Nach einer Operation kommt es bei Anton Löffel (61) zu einer Sepsis. Er liegt viele Wochen auf der Intensivstation. Er überlebt – doch mit den Spätfolgen lebt er bis heute.
Anton Löffel steht mitten im Leben, als er im Herbst 2021 für eine geplante Operation wegen Sodbrennen ins Spital geht. Nichts deutet auf die lebensbedrohliche Krise hin, die folgt. Nach der Operation kommt er auf die Überwachungsstation. «Auf der Station konnte ich mit meiner Frau telefonieren. Noch während des Anrufs verlor ich plötzlich mein Bewusstsein.»
Eine Naht zwischen Speiseröhre und Magen ist undicht geworden. Anton Löffels Zustand verschlechtert sich, er muss auf die Intensivstation. Durch die Komplikation kommt es zu einer Sepsis. Bei einer Sepsis reagiert der Körper so heftig auf eine Infektion, dass lebenswichtige Organe geschädigt werden. Sepsis ist immer ein medizinischer Notfall. «Damals wusste niemand, ob ich überleben würde.»
Zwischen Realität und Traum
Neun Wochen lang leidet Anton Löffel an einem schweren Delir, einer akuten Störung der Gehirnfunktion. Davon bleiben ihm nur einzelne Bilder: Stimmen, Hände des Pflegepersonals, Haarewaschen. Er nimmt wahr, wenn seine Frau ihn besucht. Ist sie nicht da, fühlt er sich einsam. «Diese Einsamkeit war für mich belastender als jede medizinische Behandlung.»
Lange ist unklar, ob er wieder sprechen kann. Doch als das Delir abklingt, beginnt er entgegen allen Befürchtungen sofort zu erzählen, was er erlebt hat.
Der lange Weg zurück
Vor seiner Erkrankung hat Anton Löffel noch nie von Sepsis gehört. Erst in der siebenwöchigen Rehabilitation wird ihm bewusst, was er überlebt hat.
Auf der Intensivstation verliert er viel Muskelkraft und muss wieder gehen lernen. Psychologische Unterstützung nimmt er kaum in Anspruch. Heute bedauert er das. «Mein Fokus lag darauf, möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen.»
Nicht alle Folgen sind sofort sichtbar. Erst später bemerkt er, dass ihm das Konzentrieren schwerfällt. Hinzu kommen starke Schmerzen in Armen und Händen; seine Fingerspitzen bleiben bis heute taub. Seine Lungenleistung ist eingeschränkt, die Verdauung beeinträchtigt. Essen und Schlucken tun weh. Die Folgen bestimmen seinen Alltag bis heute und machen es ihm unmöglich, wieder zu arbeiten.
Rückblickend sagt er: «Die Nachsorge nach einer Sepsis ist mindestens genauso wichtig – wenn nicht das Wichtigste.» Besonders belastet ihn, dass viele Spätfolgen unsichtbar sind. Trotzdem blickt Anton Löffel nach vorne: Er trainiert eine Eishockeymannschaft, kocht, hilft seiner Frau im Haushalt und übt Gitarre, um seine Feinmotorik zu verbessern.
Heute hält er Vorträge in Spitälern und Pflegefachschulen. Er möchte Sepsis ein Gesicht geben und offen über Angst, Hoffnung, Rückschläge und Fortschritte sprechen. «Wenn mehr Menschen daran denken, kann das Leben retten.»
Mehr Informationen finden Sie unter www.sepsis.ch/wsd
