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Literarisches Herbstfest

Das Bücherfestival „Zürich liest ‘18“ ermöglicht es, in Dutzenden Veranstaltungen Autorinnen und Autoren zu begegnen.

Zürich hat was kulturelle Events betrifft, mehr als ein volles Programm an diesem Wochenende: einerseits ist es der Termin der Messe Kunst 18 in den Örliker ABB-Hallen, andererseits heisst es Zürich liest ‘18, ein immer üppiger auftretendes Festival des Zürcher Buchhändler- und Verlegervereins. Beim Buchfest wird die Wahl, welche Lesungen oder Gespräche man besuchen soll, angesichts des zwar übersichtlichen, aber prall gefüllten Programms schwierig. Es wäre beispielsweise möglich, sich auf das literarische Schaffen zu konzentrieren, oder aber Events mit kulinarischen Zusatzleistungen zu besuchen, oder sich umsehen, was an Geschichte, Politik und Gesellschaft in Buchform aus Schweiz und der Welt beim Festival auftaucht.

Autorinnen aus Osteuropa

Folgen wir zunächst dem literarischen Wegweiser: Neben bekannten Namen wie Hansjörg Schneider, dem die Aare Lebenselixier bedeutet, und Peter Bichsel, der Fragen zur Existenz eines Schriftstellers beantworten will, lesen auch Urs Faes, Bodo Kirchhoff, Margrit Schriber, Klaus Merz und Arno Camenisch. Dazu zeigen sich viele junge Autorinnen und Autoren, die ihr Debüt präsentieren oder noch keinen Verlag gefunden haben. Das Literaturhaus ergreift die Gelegenheit, die Sofalesungen bekannter zu machen. Diese finden in Wohnstuben von Leserinnen und Lesern, also in entspannter und intimer Atmosphäre statt. Doch nicht nur dabei kann man neue Namen entdecken, darunter diesmal besonders viele Frauen. Vielversprechend ist die Veranstaltung Drei Frauen – sechs Länder mit der Georgierin Ruska Jorjoliani, der Iranerin Golnaz Hashemzadeh Bonde und der polnischen Ukrainerin Żanna Słoniowska; alle im Exil in Europa über Themen ihrer Heimat schreibend. Oder das Gespräch über die literarisch-essayistische Verarbeitung des Terroranschlags im Pariser Konzertlokal Bataclan vor drei Jahren, das Daniel Binswanger mit der Autorin Oksana Sabuschko führt.

Riesige Auswahl für Leseratten

Hundert Veranstaltungen in einer halben Woche – das heisst sich entscheiden, denn vor allem freitags und samstags finden mehrere Lesungen, Diskussionen, literarische Führungen oder Fahrten mit Tram und Schiff parallel statt, einige sind ausverkauft, andere sind gratis, für einige geht es aus der Stadt hinaus, zum Beispiel in die Otelfinger Mühle, wo Franz Hohler durch sein Werk „spaziert“.

 

Das Zentrum von Zürich liest ‘18 mit Informationen über Das WasWannWo ist im Karl dem Grossen zu finden – oder auch im Internet unter www.zuerich-liest.ch. Dort zeigt die Fotografin Ayse Yavas, die seit 1987 regelmässig Autorinnen und Autoren porträtiert, eine Auswahl ihrer Fotografien in einer Ausstellung. Lesen macht hungrig und durstig, und Verlage packen auch Kulinarisches zwischen Buchdeckel. Beim Bücherfest widmen sich mehrere Veranstalter dem leiblichen Wohl, verbunden mit geistiger Anregung, Buch und Bauch heisst der Programmtipp bei einem Event auch Buch und Bier.  

Leckerbissen literarisch und kulinarisch

So feiert die Paranoia City Buch- und Weinhandlung die georgische Küche mit Rezepten und Proben. Oder bei Obergass Bücher in Winterthur gibt es Kaffee und Kuchen in literarischen Geschichten und in Tasse und Teller. Frühstücken mit den MaulheldenHildegard Keller und Christof Burkhard im Café Odeon und danach Mittagessen mit pfeffrigen Kurzlesungen im Karl dem Grossen geht nicht, Zeitplan und Bauch machen es unmöglich. Aber das Diner im Münsterhof mit Liebe, Lust und Leidenschaft wäre noch möglich. Dann lieber gleich mit dem Krimitram verreisen.

Georges Simenon ©Kampa Verlag 

Auch von verstorbenen Autoren gibt es neue Bücher, beispielsweise wird Georges Simenon, der grosse belgische Schriftsteller, der mehr als Maigret-Krimis schrieb, in Zürich neu ediert und wird nun gefeiert. Cesare Paveses Romane sind neu übersetzt fester Bestandteil der edition Blau im Rotpunktverlag, der in seine Räume einlädt, was auch der Verlag rüffer&rub anbietet. Während die meisten Lesenden Buchhandlungen von innen gut kennen, sind Verlage meist nur als Buchstaben auf dem Titel geläufig. Wer am Sonntagabend noch Lust auf ein literarisches Dessert hat, fährt nach Wädenswil in dieVilla zum Abendstern, bekannt aus Robert Walsers Der Gehülfe, wo der Walserspezialist und Verleger Bernd Echte mit dem Nimbus-Verlag residiert. Gelesen wird aus den Erinnerungen des Autors C. F. Ramuz an den Musiker Igor Strawinsky und den Maler René Auberjonois, mit denen er befreundet war.

Wer wohl den Schweizer Buchpreis gewinnt?

Was wäre ein Lesefest ohne Buchvernissagen und Preise? Verliehen wird der Zürcher Kinderbuchpreis und der Bookstar, den Jugendliche online aus zwanzig Titeln wählten. Lesen werden auch die fünf Nominierten für den Schweizer Buchpreis, der am 11. November in Basel verliehen wird. Dazu gibt es ein Kritiker-Gespräch, denn die Shortlist, auf der die Namen Adolf Muschg, Christine Viragh oder Thomas Hürlimann fehlen, hat die Branche irritiert.

Elina Duni besang mit der Autorin Bessa Myftiu die Schönheit Albaniens

Zu einem Fest gehört natürlich auch Musik: Es gibt sie als Spoken-Word-Auftritte, als musikalische Begleitung der Lesungen des Satirikers Matto Kämpf oder des LyrikersNorbert Hummelt in der Grossmünster-Krypta , als Ramneks Jukebox, in welcher Blues und Rocksongs stecken oder gar mit lettischem Chorgesang in der Wasserkirche, wo dasNationaldichterpaar Lettlands, Rainis und Aspazija, die jahrelang im Zürcher Exil lebten, geehrt werden. Schliesslich sei die offizielle „Zürich liest“-Party erwähnt, denn „Auch Büchermenschen wollen feiern.“

Die eingebauten Links führen zu den jeweiligen Veranstaltungen, aber man kann sich auch online durchs Programm klicken oder auch zu Fuss zur Kirchgasse hochsteigen, wo das Festivalzentrum im Karl dem Grossen gleich gegenüber dem Grossmünster nicht ganz rund um die Uhr, aber lange genug geöffnet hat.

Wer lieber sitzt und zuhört, statt von Buchlesung zu Buchvernissage zu eilen, für den sind Gruppenlesungen das Richtige. Beispielsweise die Marathonlesung im Sphères oder dieMammutlesung 2018 als Sonntagsmatinée.

zuerich-liest.ch

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