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Sehbeeinträchtigung bewältigen lernen

Akzeptieren zu müssen, dass mit dem Alter die körperlichen Gebrechen zu- und die Selbständigkeit abnehmen, ist nicht leicht.

Kommt auch noch eine Sehbehinderung hinzu, wirkt sich das direkt auf die Lebensqualität aus. Wie gehen die betroffenen Personen mit diesen Einschränkungen um? Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen – auch SZBLIND genannt – ist dieser Frage in der Studie COVIAGE nachgegangen und hat Empfehlungen ausgearbeitet.

Wir haben gelernt, unserer Gesundheit Sorge zu tragen und leben immer länger. Der Anteil an älteren Menschen in unserer Gesellschaft steigt stetig an. Und damit auch die Zahl der Menschen im Pensionsalter, die lernen müssen, ihren Alltag mit einer Sehbeeinträchtigung zu meistern.

Herausforderung Sehbehinderung im Alter

Sich im Alter einer derartigen Herausforderung stellen zu müssen, fällt den meisten Betroffenen schwer. Sie verdrängen die Tatsache, dass sie immer schlechter sehen. Damit verpassen sie über Jahre hinweg die Chance, dank neuer Strategien weitgehend und lange unabhängig zu bleiben. Ein besonderes Problem im Alter ist die Motivation. „Es lohnt sich doch in meinem Alter nicht mehr“ ist eine oft gehörte Aussage, wenn es beispielsweise darum geht, sich bei einer Beratungsstelle zu informieren oder den Gebrauch von Hilfsmitteln zu erlernen. Häufig stehen auch Ängste im Vordergrund: die Angst, dass sich die Sehbehinderung weiter verschlechtert, oder die Angst, von seinem sozialen Umfeld abhängig zu sein und seine Autonomie zu verlieren.

Studie zur Bewältigung von Sehbehinderung im Alter

«Bereits vor vier Jahren untersuchte der SZBLIND die Lebensqualität und Lebensbedingungen von älteren Menschen mit einer Sehbehinderung», erklärt Stefan Spring, Studienleiter von Coviage. „Im Alter eine Sehbehinderung erfahren – oder mit einer Sehbehinderung das Alter erfahren“ ist der Titel der Vorstudie, die damals in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich entstand. Mit der schweizweiten COVIAGE-Studie ging der SZBLIND nun noch einen Schritt weiter. Coping with Visual Impairment in Old Age steht hinter dem Namen COVIAGE und entsprechend steht im Zentrum der Studie, wie die Betroffenen ihre Sehbehinderung im Alter bewältigen. Gemeinsam mit Experten der Universität Zürich, der Fachhochschule der Westschweiz HES-SO Lausanne und auf der Basis von Interviews mit 1299 befragten Personen erarbeitete der SZBLIND das COVIAGE-Modell.

Schwierigkeiten im Alltag mindern die Lebensqualität

Die befragten Personen gaben zum Beispiel an, dass sie alltägliche Aktivitäten wegen ihrer Sehprobleme als mühsam empfinden oder sogar aufgeben: Texte lesen, Auto fahren, von Hand schreiben, Theaterbesuche oder andere geschätzte Tätigkeiten. Die Schwierigkeiten im Alltag schränken sie ein und mindern ihre Lebensqualität. Rund ein Drittel der Befragten fühlt sich durch die Sehbehinderung und die täglichen Gedanken daran psychisch belastet. Weitere Teilnehmer der Befragung leiden unter der Angst, dass ihre Sehfähigkeit zusehends schlechter und damit ihre Abhängigkeit von anderen Personen immer grösser wird.

Neue Herausforderungen mit schwindendem Sehvermögen! Das stellt nicht nur die betroffene Person vor neue Herausforderungen, sondern auch für Betreuung und Rehabilitation! (zvg)

Wie begegnen die Betroffenen den Herausforderungen, die ihre Sehbeeinträchtigung mit sich bringt? Die Hilfe ihres persönlichen Umfeldes sei wichtig, erklärten die meisten. Sie nehmen Unterstützung durch ihre Partner, Kinder, Freunde und Verwandte oder Bekannte an. Als ebenso bedeutend erachten sie das eigene Problemlöseverhalten und damit die Bereitschaft, Schwierigkeiten aktiv anzugehen. Ausserdem gaben die befragten Personen an, dass sie spezielle Hilfsmittel wie etwa Leselupen benutzen sowie externe Unterstützung in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich stellte die COVIAGE-Studie fest, dass es entscheidend ist, wie die betagte sehbehinderte Person Belastungen ausgleichen und Ressourcen einsetzen kann, um die Lebensqualität trotz Sehbehinderung zu erhalten. Die Beratung von älteren sehbehinderten Menschen durch Fachpersonen der Augenmedizin und Rehabilitation soll deshalb darauf fokussieren, wie die Betroffenen neue Ressourcen aufbauen können.

Konkrete Empfehlungen

«Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen formuliert die Studie konkrete Empfehlungen. Sie weist darauf hin, wie wichtig es ist, bei Anzeichen von Sehproblemen einen Augenarzt aufzusuchen. Weiter empfiehlt sie betroffenen Personen, das breite Beratungsangebot zu nutzen, um Möglichkeiten und persönliche Fragen rund um die Sehbeeinträchtigung zu klären», so Stefan Spring. Mit diesem Schritt lernen die sehbehinderten Personen gleichzeitig die spezifischen Hilfsmittel kennen, die ihnen den Alltag erleichtern. Unerlässlich ist es auch, das eigene soziale Umfeld früh miteinzubeziehen. Man kann mit einer Sehbeeinträchtigung leben lernen, anstatt sie zu verdrängen. Die Studie zeigt, dass Betroffene die Lebensqualität positiv beeinflussen können, wenn sie die Herausforderung annehmen und nach vorwärtsblicken. Wer aktiv nach Bewältigungsstrategien sucht, um mit seinen Sehproblemen umzugehen, wird eher eigene Wege finden und eine positive Einstellung bewahren können.

Auch für die Angehörigen und für die Fachpersonen hält die COVIAGE-Studie Empfehlungen fest, die im Umgang mit den sehbeeinträchtigten betagten Menschen hilfreich sind. Wichtig ist hier vor allem der Fokus auf die Selbständigkeit. Die sehbehinderte Person soll Motivation, funktionale und emotionale Unterstützung erhalten, damit sie ihren Alltag so selbständig wie möglich bewältigen kann.

Die ausführlichen Resultate der Studie und die Empfehlungen sind kostenlos nachzulesen auf der Website (www.szb.ch).

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