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«Die Stunde der Raubtiere»

«Macht und Gewalt der neuen Fürsten»*: So lauten Titel und Untertitel eines Buches über eine erschreckende Reise zu den Schaltzentren autokratischer Macht: vom Weissen Haus des erratischen Donald Trump (80) zu den düsteren Tech-Lords im Silicon Valley – darunter Elon Musk (55) –, wo die künstliche Intelligenz bereits ausser Kontrolle geraten ist. Und weiter nach Riad, wo der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (41) mit rund 300 Konkurrenten – Prinzen und Milliardären – im Kampf um die Macht kurzen Prozess machte. Er bestellte sie ins Ritz-Carlton, liess sie isolieren, streng bewachen und unterzog sie wegen Korruptionsvorwürfen drei Wochen lang harten Vernehmungen, bei denen einzelne von ihnen starben.

Ein erstaunlich schmales Buch, nur 120 Seiten stark – und doch von beeindruckender Vielschichtigkeit und Wucht. Seit vier Wochen liegt es auf dem kleinen Tisch neben meinem Bett. Gleich am Tag, an dem ich es geschenkt bekam, las ich es in einem Zug. Zutiefst erschüttert hat mich, was der italienisch-schweizerische Schriftsteller und Wissenschaftler Giuliano da Empoli (54), der sich selbst als Beobachter bezeichnet, über unsere Zeit zu Papier gebracht hat. Und immer wieder, wenn ich nicht einschlafen kann, greife ich zu dem Buch, um eines der Kapitel noch genauer und aufmerksamer zu lesen, aufzunehmen und zu verarbeiten.

Gerade habe ich mir das Kapitel «Berlin, Dezember 2024» noch einmal vorgenommen. Die Ereignisse in Sachsen-Anhalt und die Wahl des 35-jährigen AfD-Mannes Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten haben mich dazu bewogen. Erstaunlich ist, wie Empoli in diesem Kapitel vorwegnimmt, was sich heute in Deutschland tatsächlich ereignet. Christian Lindner (47), der damalige deutsche Finanzminister und FDP-Vorsitzende, schrieb am 20. Dezember 2024 an Musk: «Elon, ich habe eine politische Debatte angestossen, die von Ihnen und Milei (argentinischer Präsident) inspiriert wurde. Während die Migrationskontrolle für Deutschland von entscheidender Bedeutung ist, steht die AfD gegen Freiheit, Unternehmertum – und sie ist eine rechtsextreme Partei. Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse aus der Ferne!» Musk antwortete umgehend, wie Da Empoli schreibt: «Die traditionellen Parteien haben das deutsche Volk vollkommen verraten. Die AfD ist die einzige Hoffnung für Deutschland.» Da Empoli nennt Lindners Vorgehen naiv, ja töricht. Wer Musk unterschätze, begehe einen schweren Fehler. Die Tech-Giganten hätten beschlossen, «sich den alten politischen Eliten zu entledigen». Sollten sie ihre Ziele erreichen, so Da Empoli, werde die Welt eines Lindners und seinesgleichen hinweggefegt: die Liberalen und Sozialdemokraten, die Konservativen und Progressiven – alles, was wir gemeinhin als tragende Achse unserer Demokratie betrachten.

Tatsächlich hat sich Lindner inzwischen in die Wirtschaft verabschiedet. Seine einst stolze FDP hat, das von Da Empoli angekündigte Schicksal bereits ereilt: die Bedeutungslosigkeit. CDU und SPD sind auf dem Weg dorthin. In Sachsen-Anhalt verstand und versteht es die AfD, die verunsicherte CDU zu spalten und Teile der gewählten CDU-Abgeordneten für sich zu gewinnen. Unter gütiger Mithilfe der CDU wurde zum Auftakt nicht nur der AfD-Politiker Tobias Rausch (35) zum Landtagspräsidenten gewählt, sondern auch der Vordenker der Partei, der als gesichert rechtsextrem geltende AfD-Abgeordnete Hans-Thomas Tillschneider (48), zu einem seiner Stellvertreter. Im zweiten, entscheidenden Akt will sich der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (36) im Dezember mit tatkräftiger Hilfe abtrünniger CDU-Abgeordneter zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Die entsprechenden Gespräche laufen. Bundeskanzler Friedrich Merz (70) ist entsetzt, die mitregierende SPD tief verletzt. Schliesslich verweigerte die CDU im Landtag von Sachsen-Anhalt einem Sozialdemokraten die Wahl ins Präsidium. Die gegenseitige Demontage nimmt ihren Lauf – zur Freude der AfD.

Dies ist nur eine der dramatischen Episoden, mit denen Da Empoli uns in seinem Buch konfrontiert und aufwühlt. Die übrigen sind nicht weniger interessant; es lohnt sich, sie zu lesen. Nicht zuletzt auch aus aktuellem Anlass, hat doch das norwegische Komitee den Friedensnobel-Preis 2026 an die südafrikanische «Navi» Pillay (85) verliehen, welche sich – Da Empoli gleich – vehement für das Völkerrecht, die Menschenrechte, für die Rechtsstaatlichkeit, für eine regelbasierte internationale Ordnung und gegen die Autokraten in dieser Welt einsetzt. Damit setzen beide ein unmissverständliches Zeichen gegen Trump, Netanjahu, Putin und die Tech-Giganten, welche die Verleihung des wichtigsten Nobel-Preises an die engagierte Frau mehr als missbilligen. Denen sich Markus Somm in der Sonntags-Zeitung anschliesst und die Mitglieder des Nobelkomitees in Oslo als «Heuchler» bezeichnet, weil diese den Friedensnobel-Preis an Pillay verliehen hat. Denn die Südafrikanerin habe einen UNO-Bericht zu verantworten, der Israels Krieg gegen die Hamas als «Genozid» bezeichne. Sie stand der entsprechenden Kommission vor und wichtig: Ihre bemerkenswerte Lebensleistung erschöpft sich nicht in diesem Bericht und der ist weit differenzierter als der zitierte Satz.

Giuliano Da Empoli regierte in Florenz an der Seite Matteo Renzis (49) als stellvertretender Bürgermeister, beriet Renzi später als Ministerpräsidenten und begleitete den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zu Konferenzen in aller Welt. Heute versteht er sich als Analytiker, lehrt als Professor für Politikwissenschaften in Paris und mahnt: «Demokraten, wacht auf!» Dabei zitiert er Antonio Gramsci (1891–1937, italienischer Politiker und Philosoph): «Wir brauchen den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens.» Irgendwie ist uns Da Empoli nicht so fern: Verbringt er doch oft den Sommer in Interlaken, der engeren Heimat seiner Mutter.

*«Die Stunde der Raubtiere» von Giuliano da Empoli, erschienen 2025 im Verlag C.H.Beck in München. Titel der französischen Originalausgabe: «L’heure des prédateurs», Copyright Éditions Gallimard, Paris

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