namibia hatte der Hererohäuptling Maharero den Ort Usakos als Farm an das europäische Brüderpaar Jansen verkauft. 1903 erwarb die «Otavi Minen und Eisenbahn Gesellschaft» (OMEG) das Land, um in Usakos einen Bahnhof sowie weitere Wirtschaftsgebäude zu errichten. Dadurch erhielt der Ort eine Eisenbahnverbindung nach Swakopmund an den Atlantik und nach Otjiwarongo in die Berge, wo sich die Minen befanden.

1914 wurden nördlich von Usakos grosse Zinn- und Turmalinvorkommen entdeckt. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich in Usakos unter südafrikanischer Herrschaft sehr bald eine nennenswerte Bergbauindustrie.

Markt für afrikanische Kulturobjekte

Zu jener Zeit bestand in Europa ein Markt für ethnologische Sammlungen aus anderen Kulturen. Es war üblich, dass hiesige Museen solche Sammlungen kauften. Das BHM erwarb die «Usakos Railway Workers’ Collection» 1928 vom Ehepaar Solioz für 5000 Franken. Weitere Teile gingen an Museen in Basel und Genf. Das Sammlerehepaar Solioz stammte ursprünglich aus dem Norden des Kantons Bern, aus dem heutigen Kanton Jura.

In Bern schlummerten die Objekte aus Afrika jahrzehntelang im Depot des BHM. Nach Aussage von Kurator Samuel Bachmann «verlor man zeitweise den Blick für die Bedeutung der Sammlung für die Menschen im Herkunftsland». Ab 2018 vertiefte das BHM seine Kontakte zur «Museums Association of Namibia» und zum «Usakos Town Council».

Afrikanisches Musikinstrument: eine Harfe mit dem Namen Okahumba.

Nach Aussage von Kurator Bachmann «kann man eine Sammlung, die mit dem grössten Trauma Namibias verbunden ist, nicht auf Dauer gegen den Willen der Nachkommen zurückbehalten». Deshalb suchte man in Bern und Usakos nach einer Lösung.

Gemeinsam startete man ein Forschungsprojekt. Afrikaexperten und Konservierungsfachleute untersuchten die Sammlung und dokumentierten sie. Im Rahmen von Workshops wurden die Objekte ab 2023 gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung auf ihre Bedeutung und ihren Nutzen hin erschlossen. Dabei offenbarte sich die enge historische Verbindung zur Alltags- und Sozialgeschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter, die um 1900 am Bau der Eisenbahn beteiligt waren, sowie zu deren Nachkommen. In Videointerviews äussern sich offizielle Vertreterinnen aus Usakos in der Ausstellung.

Videostatements sind ein wichtiges Element der Ausstellung: Einwohnerinnen und Einwohner von Usakos sprechen in fünf verschiedenen Sprachen über ihre Biografien und die Bedeutung des Kulturerbes für sie.

Aus der Zusammenarbeit mit den Partnern in Afrika ist nun die letzte Ausstellung des BHM vor der Gesamtsanierung entstanden. Ihr Titel: «Destination: Usakos – Heimreise nach Namibia. Zukunft eines kolonialen Erbes».

Anlässlich der Eröffnung betonte BHM-Direktor Thomas Pauli-Gabi, das Museum habe Verantwortung gezeigt, indem es die Objekte pflegte, für die Nachwelt erhielt und sie nun an das Stadtmuseum in Usakos zurückgebe. 28 Gegenstände wurden bereits repatriiert. 250 weitere Objekte sind in der neuen Ausstellung in speziell angefertigten Kisten fachgerecht verpackt, lassen aber den Blick der Besucherinnen und Besucher zu.

Einblick in eine fremde Kultur: Der Grossteil der Sammlung wird noch bis Anfang Juli 2027 in Bern gezeigt.

Die BHM-Ausstellung gibt zudem einen Einblick in die Geschichte der Kolonialisierung Namibias. Was bedeutet es, Dinge der eigenen Vorfahren zum ersten Mal in den Händen zu halten und überhaupt erstmals Zugang zum eigenen Kulturerbe zu haben? Von ihren emotionalen Beziehungen zu ihrem kulturellen Erbe berichten Nachkommen in Videostatements in ihrer Muttersprache (Untertitel auf Deutsch, Französisch und Englisch).

Gezeigt werden zudem die Geschichte des Eisenbahnprojekts, das Schicksal der daran beteiligten Arbeitskräfte sowie die Aneignung der Sammlung durch das Schweizer Ehepaar Solioz.

Die «Usakos Railway Workers’ Collection» entstand am Anfang des 20. Jahrhunderts im gewaltvollen Kontext eines kolonialen Eisenbahnprojekts im heutigen Namibia.

Bis zum 4. Juli 2027 sind 286 Objekte nun als Leihgabe in Bern zu sehen. Anschliessend sollen sie endgültig nach Namibia zurückkehren. Rechtlich ist vieles schon geregelt: Im Juni 2026 übertrug das BHM das Eigentum an der Sammlung an das Stadtmuseum in Usakos.

BHM-Direktor Thomas Pauli-Gabi zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis. Bisher habe man mit ethnologischen Sammlungen versucht zu dokumentieren, wie Menschen auf anderen Kontinenten in anderen Kulturen lebten. Zukunftsweisend sei der neue Museumsfokus: Anhand solcher nicht-bernischer Sammlungen soll gezeigt werden, wie die Bern mit der Welt verflochten war und ist. Dies werde ein wichtiger Aspekt der neuen Museumsstrategie nach der Gesamterneuerung des BHM sein.

Titelbild: Alltagsgegenstände wie Schmuck, Waffen und Objekte mit spirituellem Wert aus dem Leben der Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter: In der Ausstellung sind bereits Verpackungen vorbereitet, die im Anschluss an die Ausstellung nach Namibia geschickt werden. Alle Fotos: Stefan Wermuth.

LINKS

Bernisches Historisches Museum BHM.

Zahlreiche Veranstaltungen begleiten die Ausstellung.

Die Ausstellung am BHM in Bern endet am 4. Juli 2027.

Video NBC News Namibia via YouTube

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