Kultur

Die Fallhöhe zwischen Tragik und Komik

Poetisch, versponnen, märchenhaft und ein bisschen klamaukig ist die neue Ballettproduktion am Opernhaus Zürich. „Faust“, nach Johann Wolfgang von Goethes Literaturklassiker.

„Faust, wie hast Dus mit dem Tanz?“ möchte man fragen, wenn der gramgebeugte Gelehrte mit einem Rollstuhl voller Bücher über die Bühne schleicht. Und es geht lange, braucht einen Abstecher zu den Botox-Hexen oder wie die wilden Hüterinnen des Jungbrunnens auch heissen, bis dieser Doktor Faust auf der Zürcher Opernhausbühne merkt, dass da eigentlich „Ballett“ auf dem Programm steht.

Herausforderung für Choreografen

Edward Clug reiht sich mit seiner „Faust“-Interpretation in die Linie der Choreografen ein, die seit 190 Jahren dem grossen Epos der deutsche Literatur, dieser Suche nach Sinn und Sinnlichkeit, Tribut zollen. Oder einfacher gesagt, versuchen, eine im Grunde von Tanz weit entfernte Story in Schrittfolgen und Bewegungen – und Musik – zu zwingen.

Der lebensmüde Faust (Jan Casier) sitzt im Rollstuhl, William Moore als Mephisto auch. Nur andersrum. (Alle Bilder Gregory Batardon, Opernhaus Zürich)

Dass man Edward Clug, dem rumänischen Choerografen und Ballettdirektor am Nationaltheater im slowenischen Maribor, in Zürich einiges zutrauen kann, weiss das Publikum seit seinem ziemlich nassen „Sacre du Printemps“. Und jetzt ein wortgewaltiger Stoff des wortgewaltigen Johann Wolfgang von Goethe (fast) ganz ohne Worte – da brauchts es zumindest die adäquate Musik.

In Milko Lazar hat Clug einen Komponisten gefunden, der die ganze Skala eines Orchesters auszuloten versteht, vom feinsten Geigenflageolett, intimen kammermusikalischen Passagen bis zum dramatischen Tutti. Im Dirigenten Mikhail Agrest hat er zudem einen Partner gefunden, der diese Partitur in diesem Schmelztiegel von Tanz, Musik und Theater einfühlsam und stringent umzusetzen weiss.

Pudel ist ein Plastikhund

Ja, dieser Faust leidet an der Welt und an der Wisssenschaft, sieht sich umgeben von grauen und schwarzen Todesengeln, die bedrohlich mit ihren Flügeln schlagen. Trotz Bewunderung der Studentenschar will er seinem Leben ein Ende setzen – da tritt Mephisto als Befreier aus seinem Gelehrtenkorsett auf. „Das ist des Pudels Kern“ heisst es bei Goethe und dieser Satz wird auch flugs umgesetzt. In einen Ballonhund, wie man ihn bei Jahrmarktsgauklern und Jeff Koons findet.

Etwas seltsame erste Liebesnacht: Gretchen (Michelle Willems) und Faust – und Mephisto.

Jan Casier gibt einen wunderbar blassen, blutleeren Faust ab, der an sich und der Welt leidet und nur ganz langsam aus seiner Lethargie findet. William Moore als Mephisto dagegen strotzt vor Leben und Energie und braucht nicht viel mehr als den Plastikhund, um Faust zu überzeugen, ihm seine Seele zu überlassen.

Marlene Dietrich ist auch dabei

Dann verpufft der Pudel und Gretchen erscheint. Zuerst etwas befremdlich als eifrige Putzfrau, dann aber als das junge Ding – „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ {Goethe, aber nicht Faust) – das dem muffligen Gelehrten den Kopf verdreht oder sich selbigen von ihm verdrehen lässt. So ganz klar wird das nicht – auch wenn Marlene Dietrich beim ersten Rendez-vous dramatisch „Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt“ intoniert.

Zuerst aber wird Gretchen mit Schmuck bezirzt und Michelle Willems „Pas de deux mit Perlenkette“ ist naiv und verführerisch zugleich. Es braucht dann aber noch die Nachbarin (Viktorina Kapitonova), bis es zum Treffen kommt. Dann wird es zwar nicht intim – wie auch, liegt Mephisto doch meist unter der Bank oder dem Bett – aber Folgen hat das Treffen. Wie schwarze Feen umschwirren Gestalten das Paar und lassen dabei einen Kinderwagen zurück.

Gretchen will sich nicht aus dem Kerker befreien lassen, also vergnügt sich Faust an der surrealen Walpurgisnacht.

Diese klamaukige Szene, wie auch das pantomimische Handspiel von Mephisto und Nachbarin Marthe, sind eigentliche Brüche in der komplexen, witzigen Choreografie, nur getoppt noch von der surrealen Walpurgisnacht. Zu der wird Faust mitgeschleppt, nachdem er sich nach der Begegnung mit der Kindsmöderin Gretchen feige vom Acker gemacht hat.

Optische Märchenszenen

Im Ballett, das vom Publikum zum Schluss stürmisch gefeiert wurde, gefallen nebst den Solisten die präzisen und rasanten Tanzszenen des Corps de Ballet, erweitert durch etliche Mitglieder des Junior Balletts. Und einen guten Teil der dramaturgischen Effekte sind der Ausstattung geschuldet: Leo Kulas entwarf die märchenhaften bis schrillen Kostüme und Marko Japelj gestaltete einen schlichten Bühnenraum, der sich unversehens zu Magritte-ähnlichen Gemälden öffnet.

Eine wichtige Rolle und Symbol der Isolation von wem auch immer, ist der mannshohen Inkubator, den Japelj auf die Bühne stellt und der alles in seinem Innern in ein milchiges Grau taucht – man weiss es ja: „Grau ist alle Theorie“.