Am Europaplatz in Bern steht ein Haus, das in seiner Art weit über die Schweiz hinaus Beachtung findet. Unter einem Dach begegnen sich Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Im «Haus der Religionen» wird versucht, das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft praktisch zu gestalten. Ein Augenschein.
Die Geschichte beginnt lange vor der Eröffnung des heutigen Gebäudes. Im April 2002 wurde in Bern der Verein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» gegründet. «Die Initiantinnen und Initianten wollten einen Ort schaffen, an dem verschiedene Religionsgemeinschaften nicht bloss nebeneinander existieren, sondern miteinander ins Gespräch kommen, einen Ort des interreligiösen Dialogs also», erklärt Mareike Scherer anlässlich eines Rundgangs der Seniorenuni Bern. Die promovierte Sozialanthropologin ist im Haus für Bildungsangebote zuständig.
Mitarbeiterin Mareike Scherer. Foto ZVG / Ramon Lehmann
Ein erstes öffentliches Zeichen setzte der Verein mit dem «Fête KultuRel», einem Fest der Religionen und Kulturen. In den folgenden Jahren wurden mögliche Standorte für ein Zentrum geprüft und architektonische Konzepte entwickelt. Schliesslich fiel die Wahl auf den Europaplatz im Stadtteil Ausserholligen. Der Standort passte zum Gedanken eines offenen Begegnungsortes in einem urbanen, vielfältigen Umfeld. «Respekt und Verständnis zu fördern und neben den Landeskirchen auch andere Religionen ernst zu nehmen, sind auch heute noch unsere Ziele», berichtet Scherer.
Am 14. Dezember 2014 wurde das Haus nach jahrelanger Vorbereitung feierlich eröffnet. Seither verfügen mehrere Religionsgemeinschaften über eigene Räumlichkeiten für ihre Zeremonien und ihre religiöse Praxis. Zugleich entstand ein gemeinsamer Bereich für Bildung, Kultur und öffentliche Veranstaltungen. Thematisch bewegt sich das Haus im Spannungsfeld «Migration – Vielfalt – Religion».
Acht Religionsgemeinschaften unter einem Dach
Das Besondere am Berner Modell ist die Zusammenarbeit von acht Religionsgemeinschaften. Sie gehören unterschiedlichen religiösen Traditionen an und bringen jeweils ihre eigene Geschichte, ihre Rituale und ihre Vorstellungen vom Glauben mit.
Im Haus haben fünf Gemeinschaften eigene Sakralräume. Vier davon konnten wir besuchen.
- Christinnen und Christen: Die christlichen Gemeinschaft teilen sich einen Raum, der auch von der orthodoxen äthiopischen Kirche genutzt wird. Der schlichte Raum in Herrnhuter Tradition und geprägt von einer Ikonostase der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche eignet sich besonders für interkonfessionelle oder interreligiöse Feiern wie Taufen oder Hochzeiten. Während die Tewahedo Kirche als eine der ältesten Kirchen des Christentums den Bilddarstellungen grosse Bedeutung zumisst, ist für den Gottesdienst der Herrnhuter Sozietät lediglich ein schlichter Raum nötig.
Die Bilder zeigen oben in der Mitte Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist, links davon die Geburt Christi und rechts das Leiden Christi, der das Kreuz trägt. Unten links findet sich eine Darstellung des Heiligen Tekle Heimanot (Baum des Lebens), rechts die Heilige Afomia beschützt vom Engel Michael und weiter rechts den Engel Gabriel mit den drei Jugendlichen Ananias, Azarias und Misael.
- Alevitinnen und Aleviten: Sie pflegen ihre religiösen Traditionen und ihre gemeinschaftlichen Zeremonien. Es gibt 16 unterschiedliche Ausrichtungen. Der Förderverein Alevitische Kultur (FAK) setzt sich für den Erhalt von Alevitischer Kultur, Tradition und Religion sowie für die Aufarbeitung der Geschichte ein. Alevitinnen und Aleviten sind vor allem in der Türkei und im Balkan verbreitet. Auch in Aserbaidschan und in Syrien gibt es alevitische Gemeinschaften. Die in Bern feiernden Alevitinnen und Aleviten stammen mehrheitlich aus der Türkei. Viele von ihnen sind Kurden.
Die in Pastelltönen gehaltene «Dergâh» ist der zentrale Versammlungsort der alevitischen Gemeinschaft.
- Hindus: Für Bernererinnen und Bernern mit tamilischen Wurzeln ist der Shiva-Tempel «Arulgnanamigu Gnanalingesurar Tempel» ein zentraler Ort zur Pflege religiöser und kultureller Traditionen und zugleich ein Ort des Austausches und der Begegnung. Der Verein Saivanerikoodam betreibt den Tempel in ehrenamtlicher Arbeit und pflegt die tamilische Kultur in Offenheit zu den Normen und Werten der westlichen Gesellschaft. Der Tempel dient als Ort für das persönliche Gebet, für Gottesdienste, für private Feste wie Hochzeiten oder Pubertätszeremonien und für religiöse Feste im Jahreskalender wie zum Beispiel dem Jahresfest mit Umrundung des Tempels zu Ehren Shivas. Während unseres Besuchs fanden Zeremonien mit Musik statt. Trotzdem durften wir die verschiedenen Tempel und Götter besichtigen. Wir mussten lediglich die Schuhe ausziehen.
- Buddhistinnen und Buddhisten treffen sich in einem Raum mit Buddha-Figuren aus Thailand, dem Tibet und Japan: Meditationen, buddhistische Lehren und spirituelle Praktiken prägen ihre Aktivitäten. Der Inter-Buddhistische Verein im Haus der Religionen (IBV) wurde 2008 in Bern gegründet, um den Buddhismus im «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» zu repräsentieren. Die buddhistischen Räumlichkeiten im Haus der Religionen – Dialog der Kulturen stehen allen buddhistischen Lehrrichtungen offen. Bei der Aufteilung und Gestaltung der Räume wurde auf die verschiedenen Bedürfnisse der Nutzer Rücksicht genommen. Die Räumlichkeiten umfassen den Eingangsbereich mit Empfangsaltar, Teeküche, Bibliothek und Meditationsraum.
Links ein tibetanische Buddha-Altar, rechts ein thailändischer Buddha mit Meditationskissen.
- Musliminnen und Muslime: Die Moschee bietet Raum für Gebet und muslimisches Gemeindeleben. Die Gläubigen stammen zu einem beträchtlichen Teil aus Albanien. Während unseres Rundgangs wurde der Raum für das Abendgebet genutzt. Ein Besuch der Moschee war nicht möglich.
- Drei weitere Gemeinschaften beteiligen sich am inhaltlichen Dialog und am Programm: Jüdinnen und Juden, Bahá’í sowie Sikhs.
Statt mit einem eigenen Sakralraum sind die Gemeinschaften der Juden, Bahá’í und der Sikhs im Haus der Religionen mit informativen Schaukästen vertreten.
Diese Konstellation ist kein Versuch, die Unterschiede zwischen den Religionen aufzuheben. Vielmehr sollen sie sichtbar bleiben. Die Beteiligten können ihre eigene Tradition leben und zugleich erfahren, wie andere Menschen ihren Glauben verstehen und praktizieren.
Mehr als friedliche Nachbarschaft
Das Leitmotiv des Hauses ist der Dialog. Es geht nicht nur darum, Konflikte zwischen Religionen zu vermeiden. Die Verantwortlichen wollen einen Ort schaffen, an dem Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen einander kennenlernen, Fragen stellen und auch über Meinungsverschiedenheiten sprechen können. Tägliche Herausforderungen sind laut Mareike Scherer: Offenheit, Respekt, Kommunikation. Die Religionsgemeinschaften hätten gelernt, bei der Nutzung der Räume Kompromisse zu schliessen.
Das Haus versteht sich deshalb als eine Art «Labor des Zusammenlebens». Religiöse Unterschiede werden nicht versteckt, sondern zum Ausgangspunkt für Begegnungen gemacht. Dabei sind ausdrücklich auch Menschen willkommen, die keiner Religion angehören oder sich selbst als nicht religiös verstehen.
Im Mittelpunkt stehen mehrere Anliegen: Vorurteile abbauen, gegenseitiges Vertrauen fördern, religiöse Vielfalt verständlich machen und den respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Weltanschauungen stärken. Besonders wichtig ist die Bildungsarbeit mit Schulen, Jugendlichen und Berufsgruppen, die im Alltag mit Menschen verschiedener Herkunft und Religion zu tun haben.
Hausregeln sind laut Scherer: «Radikaler Respekt, extreme Offenheit, keine Missionierung, keine nationalen Symbole im Haus sowie die Einstellung: «Meine Religion ist nicht besser als deine Religion.»
Vom Gebet bis zur gesellschaftlichen Debatte
Besuch im Hindu-Tempel.
Das Programm zeigt, wie vielfältig das Leben im Haus ist. Religiöse Feiern und spirituelle Angebote stehen neben Vorträgen, öffentlichen Rundgängen, Podiumsgesprächen, Workshops und kulturellen Veranstaltungen.
Die wichtigsten Formate
- Interreligiöse Begegnungen: Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen tauschen sich über Glauben, Werte, Rituale und gesellschaftliche Herausforderungen aus. Während unseres Rundgangs besuchen wir den Shiva-Tempel. Hinduisten in farbigen Gewändern beten vor den diversen Tempeln, Zwei Bläser und zwei Trommler begleiten die Zeremonie mit lauten Klängen und Rhythmen. Unser Besuch scheint die Gläubigen nicht zu stören.
- Bildungsangebote für Schulen: Schülerinnen und Schüler lernen religiöse Lebenswelten kennen und setzen sich mit Fragen des Zusammenlebens auseinander.
- Vorträge und Diskussionen: Themen wie Religionsfreiheit, Identität, Geschlechterrollen, Tod oder die Bedeutung religiöser Symbole werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
- Kulturelle Veranstaltungen: Musik, Kunst, Feste und Begegnungen eröffnen weitere Zugänge zu den Religionen. Ein Beispiel: Am 30. Oktober 2026 um 19.30 Uhr findet im buddhistischen Meditationsraum eine «Musikalische Klangreise nach Motiven des Tibetischen Totenbuchs» statt.
- «Nacht der Religionen»: Bei diesem besonderen Veranstaltungsformat stehen am 14. November 2026 unter dem Motto «Einklang – Vielklang – Von Religionen und Musik» Einblicke in verschiedene religiöse Traditionen im Mittelpunkt. Berner Kirchen und Sakralräume öffnen in dieser Nacht ihre Türen.
Das Programm wird laufend weiterentwickelt. Die Veranstaltungen richten sich nicht nur an Fachleute oder religiöse Insider, sondern an ein breites Publikum. Wer sich für andere Kulturen und fremde Religionen interessiert, kann ebenso teilnehmen wie jemand, der konkrete Fragen zum Glauben hat.
Das Haus ist auch ein Ort des kulinarischen Austauschs. Im Restaurant «Vanakam» werden vegetarische Speisen angeboten. Beim «Brunch Interkulturell» bringen unterschiedliche Teams ihre kulinarischen Traditionen ein. Gemeinsames Essen wird so zu einer unkomplizierten Form der Begegnung. Informationen zu den Öffnungszeiten finden sich auf der Webseite.
Das Restaurant «Vanakam» ist öffentlich und bietet ein ayurvedisch-koscheres Mittagsbuffet. Abends werden vegetarische Speisen à la carte angeboten. Sonntag und Montag ist es geschlossen.
Wie ist das Haus organisiert?
Hinter dem Projekt steht der Verein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen». Präsident ist der ehemalige Spitzendiplomat Johannes Matyassy, langjähriger Staatssekretär und Ex-Botschafter. Der Verein bildet den organisatorischen Rahmen für die Zusammenarbeit der beteiligten Religionsgemeinschaften sowie für die öffentlichen Aktivitäten.
Die Religionsgemeinschaften gestalten ihr religiöses Leben eigenständig und bringen sich in den interreligiösen Austausch ein. Sie tragen damit wesentlich dazu bei, dass das Haus nicht nur eine kulturelle Institution, sondern ein tatsächlich gelebter Begegnungsort ist.
Eine Stiftung sowie weitere öffentliche und private Partner spielen in der Trägerschaft und Finanzierung eine Rolle. Das Projekt ist auf Zusammenarbeit, Mitgliedschaften, Spenden und weitere Unterstützung angewiesen.
Ein Haus mit Ausstrahlung über Bern hinaus
Die Bedeutung des Hauses zeigt sich auch an den Besucherzahlen. Jährlich besuchen rund 33’000 Menschen die Einrichtung. Für das Jahr 2024 verzeichnete der Jahresbericht mehr als 338 durchgeführte Rundgänge und Workshops. Das Interesse reicht von Schulklassen und Einzelpersonen bis zu offiziellen Delegationen aus dem In- und Ausland.
Das Haus gilt als Vorzeigeinstitution. In mehreren europäischen Städten sind ähnliche Projekte in Planung oder bereits im Bau. Einzigartig ist die Zahl der in Bern vertretenen Religionen: Statt acht Religionen wie in Bern sehen vergleichbare Projekte Häuser mit drei bis vier Religionen vor.
Das Haus der Religionen von aussen: Die Moschee ist an der goldenen Kuppel erkennbar.
Das Berner Haus ist allerdings kein fertiges Modell, das alle religiösen und gesellschaftlichen Konflikte lösen könnte. Unterschiedliche Glaubensvorstellungen, kulturelle Prägungen und politische Haltungen bleiben bestehen. Der Anspruch ist bescheidener und zugleich anspruchsvoll: Menschen sollen lernen, Unterschiede auszuhalten, Fragen zu stellen und einander nicht vorschnell zu beurteilen.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Hauses. In einer Zeit, in der religiöse Zugehörigkeit häufig zur Abgrenzung benutzt wird, setzt Bern auf Begegnung statt Berührungsangst. Die Religionen müssen sich nicht angleichen, um miteinander auszukommen. Sie müssen aber bereit sein, einander zuzuhören.
Das Haus der Religionen am Berner Europaplatz ist damit ein Experiment, das jeden Tag neu beginnt. Sein Erfolg hängt nicht allein von Architektur, Finanzierung oder Veranstaltungszahlen ab, sondern vor allem von den Menschen, die sich auf den Dialog einlassen. Es zeigt, dass Zusammenleben nicht bedeutet, alle Unterschiede zu beseitigen – sondern einen gemeinsamen Ort zu schaffen, an dem diese Unterschiede respektvoll gelebt werden können. «Wir sind ein Haus der gelebten Religionen, kein Museum», sagt Mareike Scherer zum Abschied.
Drei Fragen an den Vereinspräsidenten
Johannes Matyassy. Foto ES VICIS Foundation
Der pensionierte Spitzendiplomat und Ex-Botschafter Johannes Matyassy amtiert seit Juni 2023 als Vereinspräsident.
Was fasziniert Sie am Haus der Religionen?
Die religiöse und kulturelle Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach. Und das nach dem Prinzip des Miteinanders und nicht des Nebeneinanders. Ein solches Miteinander zu erreichen, ist gleichzeitig faszinierend und herausfordernd. Ein solches gemeinsames Dach ist unseres Wissens weltweit einmalig, und hier mitzuwirken, ist ein Privileg.
Acht Religionen unter einem Dach! Was ist das Rezept für diesen Erfolg?
Möglichkeiten für Begegnungen und sich Kennenlernen schaffen, Dialog mit allen führen, Kenntnisse über andere Religionsgemeinschaften vermitteln und erwerben und ganz generell Vertrauen schaffen. Das beste Rezept ist dabei, gemeinsam Projekte und Aktivitäten zu planen und erfolgreich durchzuführen.
Kriege, Extremismus, machthungrige Politiker… Was könnten die Mächtigen dieser Welt vom Haus der Religionen lernen?
Mit dem «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» zeigen wir im Kleinen, wie ein Miteinander und ein friedliches Zusammenleben, geprägt von gegenseitigem Respekt und Vertrauen, funktionieren können. In der Realität geht es wohl nicht anders, als dass die Mächtigen bereit sind, auf ein Stück Macht zu verzichten und gegenseitigen Respekt, gegenseitiges Vertrauen und das gemeinsame Verwirklichen von Vorhaben als Leitlinien für ihre Politik zu nutzen.
Titelbild: Der christliche Sakralraum Raum in Herrnhuter Tradition und geprägt von einer Ikonostase der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche eignet sich besonders für interkonfessionelle oder interreligiöse Feiern wie Taufen oder Hochzeiten. Fotos PS / ZVG / Haus der Religionen
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