FrontKulturDieter Roth: Und weg mit den Minuten

Dieter Roth: Und weg mit den Minuten

Mit seiner Kunst sprengte Dieter Roth alle Grenzen. Vor allem sein bisher unbekanntes musikalisches Schaffen wird jetzt im Kunsthaus Zug gezeigt.

„Und weg mit den Minuten“ heisst die Ausstellung. Doch man müsste 70 Stunden aufwenden, um die Ton- und Videodokumente zu hören.

Matthias Haldemann, Direktor Kunsthaus Zug mit der zerbrochenen Violine von Dieter Roth

Wer die Ausstellung im Kunsthaus Zug besucht, ist leicht verwirrt. Aus der Ferne bellen Hunde, aus einem Saal tönt monotone, irgendwie seltsam tönende Musik.

Auf verschiedenen Bildschirmen  sieht man Bekannte aus der Kunst-und Musikbranche. Stülpt man die Kopfhörer über, hört man stundenlange Interviews, die Dieter Roth geführt hat.

An anderen Orten hört man die Musik, die er komponiert und gespielt hat. Um die Werke zu verstehen, muss man etwas mehr über den Tausendsassa Dieter Roth wissen.

Foto: Hannes-Dirk Flury

Der international renommierte Schweizer Aktions- und Objektkünstler deutscher Abstammung (1930-1998) galt als Vertreter der konkreten Poesie und spielte auf verschiedenen Hochzeiten: Er war Dichter, Maler, Grafiker, Komponist, Musiker. Er spielte vor allem die weisesten aller Rollen: den Narren, stellte sich als Narr über den König namens Publikum.Er war ein Sammler, hielt alle Gespräche auf Tonbandkassetten fest, schrieb Tagebücher und wenn er ein Konzert gab, wunderte man sich. Da konnte er auf einer Orgel sitzen und endlos in ein Horn blasen.

Musikalische Skulptur

Die Musik hat ihn zeitlebens begleitet und sein Schaffen mitgeprägt. „Dieter Roth hat seine Musik oft als ‚Klagegeheul’ bezeichnet“, sagt Kunsthaus-Direktor und Kurator Dr. Matthias Haldemann.

Nach mehrjähriger Forschungsarbeit hat der Luzerner Kunstverlag Edizioni Periferia in Zusammenarbeit mit der Musikakademie Basel und dem Kunsthaus Zug in verschiedenen Länder eine Fülle von Materialien zusammengetragen.

Literaturorgel. Roth hat die Schreibmaschine an eine Klaviatur gekoppelt. Briefe wurden zu Musik.

Über 150 Leihgaben von rund dreissig öffentlichen und privaten Leihgebern aus der Schweiz, aus Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Island, Österreich und Spanien sowie eine Fülle von Dokumenten (Briefe, Tagebücher, Fotos) verwandeln die Ausstellungräume in eine klingend-verstummte Gesamtschau von Roths musikalischem Schaffen.

Eindrücklich auch die musikalischen Skulpturen des Künstlers. Aus Tierkot geformte Hasen, vergammelte Schokolade, aus zerschredderten Büchern geformte Wurstdärme. Ausgestellt ist sein Bösendorfer Flügel und die Roth-Bar im Original, die auch schon in Zürich benutzt wurde. Als junger Kunstneuling hatte sich Roth mit Pablo Picasso verglichen.

 

 

 

Baraufbau  

Mit Zug war der in verschiedenen Ländern wohnhafte und mehrsprachige Künstler eng verbunden. Von 1973 bis 1978 hatte er seinen offiziellen Schweizer Wohnsitz in Zug. In der Nähe des Kunsthauses mietete er an der Dorfstrasse eine kleine Wohnung. Bis zuletzt pflegte Roth Kontakte mit Zuger Freunden, vertrieb von Zug aus Graphik, Bücher und Schallplatten und entwickelte mit Hermann Wankmiller Schmuckobjekte.

Eines der vielen Tagebücher

Verwundert stellt man fest, dass Roth auch unzählige Schallplatten herausgegeben hatte, die niemand zu hören bekam.

Und da war noch die Geschichte mit den Hunden. Als er von einem Hundedrama hörte – 1000 Hunde sollten verenden – wurden von allen Tieren ein Foto gemacht und das Bellen auf Tonband aufgezeichnet. Die Bilder und die Tonkassetten sind ebenfalls ausgestellt.

Die Hundeportraits

Die Ausstellung dauert bis 11. Januar 2015.

Die Zuger Ausstellung wird anschliessend modifiziert im Hamburger Bahnhof und im Museum der Gegenwartskunst in Berlin gezeigt. (14. März bis 16. August 1015)

Fotos: Josef Ritler

Links:

Kunsthaus Zug 
Dieter Roth Wikipedia 

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