Allgemein

Ein geknüpfter Riesenbaum im HB Zürich

GaiaMother Tree“ heisst das riesige Kunstwerk des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, das gegenwärtig in der grossen Halle des Zürcher Hauptbahnhofs ausgestellt ist.

Das monumentale Kunstwerk ist eine aus bunten Baumwollbändern handgeknüpfte, farbenfrohe Skulptur, die sich bis hinauf zur 20 Meter hohen Decke der Bahnhofshalle ausbreitet. Die Gestalt des Werks erinnert an die Form eines Baums, dessen Krone die Decke der Bahnhofshalle bedeckt. An der Wurzel des Baums befindet sich ein grosser begehbarer Raum, in dem die Besucher verweilen und sich auf kreisförmig angeordneten Kissen niederlassen können. Herabhängende tropfenförmige Elemente sind mit duftenden Gewürzen und Saatgut gefüllt.

GaiaMother Tree, ein gigantischer Baum, der 20 Meter hoch ist und dessen Krone sich über eine Fläche von 40 x 28 Meter erstreckt.

Ermöglicht hat die gewaltige Kunstinstallation im HB Zürich die Fondation Beyeler, die seit ihrer Gründung 1997 immer wieder Projekte im öffentlichen Raum mit Künstlern wie Jeff Koons, Jenny Holzer, Louise Bourgeois und Thomas Schütte realisiert. Mit GaiaMother Treevon Ernesto Neto wurde nach den Wrapped Trees des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude vor genau 20 Jahren erneut ein Projekt umgesetzt, das spezifisch für die Zürcher Bahnhofshalle geschaffen wurde. Die begehbare Installation kann vom 30. Juni bis 29. Juli bestaunt werden. Im Innern des Kunstwerks findet ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm für Erwachsene und Kinder mit Musik, Meditationen, Workshops, Werkbetrachtungen und Vorträgen statt.

10 220 Laufmeter Baumwollstoff

Erneste Neto, 1964 in Rio de Janeiro geboren, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Brasiliens. Seinem Schaffen wurde nicht zuletzt aufgrund mehrerer Teilnahmen an der Biennale von Venedig und von Ausstellungen in renommierten Museen weltweit grosse Anerkennung zuteil. Seine Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Museum of Modern Art und des Solomon R. Guggenheim Museum in New York, der Tate in London, des Centre Pompidou in Paris und des Hara Museum in Tokio.

Blick hinauf in die Krone der begehbaren Kunstinstallation GaiaMother Tree.

Für die Realisierung von GaiaMother Tree, dessen Krone sich über eine Fläche von 40 x 28 Metern erstreckt, wurden 10 220 Laufmeter Baumwollstoff verwendet. Dieser wurde in Bänder geschnitten, die gefärbt, dann in wochenlanger Arbeit gänzlich von Hand in einer Fingerhäkeltechnik geknüpft und zu einer gigantischen Skulptur zusammengeknotet wurden. Vom Baum herabhängende, tropfenförmige Gegengewichte, die dem Werk seine Form geben und es stabilisieren, sind mit insgesamt 420 Kilogramm gemahlener Gewürze gefüllt.

Verbindung zur Schöpfungsgeschichte

Ernesto Neto stellt mit seiner Skultpur eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte her. Gaia, die personifizierte Erde, entspringt dem Chaos, dem Anfang aller Dinge. Sie gilt als Muttergottheit, die Leben hervorbringt, und zugleich als Todesgottheit, die die Verstorbenen in Empfang nimmt. Neto platziert die «Mutter Erde» gleichsam ins Herz seiner Skulptur. In den Teppich, der sich im begehbaren Innern befindet, ist eine Weltkarte geknüpft, deren Zentrum der Atlantische Ozean bildet. Zum anderen bezieht sich das Bild des Baums auf die biblische Paradieserzählung und den Baum der Erkenntnis.

Blick ins Innere von GaiaMother Tree mit der geknüpften Weltkarte und den Sitzkissen. (Fotos: Linus Baur)

Seit 2013 arbeitet Neto eng mit den Huni Kuin zusammen, einer indigenen Bevölkerungsgruppe, die im brasilianischen Amazongebiet nahe der peruanischen Grenze lebt. Ihre Kultur und Bräuche, ihre Sprache, ihr Wissen, ihr Wissen, ihre Ästhetik, Wert, Weltanschauung und spirituelle Verbindung zur Natur sind wesentliche Bestandteile von Netos Kunst geworden. In der Auffassung der Huni Kuin spielen die Kollektivität und die Sorge um das gemeinsame Wohl eine entscheidende Rolle.

Auf vergleichbare Weise ist Gemeinschaftlichkeit ein Merkmal von Netos Kunst. Mit seinen Werken, die über den Seh-, den Tast-, den Hör- und den Geruchssinn erfahren werden, lädt er den Betrachter zur Partizipation ein. Das Kunstwerk kann berührt, betreten oder in Bewegung versetzt werden. Im hektischen Alltagsleben des Zürcher Bahnhofs ist GaiaMother Tree für vier Wochen ein willkommener Ort der Begegnung, der Diskussion, der Meditation, des Verweilens.

Teaserbild: Ernesto Neto (Foto: Niels Fabeak/Kunsten Museum of Modern Art, Aalborg) 

Mehr zu den Begleitveranstaltungen unter www.fondationbeyeler.ch