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Der Dadaist der Typografen

Da nimmt einer den Begriff Schriftbild wörtlich. Stellt Buchstaben kreuz und quer. In den 60er-Jahren war Wolfgang Weingart ein Rebell, heute ist sein Lebenswerk museumsreif.

Das Zürcher Museum für Gestaltung widmet dem in Deutschland geborenen und fast 40 Jahre in Basel als Dozent lehrenden Wolfgang Weingart die erste umfassende Ausstellung in der Schweiz. Nicht ganz ohne Grund: Alle Exponate stammen aus der hauseigenen Sammlung, hat doch der Gestalter dem Museum einen grossen Teil seines Archivs geschenkt.

Nicht posthum, wie Cornelius Gurlitt, der dem Kunstmuseum Bern aktuell zu Schlagzeilen verhilft. Nein, Wolfgang Weingart ist an der Ausstellungeröffnung anwesend, ein alerter älterer Herr mit einem verschmitzten Lächeln, der sichtlich stolz ist auf sein Lebenswerk.

Verschiedene Techniken

Kann er auch sein, hat er doch die Buchstaben – meist in Akzident grotesk – zum Tanzen gebracht, sie aus dem Korsett des rechten Winkels befreit, sie verformt, verzerrt oder zu eigentlichen Bildern gruppiert. Zu sehen sind in der Ausstellung aber nicht nur Schriften, sondern auch Holz- und Linoldrucke, Inserate, viele mit den von Weingart entwickelten collageartigen Filmüberlagerungen.

Blick in die Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung. (alle Bilder © Daniel Reichlin)

Kuratorin Barbara Junod hat das reichhhaltige Werk in zwölf Themeninseln gruppiert und dabei auch Enwicklungsverfahren, technische Neuerungen – Weingart lehrte als einer der ersten den Studierenden den kreativen Umgang mit dem Computer – und eine Dokumentation von Schülerarbeiten miteinbezogen. Ein Filmporträt über Weingart samt Diskussionsrunde über seinen Unterricht an der Kunsthochschule in Basel runden die Ausstellung ab.

Schrift im Gespräch

Was aber macht den Reiz der Ausstellung für Nicht-Typografen aus? Zuerst ist da mal einfach die Lust, die Freude am Experimentieren, die aus den Arbeiten Weingarts sprechen. Dann der kreative Umgang mit Buchstaben, aber auch mit Begriffen. Ob er nun Lettern in Kreise zwingt, Namen wie Biologie oder Mathematik als arttypische Muster anordnet oder aufzeigt, wie Filmcollagen im Vor-Computer-Zeitalter entstanden, mit Klebstreifen, Schere und vielen Schichten oder Farben als zusätzliches Gestaltungsmittel einsetzt, immer spürbar ist seine «Lust am Fabulieren» (Goethe), auch wenn seine Buchstaben nicht Geschichten erzählen sondern quasi Selbstzweck sind.

Wolfgang Weingarts Buchstabenvariationen mit Farben und Muster.

Dann aber ist die Ausstellung auch unbeabsichtigt aktuell, wird in der Schweiz doch momentan viel über Schrift geredet: Die Schnürlischrift, seit 67 Jahren fester Bestandteil im Lehrplan, soll an den Schulen abgeschafft werden. Entwickelt wurde sie aus einer Schrift von Paul Hulliger, die in zehn Kantonen als Schulschrift eingesetzt war, bis dann Eugen Kuhn und Karl Eigenmann 1947 eine eigentliche Schweizer Schnürlischrift daraus entwickelten. 2006 wurde diese von Hans Eduard Meier überarbeitet und modernisiert – und nun soll sie ganz abgeschafft werden. Künftige Schüler werden also als Erwachsene Dokumente und Verträge in Blockschrift unterschreiben.

Computer als Hilfsmittel

Auch Wolfgang Weingart hat die Schrift revolutioniert, allerdings in der entgegengesetzten Richtung. Er hat seinen Schriftbildern einen individuellen Charakter verliehen, hat gezeigt, dass auch mit Schriften eine künstlerische Aussage möglich ist, weitab von literarischen Ansprüchen. Ihn mit dieser Haltung als antiquiert abzustempeln, greift zu wenig weit. Er hat sehr früh schon – 1984 – den Apple-Macintosh-Computer in den Unterricht einbezogen. Allerdings nur als gestalterisches Hilfmittel. Denn Facebook benutzt er bis heute nicht und um Bancomaten mache er auch einen Bogen, verrät er verschmitzt lächelnd. Vielleicht weil dort die Zahlen nicht tanzen?

Museum für Gestaltung, Zürich: Weingart Typografie. Bis 28. September.

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