FrontKulturSchleiertanz ein Befreiungsakt

Schleiertanz ein Befreiungsakt

Das Museum Langmatt in Baden zeigt die Sonderausstellung „Feminine Futures – The Membrane of the Dream & The Membrane of the Real – Verhüllung und Enthüllung des Alltags“

Seit 1990 ist die Badener Industriellenvilla des Ehepaars Sidney und Jenny Brown, Mitbegründer der BrownBovery (heute ABB), als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Die impressionistische Sammlung mit Gemälden von Cézanne, Renoir, Monet, Gauguin und anderen gehört zu den Schmuckstücken Badens.

Skulpturen von Christopher Füllemann im Park der Villa Langmatt

Wie jedes Jahr gibt das Museum Langmatt einem oder mehreren jungen Künstlern Gastrecht, ihre Arbeiten zu präsentieren. Im Park der Villa Langmatt stellt der Lausanner Künstler Christopher Füllemann (1983), Skulpturen aus Epoxidharz zum Thema Verhüllung und Enthüllung aus. Sie erscheinen wie grosse im Wind flatternde rosa und weisse Schleier, Engel, die eben aus der Unendlichkeit hier angekommen sind und gleich wieder wegfliegen. Ephemere Wesen, die den Park verzaubern. Zusätzlich laden auf dem Rasen weissgrüne und blaue mit Blumen bepflanzte Sitzmöbel zum Verweilen ein. Hier darf man sich setzen, dem Gesang der Vögel und dem Rauschen der Blätter im Wind zuhören. Vor dem Museumseingang begrüsst eine gelbe, zweibeinige Gestalt mit grossblättriger Pflanze auf dem Kopf die Besucher.

Eine Zaubergestalt begrüsst die Besucher

Im Obergeschoss des Museums wird das Ausstellungsthema mit einer aussergewöhnlichen Sammlung historischer Fotografien von Schleiertänzerinnen aus dem Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts illustriert. Eine Fotosammlung, die der französische Sammler, Kurator und Künstler Adrien Sina unter dem Titel Feminine Futures zusammengetragen hat. Sie lenkt den Blick auf die Geschichte der weiblichen Avantgarde, die sich mit ihrer Körperlichkeit, mit dem Tanz, einen Namen machte, unabhängig von vorherrschenden Kunstströmungen – ohne Korsett und oft barfuss. Die 150 schwarz gerahmten Fotos hängen dicht nebeneinander auf den tapezierten Wänden, dazwischen digitalisierte historische Filme. In einem der Zimmer laden zwei Récamières die Besucher ein, sich hinzulegen und Filmausschnitte mit Tanzperformances zu betrachten, die an der Decke auf ein textiles Wolkensegel projiziert werden.

Aus der Sammlung von Adrien Sina: Loïe Fuller. La Danse Blanche. Foto: Isaiah West Taber, 1896

Die Fotosammlung macht deutlich, dass die wichtigen Impulse für die Neuerung des Tanzes – des Modern Dance – ursprünglich aus Amerika kamen. So ist der Beginn der Ausstellung der amerikanische Schlangentänzerin Loïe Fuller (1862-1928) gewidmet. Sie hatte 1892 in den Pariser Folies Bergère ihr sensationelles Debüt. Man sieht auf den teilweise kolorierten Fotos, wie sie sich mit enormen Schleiern bewegt, sich ausdehnt, verformt, verhüllt und enthüllt. Ihre wilden Schleiertänze kann man zudem in Filmausschnitten inmitten der gerahmten Fotografien bewundern.

Die Brüder Lumière hatten bereits 1896 handkolorierte Filmaufnahmen von Loïe Fullers Serpentine Dance gemacht. Fuller war sehr innovativ, mit Hilfe von Thomas Edison hatte sie phosphoreszierende Lichteffekte für ihre Darbietungen entwickelt, die sie 1893 als „Bühnenvorrichtungen zur Erzeugung von Illusionseffekten“ patentieren liess. Eigentlich wollte sie auch mit Radium experimentieren, aber die Physikerin Marie Curie verhinderte es. Ihre raffinierten Inszenierungen inspirierten zahlreiche Künstler wie Stéphane Mallarmé, Auguste Rodin oder Henri de Toulouse-Lautrec, sie in ihren Werken zu verewigen.

Isadora Duncan. Foto: Arnold Genthe

Die heute noch ebenso bekannte amerikanische Tänzerin und Choreografin, Isadora Duncan (1877-1927), gilt als Vorreiterin des modernen sinfonischen Ausdruckstanzes. Sie entwickelte ein neues Körper- und Bewegungsempfinden, das sich am griechischen Schönheitsideal orientierte und auch klassische Konzertmusik tänzerisch umsetzte. Sie befreite den Tanz von der blossen Unterhaltungskunst. Isadora Duncan erlangte durch ihren tragischen Autounfall Berühmtheit, im offenen Cabriolet wurde sie von ihrem eigenen langen Schal erdrosselt.

Auch Martha Graham (1894-1991) verstand den Tanz als Ausdruck „innerer Musik“ und revolutionierte das klassische Ballett. Sie entwickelte die Martha-Graham-Technik, die sich durch kraftvolle, dynamische, schroffe und spannungsgeladene Bewegungen auszeichnet. Sie choreografierte noch mit 96 Jahren ihre Tanzstücke.

In Europa wurde die Berliner Tänzerin und Tanzpädagogin Mary Wigman (1886-1973) Wegbereiterin des rhythmisch-expressiven Ausdruckstanzes. Mary Wigman arbeitete auch mit dem Choreografen und Tanztheoretiker Rudolf von Laban (1879-1958) zusammen. Er wurde bekannt für die nach ihm benannte Labanotation. Ihm ist ein Raum gewidmet mit Filmausschnitten zu seiner Arbeit. Susanne Perrottet (1889-1983) baute die Labanschule in Zürich auf und lehrte hier bis ins hohe Alter.

23.1.1959
West-Berlin
Mary Wigman-Studio, Englische Meisterschülerin
links: M. Wigman

Mary Wigman in ihrer Dresdner Tanzschule. Foto Klaus Schütz

Sie alle hatten Kontakt zur Zürcher Dadabewegung und zur Reformbewegung auf dem Monte Verità oberhalb Asconas. Weitere Fotos zeigen unter anderen auch die in der Schweiz gebürtige Anna Denzler Duncan (1894-1982), die als adoptierte Schülerin, Duncans Namen tragen durfte. Oder die Berlinerin Niddy Impekoven (1904-2002), die als Grotesktänzerin bekannt wurde und nach ihrer tänzerischen Karriere in Basel lebte. Historische Bilder aus Film, Theater und heutige Performances, montiert zu einem Film von Pauline Boudry und Renate Lorenz, sind im Keller der Langmatt, direkt unter der Gemäldegalerie zu sehen. Die Fotosammlung von Adrien Sina ist nicht nur ein Abbild der Zeit, sondern auch eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Theorien.

Skulpturen wie Schleier: Feminine Futures in Baden

Mit Lesungen, Führungen und diversen transdisziplinären Veranstaltungen will Sarah Zürcher, Direktorin des Museums Langmatt, das Thema vertiefen. Vom 19. bis 21. Juni 2015 findet das Festival Tanz Performance statt und speziell am 21. Juni, zum Sommeranfang, das traditionelle Picknick im Park mit Thé dansant (ohne Voranmeldung). Das Programm finden Sie hier.

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