Gesundheit

90plus und gut drauf

Ein Buch übers Hochalter hat die Autorin und Filmerin Marianne Pletscher (70plus) gemeinsam mit dem Fotografen Marc Bachmann (40plus) verfasst.

Zehn Frauen und Männer zwischen 92 und 102 öffneten der Autorin und ihrem Fotografen ihre Türen und Fotoalben und sprachen über ihre Jugend, ihr Leben heute und ihre Erwartungen. Die Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher setzte sich bislang immer wieder mit Themen wie Demenz, Altersgebrechlichkeit, Sterbehilfe auseinander. Nun legt sie einen Band über zufriedene Menschen im Höchstalter vor – was nicht mit hundert Prozent gesund oder mobil gleichzusetzen ist, aber viel mit wachem Geist, Gelassenheit und Lebensfreude zu tun hat. Wir trafen sie zum Gespräch.

Seniorweb: Marianne Pletscher, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über aktive und positiv eingestellte Menschen zwischen 92 und 102 zu schreiben?

Pletscher: Auslöser war eine ärgerliche Intervention der Theologin Leni Altwegg, bei einerTagung zum hohen Alter mit vielen Menschen zwischen 50 und 60, dass wenige eine Ahnung vom Leben einer über 90jährigen hätten. Sie äusserte das freilich so charmant und klar, dass es mich anregte.

«Ich kann mich recht gut abfinden mit der Abnahme des Gedächtnisses. Mit dem Denkvermögen hat das Gedächtnis wenig zu tun, und das Erstere ist bei mir intakt, ich finde es sogar eher klarer als früher.» (Leni Altwegg, Pfarrerin, 95)

Die zweite Frau, drei Jahre Berufserfahrung, dann Hausfrau und Mutter, lernte ich bei einer Veranstaltung über Sterbehilfe kennen. Hedy Rieser lebt in einem Altersheim und steuerte folgendes bei: ‹Meine Frauen wollen alle sterben, aber sie wissen nicht wie – ich kann es ihnen nicht beibringen.› Sie selbst ist Exit-Mitglied, und beeindruckend gut informiert. Da wusste ich, ich muss weitersuchen – das wird ein Buch.

Sie befassten sich jahrelang mit Problemen des Alters, mit dem geistigen und körperlichen Abbau, mit Demenz und Alzheimer. Hatten Sie genug von diesen zwar wichtigen, aber nicht sehr heiteren Themen?

Ja, das auch, ich fand, ich müsse endlich etwas Positives übers Alter machen. Mir fiel auch auf, dass vorwiegend Negatives über alte Menschen geschrieben wird. Dieses Negative stimmt durchaus – es gibt Altersarmut, Enkeltrickbetrüger, Pflegenotstand undsoweiter, aber da sind – so stellte ich bei meinen Recherchen fest – auch viele über 90jährige, die zufrieden und gut drauf sind. Das sollte man der Welt doch mitteilen!

«Die Liebe kann ganz für sich allein stehen, sie erfüllt mit ihrer Kraft die Welt und uns Menschen. In meinem Alter muss man auch den eigenen Körper lieben, ihm Sorge geben.»(Silvana Lattmann, Schriftstellerin und Malerin, 101)

Waren eigene Ängste, im höheren Alter dement zu werden auch ein Motiv für diese Porträtsammlung?

Die Ängste kamen schon beim ersten Film zum Thema Demenz im Jahr 2011 auf, das ganze Filmteam teilte sie übrigens. Das Phänomen ist als Medizinstudentenkrankheit bekannt: Jedesmal, wenn man vergesslich war, dachte man, jetzt hat es auch mich erwischt.

Acht Frauen und zwei Männer konnten Sie zu ausführlichen Gesprächen aufsuchen, darunter ein Ehepaar. Wie fanden Sie Ihre Interviewpartner? Drei der Frauen – nebst den erwähnten auch die ehem alige SP-Kantonsrätin Agnes Guler kannten sie bereits.

Ich erzählte meinen Plan einfach in meinem Bekanntenkreis breit herum. Dann wurden mir von allen Seiten Tanten, Onkeln, Grossmüttern, Urgrossmüttern empfohlen. Zunächst wollte ich ein Frauenbuch machen, aber als mir eine Freundin Ernst Gerber nannte, den ich dann beim ersten Kontakt so lässig fand, war mir klar, dass es ein Buch über Männer und Frauen sein würde. Ganz zum Schluss – wir hatten intensiv nach einem Ehepaar über 90 gesucht – empfahl uns ein Arbeitskollege von Marc Bachmann seine Grosseltern, das Ehepaar Rösli und Willi Vogel. Die sind zauberhaft, ich hab mich gleich in die beiden verliebt.

Willi und Rösli Vogel, beide einiges über 90, freuen sich über ihre jüngsten Nachkommen.

Auf Repräsentativität schaute ich weniger, das Sample ist ja auch sehr klein. Es ergab sich von selbst, dass praktisch alle aus der Mittelschicht sind. Wirklich Arme sind nicht darunter, weil die wohl mit über 90 nicht mehr so gut drauf sind. Ebenfalls kaum berücksichtigt wurde die geographische Verteilung. So kam es zum Schwerpunkt Zürich.

Ein grosser Teil Ihrer Auswahl hatte die Kindheit in einfachen Verhältnissen, wenn nicht in Armut verbracht. Passt doch gut zum Lebenslauf der Autorin, die auch kein Goldküsten-Kind war.

«Die Berge werden niedriger, aber die Lust am Laufen bleibt.» (Ernst Gerber, Bergsteiger und Kletterer, 95)

Stimmt, mehrere stammen aus der Grundschicht, aber sie lernten von ihren Eltern schon früh Solidarität, Tatkraft und Selbständigkeit und nahmen das mit in ihr eigenes Leben.

Mir fiel bei der Lektüre auf, dass niemand über Gebresten oder Probleme klagt. Darf man herauslesen, dass Hochaltrige, die noch gut drauf sind, nicht jammen wollen.

Ja, das ist so. Vreni Marbacher, leider mittlerweile gestorben, meinte: ‹Ich klage nie, denn je mehr man klagt, desto schneller stirbt man.› Sie wurde fast 95. Etwas vergesse ich nie, als ich mich nach dem ersten Interview verabschiedet hatte, sagte sie, ‹halt, ich muss dir noch mitteilen, dass ich mal stürzte und an einem Wirbelbruch fast gestorben bin.› Aber drüber reden sei unsinnig, betonte sie und fügte nach einigem Nachdenken bei, sie habe nicht mehr sprechen können. Das war sehr schlimm für sie, aber mit einer Logopädin lernte sie es wieder. Diese Eigenschaft – Krisen und Schicksalsschläge bewältigen zu können – also das halbvolle und nicht das halbleere Glas zu sehen, ist sehr typisch. Das nennt man Resilienz.

Die Interviewten haben alle ihre Ziele und Aufgaben, dennoch sind sie sich bewusst, dass das Leben endlich ist.

Es ist ambivalent. Einerseits gibt es Dinge, die sie tun wollen. Aber viele sagen sich auch, es ist gut, dass ich nicht mehr muss, dass ich nur noch darf. Das nur noch dürfen wird freilich sofort relativiert. Hedy Rieser beispielsweise wollte ins Altersheim und nie mehr etwas tun – und: ‹Vierzehn Tage später war ich im Bewohnerrat.› Nicht erstaunlich, denn mit ihrer aktiven und offenen Art drängt sie sich geradezu auf. Andere wie Johanna Fischer fahren noch Auto oder ‹börselen› online.

Vreni Marbacher (1924-2019) informierte sich regelmässig und war im eigenen Auto unterwegs zu ihren Terminen

Für wen schrieben Sie dieses Buch? Wer soll es kaufen und lesen?

Ich möchte mich an alle Generationen wenden. Junge Leute, die es in Auszügen lasen, wollten es spontan ihren Grosseltern schenken, sobald es da sei, und vielleicht die alten Angehörigen auch bitten, weniger zu jammern. Marc Baumann, der Fotograf, ist erst vierzig und war mir nicht nur als Fotograf wichtig, denn er sah Merk-Würdiges, das mir gar nicht auffiel. Er war verblüfft, dass alle Frauen und Männer sich bücken können, wenn sie die Schuhe binden. Für mich ist das eher normal, aber jüngere glauben, im Alter sei man nicht mehr mobil.

Stimmt wohl dann nicht, wenn man die vier L berücksichtigt …

… vier Aktivitäten mit L, sagt der Philosoph Ottfried Höffe, führen zu einem glücklichen Alter: Laufen, Lernen, Lieben, Lachen. Mir wurde bei den Gesprächen klar, dass diese Menschen das tun – mehr oder minder intuitiv. Sie passen ihre Aktivität und ihre Träume den Möglichkeiten an und bleiben zufrieden.

Wie sie aussehen, wie sie sich bewegen und wie sie denken, zeige ich in Text und Bild, denn meine Bücher sind eine Art Dokumentarfilm auf Papier. Mit Kritik muss ich rechnen, da ich nicht über das ganze Spektrum des Hochalters schreibe. Aber darüber gibt es wirklich genug Schriften. Die wichtigsten notwendigen sozialen Verbesserungen stehen nicht im Zentrum dieses Buchs, jedoch im angehängten Sachteil gehe ich unter anderem auf die Initiative Hohes Alter ein. Gewiss, es gibt gesellschaftspolitisch noch viel zu tun, aber für unsere Generation wird es sehr wichtig, mit dem älter werden so umzugehen, wie meine Protagonisten hier.

Alle Bilder © Marc Bachmann

Marianne Pletscher, Marc Bachmann: 90plus mit Gelassenheit und Lebensfreude. Sieben Frauen, ein Mann und ein Ehepaar erzählen. Mit einem Vorwort von Roland Kunz. 252 Seiten,145 Fotografien. Limmatverlag, Zürich 2019

Buchvernissage war am 7. Mai im Sphères; das Buch kommt am 11. Mai in den Handel