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Vom Umgang mit der Zeit

Die Zeit verfliegt nicht schneller. Ich bin langsamer geworden. Eine wohltuende Erkenntnis.

Es vergeht kein Treffen mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, an dem nicht jemand im Verlaufe des Gespräches sagt: „Die Zeit vergeht so schnell“. Manchmal bin ich es auch selbst, die diese Bemerkung in die Runde wirft. Und dann geht es jeweils los. Wir beschwören die Wochentage, die sich so rasch wiederholen: „Es ist immer schon wieder Wochenende“. Wir greifen auf die Jahreszeiten zurück: „Dieses Jahr ist es rasch gegangen, bis es wieder Herbst wurde“. Oder wir meinen, erst hätten wir noch einen runden Geburtstag gefeiert. Und schon galoppieren wir auf den nächsten halbrunden zu!

Die Meinung über die Zeit, die verfliegt, vertrat ich lange auch. Bis ich plötzlich einen Erkenntnisblitz hatte: Es stimmt gar nicht, dass die Zeit rasch vorüber geht. Nein, es hat in derselben Zeitspanne einfach weniger Platz als früher. Warum? Weil ich in allem langsamer geworden bin. So so! Diese Feststellung musste ich zuerst verdauen. Bin ich wirklich langsamer geworden oder nehme ich es einfach gemütlicher, weil mir mehr Zeit zur Verfügung steht? Ist das überhaupt zu unterscheiden?

Was sind denn die Fakten? Früher bin ich jeweils auf den Bahnhof gesaust und habe den Zug in der letzten Minute vor der Abfahrt erreicht. Diese Minute gab mir immer reichlich Zeit, einen Platz zu suchen. Denn bevor sie um war, fuhr der Zug garantiert nicht ab! Diese Minute, an der Bahnhofuhr fein säuberlich ablesbar, war manchmal komfortabel lang. Heute treffe ich zehn Minuten, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten vor Zugsabfahrt auf dem Bahnhof ein. Zugegeben, ich setze etwas mehr Zeit für den Weg ein. Denn ich habe bemerkt, dass ich meine Schritte nicht mehr unbeschränkt beschleunigen kann wie früher. Aber die Wartezeit, die ich zur Verfügung habe, um das Bahnhofleben zu beobachten, ergibt sich einfach von selbst, geschenkte Zeit!

Wie ist es mit der Hausarbeit? Da stelle ich fest, dass der Weg zur Entscheidung, das, dies und jenes jetzt endlich zu erledigen, häufig mehr Zeit beansprucht, als die Verrichtung selbst!

Und auch für unangenehme Aufgaben gibt es ja immer eine Zeit, diese an die Hand zu nehmen. Aber ich „finde“ diese Zeit einfach nicht! Weil sich meine Prioritätenliste immer wieder ändert. Werde ich ehrlich sein, wenn ich mich dann endlich entschuldige: „Ihre Anfrage ist mir unters Eis geraten“. Oder werde ich „Imagepflege“ machen und vorgeben, ich hätte so viel zu tun gehabt, und „Sie wissen ja, die Zeit verfliegt so schnell!“

Vieles trägt seine Zeit in sich. So ging es mir jeweils mit dem Gespräch mit einem Freundespaar. Sie kamen in kürzeren oder längeren Abständen zu mir zum Mittagessen. Und siehe da, jedes Mal dauerte es ungefähr eine und eine halbe Stunde. Auch wenn nachher kein Termin und keine Verpflichtung anstand. Wir haben gegessen, wir haben „alles“ besprochen, wir waren zufrieden und gingen wieder unserer Wege.

Mein Fernsehapparat ist vor einiger Zeit ausgestiegen. Und ich habe mich noch nicht aufgerafft, ihn zu ersetzen. „Ist Dir nicht langweilig am Abend“, fragt mich mein Umfeld. „Nein“ sage ich dann. „Jeden Abend erlebe ich den Glücksmoment, dass ich einen „freien“ Abend habe und mich nicht nach dem Fernsehprogramm richten muss“.

Das Fernsehen stiehlt uns ja viel Lebenszeit. Die wenigsten sind sich dessen bewusst. Und die Fernsehmacher geben sich alle Mühe, uns zu verführen, zu verleiten, vor den Apparat zu locken.

Wer stiehlt mir die Lebenszeit? Das sind die Zeitungen! Mein Morgenritual ist das Durchsehen, Durchblättern verschiedener Tageszeitungen! Und ich bewundere die Zeitungsmacher. Sie geben ihr Bestes! Aber „nichts ist so alt wie eine Zeitung von gestern“, heisst ein Sprichwort. Mit den digitalen Möglichkeiten ist auch die Zeitung von heute, kaum ist sie erschienen, überholt.

Eine Kolumne benötigt einen aussagekräftigen Schluss. Ich finde ihn im kernigen Satz des Wilhelm Tell im 4. Aufzug des Stückes von Friedrich Schiller, in der dritten Szene, die in der Hohlen Gasse spielt. Wilhelm Tell tritt auf, schätzt den Standort ein und sagt, noch in Abwesenheit von Gessler: „Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt, Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen“. Dieser Situation in hoffentlich weniger dramatischen Umständen werden wir alle nicht entgehen. Die Uhr, die Zeit wird einmal abgelaufen sein!

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