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Corin Curschellas – Musikfrau feiert

Sechzig Jahre alt wird die Sängerin, Instrumentalistin, Komponistin, Songschreiberin Corin Curschellas: Zeit für Rückblick und Ausblick

Soeben ist Corin Curschellas aus Paris zurückgekehrt. Seit Jahrzehnten hat sie dort eine winzige Altwohnung in einem rundum gentrifizierten ehemals jüdischen Viertel, welche sie heute teilt, weil ihr Lebensmittelpunkt nun im Bündner Oberland, einem Ort ihrer Kindheit liegt. Sie wohnt mit ihrem Partner, dem Skulpturen-Künstler Linard Nicolay im Haus ihres tat (= Grossvater), wo die heute 60jährige als Kind alle Ferien verbrachte. Die Sängerin mit ihren wallenden Gewändern meist in warmen Erd- und Naturfarben und den ungestüm fliegenden grauen Locken kommt einem unkompliziert und freudig entgegen, bereit, Fragen aller Art zu beantworten.

Landliebe: Corin Curschellas bei Siat. Neben Gitarre spielt sie auch Piano, Dulcimer, Akkordeon und viel mehr. Foto: Sava Hlavacek

Seniorweb: Corin Curschellas, warum sind Sie nach Paris gefahren?

Corin Curschellas: Wir probten für den Auftritt am Vorabend meines Geburtstagsfests im Zürcher moods. Mit den Pariser Musikern arbeitete ich vor Jahren viel, wir waren zusammen auch auf Tournee. Wir mussten diesmal weniger üben als auswählen, was ich noch singen will und kann; nein, es ist nicht die Stimme, einige Songs gehen für mich inhaltlich nicht mehr, andere haben die Jahre gut überstanden.

Paris hat noch dieselbe Anziehungskraft auf mich, aber es hat sich verändert. Man spürt die Betroffenheit nach den Anschlägen überall. Meine Musikerfreunde beispielsweise fahren nicht mehr U-Bahn, ich selber nahm wie immer den Bus, schon wegen des Stadterlebnisses.

Nach Berlin, New York, Paris, Zürich wohnen Sie in Rueun nahe bei Ilanz, ist das jetzt Ihre Heimat?

Ich brauche Paris und Zürich nach wie vor als Wohnorte, aber auf dem Land ist es mir am wohlsten. Es ist mir heute bewusster, was mir gut tut. Ich brauche die langen Nächte voll spannender Musik und Aktivitäten und dem Lärm nicht mehr, ich suche heute eher Ruhe und harmonische Ausgewogenheit. Dank der modernen Technologie kann ich auch hier gut arbeiten. Der Computer ist ein Fluch und Segen, da alle Künstler heutzutage auch ihre eigene Sekretärin sein müssen.

Im Team arbeiten: La Nova 2 im Studio. Mit Techniker David Bollinger tüfteln (von links) Markus Flückiger, Pez Zumthor, Vera Kappeler, Anna Trauffer und Corin Curschellas

Sie wurden und werden oft als Nomadin bezeichnet. Passt das für Sie noch?

Einst sagte ich, ich ginge von Wasserloch zu Wasserloch; damals kümmerte mich Besitz oder Sesshaftigkeit überhaupt nicht. Ich wollte einfach weg aus der Enge, als ich jung war. Aber seit 2000 stimmt es nicht mehr wirklich. Ich sehe mich nicht mehr in der ständigen Aufbruchstimmung, es drängt mich nicht mehr, neue Ufer zu suchen. Ich kann sagen: ich bin innerlich angekommen.

Bei den alten rätoromanischen Volksliedern? Es ist ein weiter Weg von der freien Improvisation mit dem Vienna Art Orchestra, wo ich Sie erstmals hörte, bis zur Sontga Margriata mit dem Frauentrio La Triada.

Corin Curschellas, Ursina Giger und Astrid Alexandre sind La Triada. Foto: Sava Hlavacek

In meiner Musik passiert es einfach. Mit den Recyclers wird heute noch improvisiert. Ich liess mir Zeit, bis ich meine eigene Sprache gefunden hatte. Steve Argüelles erinnerte sich bei den Pariser Proben, dass ich nie eine CD machen wollte. Bei Auftritten ist es immer anders, eine CD erschien mir so etwas in Stein Gemeisseltes zu sein. So bin ich 35 geworden, bis ich fand, es sei richtig, meine Musik auf CD zu verbreiten.

Warum wurden Sie kein Star hierzulande, Sie hatten doch alle Voraussetzungen.

Ich suchte wohl mit Bedacht den langen Weg. Und ich hatte und habe einen untrüglichen Instinkt für Leute, die mich über den Tisch ziehen wollen. Ausserdem verlierst du im kommerziellen Musikbetrieb vieles von dem, was für dich zentral ist, vor allem die Selbstbestimmung. Ich habe einen rebellischen Charakter, anders gesagt: Hartholz wächst langsam.

Wie entwickelt sich Musikalisches? Gibt es Zeiten für freie Improvisation und Zeiten für Volkslieder? Bekannt wurden Sie auch als Vertreterin der World Music, Sie traten solo oder mit Bands auf.

Nach einer Aktivität folgt die Leere. Manchmal erschöpft sich ein Projekt, oder die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern wird zu schwierig, so dass das Kreative auf der Strecke bleibt. Es sind also äussere und innere Umstände, die ein Projekt zuende bringen. Danach gilt es, die Leere auszuhalten und zu warten. Beispielsweise bis ein Auftrag kommt für eine Komposition (Curschellas komponierte u.a. für Michael von der Heide. Red.), oder ein Telefon mit der Anfrage für einen Auftritt, oder bis ich eine zündende Idee habe. Dann wähle ich mir die Leute aus. Gute Musiker sind eine Inspirationsquelle. Wenn wir beginnen, entsteht das Projekt in kollektiver Arbeit. Ein Beispiel ist das Konzert vom Freitag im moods: Es gibt alte Songs von damals und Improvisation mit den Musikern von damals, das ist eine Freude.

Angekommmen und zufrieden: Corin Curschellas kurz vor dem runden Geburtstag

Sie sind ja auch Schauspielerin, arbeiteten mehrere Jahre mit Christoph Marthaler zusammen. Gab es mal die Entscheidung Schauspiel oder Musik?

Ich stelle hohe Ansprüche an mich selber, ich will auch mit möglichst guten Leuten zusammenarbeiten, dann werden wir zusammen besser. Klar, mit Marthaler hätte ich gern auch nach seiner Zürcher Zeit gearbeitet, aber es hat sich nicht ergeben. So bin ich zufrieden, wie es heute ist.

Heute nimmt man Sie als rätoromanische Sängerin wahr. Aber in Ihrer Kindheit redeten Sie churerdeutsch, auch mit den Eltern. Rätoromanisch war die Sprache ihres Vaters und Grossvaters. Woher die Lust und Energie fürs Romanische?

Das Mysterium begann schon in Berlin. Mein erstes Projekt hiess Les extrêmes se touchent es waren Lieder in Rumantsch verflochten mit Free Jazz, alles sehr laut. Die Wurzeln (meine deutschsprachige Mutter stammt aus dem Albulatal) im Rätoromanischen wurden immer wertvoller für mich. Ausserdem: wenn ich schon in englisch, französisch, deutsch und vielen anderen Sprachen singe – warum nicht auch in Romanisch. Ich verstand meine Grosseltern als Kind ganz gut, aber gelernt habe ich das Oberländerromanische erst vor wenigen Jahren richtig. Heute kann ich die verschiedenen Idiome auch unterscheiden, weiss, wie ein Lied in Vallader klingt, oder eins von Tumasch Dolf in Sutsilvan.

und die Sontga Margriata ist natürlich in der Heimat-Sprache Surselvisch. Danke für das Gespräch

La Nova in der Churer Postremise im Januar 2015. Foto: Eva Caflisch

Am Samstag, 1. Oktober, feiert Corin Curschellas ihren 60. Geburtstag mit einem Fest, zu dem sie alle ihre Freunde und Freundinnen von einst und jetzt, alle Menschen, mit denen sie ein Stück Geschichte verbindet, eingeladen hat. Weil die meisten von ihnen – Schriftsteller, Musikerinnen, Cantautori, Grafikerinnen, Schauspieler, Künstlerinnen – dem Geburtstagskind ein Ständchen bringen, ergab ein „Gedankenblitz“ aus der grossen Party gleich einen öffentlichen Anlass zu machen: das Stadttheater Chur bot Hand, nun kann man dabei sein. Am Vorabend schiebt Corin Curschellas – auch mit sechzig ein Energiebündel – ein Konzert im moods, dem Jazzclub im Zürcher Schiffbau, ein. Ausserdem gibt sie den zweiten Band der rätoromanischen Lieder La Grischa 2 heraus, tourt mit dem Frauentrio La Triada und beginnt im Herbst eine Konzertreihe mit La Nova. „Musik ist mir Berufung“, sagt sie.

Hier können Sie Tickets buchen für
das Konzert im moods am 30. September
das FEST im Theater Chur am 1. Oktober 

CDs, Bücher und viel mehr finden Sie auf Corin Curschellas Homepage

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