Gesundheit

Lebensqualität dank Pflege im eigenen Heim

Die meisten Menschen möchten das Ende ihres Lebens im eigenen Heim verbringen. Ohne die Betriebsamkeit eines Spitals, einfach in Ruhe, aber ohne Schmerzen. Das Palliativ Care-Team in Wetzikon macht das möglich. Und spielt eine Vorreiterrolle.

Zu Hause sterben zu können, in der vertrauten Umgebung, zusammen mit seinen Liebsten – dieser Wunsch geht in der Schweiz selten in Erfüllung. Vor allem fehlen Fachleute, die über die Patientensituation informiert sind und rund um die Uhr Hilfe leisten können. So blebt nur die Überweisung in ein Krankenhaus oder Pflegeheim, wenn nicht gleich in ein Sterbehospiz.

In der Schweiz in Pilotprojekt

Im Spital Wetzikon im Zürcher Oberland steht seit zwölf Jahren ein mobiles Palliativpflege-Team im Einsatz. Zwei Ärzte und sechs Pflegefachfrauen kümmern sich um unheilbar kranke Menschen, im Spital und wenn immer möglich und gewünscht, auch in den eigenen vier Wänden. Es ist dies in der Schweiz ein Pilotprojekt. Und seit einem Jahr auch Qualité palliativ-zertifiziert.

Andreas Weber, Facharzt für Anästhesie und Reanimation mit Schwerpunkt Palliativmedizin, begegnete im Notfalldienst immer wieder schwer kranken Menschen. Als Notfälle eingeliefert, werden sie in der akuten Phase zwar adäquat behandelt, dann aber wieder nach Hause entlassen. Bis zur nächsten Notfalleinlieferung.

Facharzt für Palliativmedizin und Leiter des Palliativ Care-Teams Wetzikon, Andreas Weber

Da müsste doch etwas geändert werden, dachte sich der zusätzlich in Spitalmanagement ausgebildete Mediziner. Im Spital findet sich für solche Patienten kein Platz, die (teuren) Spitalbetten sind mit Akutpatienten belegt. Viele Schwerkranke könnten aber zu Hause gepflegt und betreut werden, wenn rund um die Uhr ein Betreuungsteam zur Verfügung steht. 2007 dann wurde im Spital Wetzikon die mobile Palliativ-Care-Abteilung eingerichtet.

Schmerzlinderung in Eigenverantwortung

Dabei ist das Palliativ Care-Team subsidiär unterwegs, das heisst, sie arbeiten dort, wo Hausarzt, Spitex und Angehörige an ihre Grenzen kommen. Das ist zum Beispiel bei der patientengesteuerten Analgesie der Fall, also dort, wo der Patient die Zufuhr der Schmerzmittel mit einer programmierbaren Pumpe selbst steuern kann. Und das Palliative Care Team eilt dann zu Hilfe, wenn Spitex und Hausarzt nicht erreichbar sind, oft nachts oder an den Wochenenden.

Es sind nicht nur alte Menschen, die die palliatve Betreuung zuhause in Anspruch nehmen. Andreas Weber erzählt von einer noch jungen Frau mit Krebs im Endstadium. Sie will unbedingt bei ihren kleinen Kindern bleiben, die Zeit, die ihr noch bleibt, mit ihnen verbringen. So wird sie, fast dauernd bettlägerig, von einem ganzen Team, bestehend aus Hausarzt, Spitex und Palliativteam medizinisch betreut.

Andreas Weber mit einer Mitarbeiterin auf Patientenbesuch.

Diese Pflege zuhause heisst natürlich auch, dass Bezugspersonen in das Betreuungskonzept eingebunden werden müssen. Im Gespräch werden persönliche und therapeutische Ziele abgeklärt. Will die Patientin, der Patient noch möglichst lange weiterleben oder geht es letzlich nur noch um etwas Lebensqualität? Das heisst keine Schmerzen, kein Leiden mehr, aber auch keine therapeutischen Behandlungen und medizinischen Eingriffe.

Persönliches Umfeld wird eingebunden

Und, ganz wichtig: Kann das Umfeld diese Wünsche mittragen, sind die Ressourcen für diese Betreuung vorhanden? Denn das Careteam steht zwar dank Pikettdienst rund um die Uhr zu Verfügung, kann aber nicht ständig vor Ort sein. Sitzwachen zum Beispiel oder die tägliche Pflege müssen anderweitig, vielleicht mit Hilfe von Nachbarn, Freunden, Ehrenamtlichen und Spitex organisiert werden.

Solche Fragen werden beim ersten Gespräch besprochen. Dazu wird ein Notfallplan für Krisensituation erarbeitet und das Umfeld des Patienten entsprechend instruiert. Da werden nicht nur medizinische Fragen besprochen, da gehts es ganz konkret um die Regelung der Betreuung in der letzten Lebensphase. Das heisst, dass bei Bedarf auch Seelsorger oder Psychologen beigezogen werden. Immer mit dem Ziel, dass ein kranker Mensch in Ruhe und ohne Angst oder Schmerzen seinen letzten Lebensabschnitt gehen darf.

Es sind etliche Personen, die bei der Betreuung eines Patienten zuhause eingebunden werden müssen: Angehörige, Freunde, Nachbarn, Spitex, Hausarzt und das Palliativ Care-Team. 

Dabei ist das mobile Palliativ Care-Team keine Sterbebegleitung im engeren Sinne. Im Schnitt werden Patienten rund vier bis fünf Monate begleitet. „Palliativmedizin setzt dort ein, wo Heilung nicht mehr möglich ist. Sie unterstützt die unheilbar kranken Menschen ganzheitlich und sichert ihnen die bestmögliche Lebensqualität.“, sagt Andreas Weber. „Wir möchten, dass möglichst viele Kranke den Schritt ins grosse Unbekannte aus der vertrauten Umgebung heraus machen können“.

Gerade mal 18 Prozent sind es im Kanton Zürich, die so in Ruhe von der Welt Abschied nehmen dürfen. Mit Unterstützung des mobilen Palliative Care Teams in den Bezirken Hinwil und Uster und in Rapperswil-Jona sind es dagegen 65 Prozent.

Klare Regelung der Kostenübernahmen

Es sind nicht in erster Linie finanzielle Gründe, die die Spitalleitung bewog, auf eine eigene pallaitivmedizinische Abteilung zu verzichten und auf das „Home“-Modell zu setzen. Es geht ganz klar um Lebensqualität. Die Krankenkassen übernehmen rund einen Drittel der Kosten, zwei Drittel gehen zulasten der Gemeinden. Das ist vertraglich festgelegt. Der Patient beteiligt sich mit maximal acht Franken pro Tag an den Kosten. Dass der Kanton und die Krankenkassen nicht mehr zur Kasse gebeten werden, ist für Weber eine unfaire Regelung, werden doch mit diesem Modell Hospitalisationskosten, die zulasten des Kantons und der Krankenkassen gehen würden, massiv reduziert.

Die Zürcher Oberländer Zahlen sind beeindruckend: Palliativ Care mobile betreut rund 325 Patienten pro Jahr. Ein Drittel wird anschliessend an einen Spitalaufenthalt in Wetzikon weiter zu Hause bertreut, zwei Drittel kommen aus anderen Spitälern oder werden von Hausärzten überwiesen. Nicht ausgeklammert werden darf, dass in Krisensituationen immer auch wieder Spitalaufenthalte notwendig sein können.

Für Andreas Weber ist das Projekt Palliativ care mobile eine Herzensangelegenheit, das wird im Gespräch deutlich. Für ihn sei diese Auseinandersetzung mit Existenziellem, diese Fragen, was ein Leben ausmacht, zentral. Dazu komme die Dankbarkeit, die spürbar wird, wenn jemand zu Hause, geborgen und in Ruhe seinen letzten Lebensabschnitt verbringen könne.

Alle Bilder wurden zur Verfügung gestellt von Dr. Andreas Weber.