FrontKulturJagd auf einen rosaroten Winzling

Jagd auf einen rosaroten Winzling

Ein leuchtender, rosaroter Elefant, der einem Obdachlosen erscheint: In Martin Suters neuem Roman geht es nicht etwa um Märchen, sondern um die knallharte Realität der Gentechnologie.

Es ist oft so in den Romanen von Martin Suter: zuerst schafft er ziemliche Verwirrung mit vielen Schauplätzen und Personal. Das ist auch in seinem neuesten Roman „Elefant“ nicht anders. Das baut zwar eine gute Spannung auf, der Leser muss sich aber erstmal zurechtfinden. Obskure Forscher, ein Obdachloser an der Limmat, eine Tierärztin mit einer Villa am Zürichberg, ein Zirkus und ein burmesischer Elefanten-Flüsterer in der Ostschweiz. Und alle wollen ihn: den kleinen, rosa Elefanten, der in der Nacht leuchtet. Allerdings aus höchst unterschiedlichen Interessen.

Der verunglückte Elefant

In Sri Lanka wird ein kleiner Elefant angefahren. Damit läuft eine geheimnisvolle Maschinerie an: ein zwielichtiger Veterinär tötet das Tier und entnimmt ihm die Eierstöcke. Eingefroren gelangen sie über Abu Dhabi nach Zürich.

Dr. Paul Roux, Genforscher und hochverschuldeter Inhaber der Firma Gentecsa, erwartet das Material eines asiatischen Elefanten voller Ungeduld. Roux will nicht befruchtete Eizellen gentechnisch verändern. Ziel ist nichts Geringeres als eine Weltsensation: ein rosa Elefant, der in der Nacht leuchtet und am Tag eine spezielle Farbe hat. Das grosse Geld lockt und damit die Unabhängigkeit von Roux‘ chinesischen Teilhabern.

Der Elefantenflüsterer im Zirkus

Der burmesische Oozie Kaung ist Elefantenpfleger im Zirkus Pellegrini, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Um dem Betrieb wieder auf die Beine zu helfen, sollen die Elefantenkühe als Leihmütter zur Verfügung gestellt werden. Eine willkommene Adresse für das Experiment von Roux. Unter grösster Geheimhaltung wird einer Elefantenkuh ein gentechnisch veränderter Embryo eingepflanzt.

Zunächst entwickelt sich alles wie geplant. Aber plötzlich wächst der Fötus nicht mehr und droht abzusterben. Das Experiment scheint zu scheitern. Roux will den Fötus unbedingt haben, wenn es einen Abort gibt, um an das wertvolle Zellmaterial zu kommen.

Oozie Kaung sieht das mit ganz anderen Augen. Der kleine Elefant werde überleben und sei vielleicht sogar heilig. Landtierarzt Reber solle ihn schützen. Die beiden tun es auf ihre Art: Als die Elefantenkuh einen rosaroten Winzling zur Welt bringt, behaupten sie, er sei tot gewesen und irrtümlich zur Kadaver-Sammelstelle gebracht worden. Der Tierarzt nimmt das Elefantenmädchen bei sich auf. Als die Sache schliesslich auffliegt, bringt er es unter dramatischen Umständen nach Zürich.

Die rettenden Butterblumen

Damit erhält der Obdachlose Schoch in seiner Schlafhöhle an der Limmat seltsamen Besuch: ein kleiner rosaroter Elefant, der in der Dunkelheit leuchtet. Ein Spielzeug, denkt er zunächst, aber das Tier bewegt sich, hebt den Rüssel und schlägt mit den Ohren. Auch am Fluss tut sich Ungewöhnliches: Asiaten fragen den ganzen Tag nach Höhlen, bei der Wasserwalze wird eine Leiche aus dem Fluss gezogen, nachdem dort mehrere Fremde schon herumgestochert haben.

Sabu, nennt Schoch das Elefantenmädchen. Es lässt sich füttern mit Zweigen, Gras und Butterblumen. Diese sind seine – mindestens vorläufige – Rettung. Weil giftig, wird Sabu krank und Schoch bringt sie zur Gassentierärztin Valerie. Die erkennt sofort: das Tier ist eine Weltsensation aus dem Bereich der Genmanipulation. Und noch etwas ist ihr klar: der Besitzer will es um jeden Preis wieder haben. Aber wie Kaung und Schoch ist sie entschieden dagegen. Sie bringt Schoch mit Sabu in ihrer leer stehenden Villa am Zürichberg unter und hofft, man werde sie nicht entdecken. Aber sie hat es zurecht befürchtet: die Jagd auf den Winzling hat längst begonnen.

Die Guten und die Bösen

Suter versteht sein Handwerk mehr als trefflich, nämlich aktuelle Themen aufzugreifen, einen spannenden Plot zu kreieren und nicht zuletzt mit den Gefühlen seiner Leser zu spielen.

Es geht ihnen wie den „Guten“ im Buch, der kleine Elefant wächst ihnen ans Herz. Und sie hoffen, dass die „Bösen“ nicht die Oberhand behalten. Die sind ja nur auf Geld aus und wollen aus Sabu ein Spielzeug für Kinder machen, die eh schon alles haben.

Was die Suter-Romane auszeichnet ist auch hier der Fall: genaueste Recherchen, bei den Genforschern, den Elefantenspezialisten, aber auch bei den Obdachlosen. Zudem wird mit Daten über sehr kurzen Kapiteln die Orientierung und Chronologie erleichtert. Alles in Allem: tolle Unterhaltung.

Martin Suter: „Elefant“, erschienen bei Diogenes, 348 S., ISBN 978-3-257 06970-9

 

 

 

 

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