FrontKulturSpannendes Wagnis in Baden

Spannendes Wagnis in Baden

Im Badener Museum Langmatt stehen die monumentalen Bilder der Einzelausstellung «Rhabarber» von Renée Levi frei in den historischen Räumen. Die Epochen begegnen sich und rütteln an unseren Sehgewohnheiten, wie schon um 1908, als die ersten noch nicht anerkannten Impressionisten in die Sammlung gelangten. Das wird im Obergeschoss durch eine zweite Ausstellung «Wenn Bilder sprechen könnten…» ergänzt.

Das Museum Langmatt gäbe es heute nicht, wenn Sidney und Jenny Brown nicht so mutig gewesen wären, impressionistische Bilder zu sammeln in einer Zeit, als diese noch auf Unverständnis stiessen. In diesem pionierhaften Geist – die Weiterentwicklung der Kunst aufzuzeigen und Neues zu wagen – präsentiert das Museum Langmatt Werke von Renée Levi. Seit 2008 ist es Levis erste Einzelausstellung in der Schweiz, für welche sie fast alle Bilder neu gemalt hat.

Ausstellungsansicht Renée Levi – Rhabarber, Galerie Museum Langmatt.

Levis Gemälde-Installation folgt einer bewussten Dramaturgie. Zwei kleine impressionistische Werke in hellblauen Farbtönen führen den Besucher zum Esszimmer, wo einen schon vom Eingang her sichtbar ein riesiges Gemälde mit blaugrünen Farbwirbeln erwartet. Die ganze Fensterfront ist verdeckt und man blinzelt erst einmal und fragt sich, was das soll. Je länger man die Stimmung im Raum auf sich wirken lässt, umso angeregter fühlt man sich. Man entdeckt, dass der historische Leuchter aus geschliffenen Bergkristallen die Färbung aufnimmt und glänzend ausstrahlt. Und man entdeckt in den Vitrinen die korrespondierenden Rundungen der Silbertöpfe und Porzellanobjekte, auch der Teekrug auf Pissarros spätem kleinen Stillleben scheint zu vibrieren.

In der Bibliothek geht die Inszenierung weiter. Ein riesengrosses bis zur Decke reichendes Gemälde, schräg in den Raum gestellt, führt den Blick in die Galerie zu weiteren freistehenden Bildern mit denselben Massen. Die Bilder kommen durch keine Türe herein. Die bemalten Leinwände mussten in den Museumsräumen auf die Blindrahmen aufgespannt werden. Und auf die Frage an die Künstlerin, warum „Rhabarber“ als Ausstellungstitel – weil das Wort eben so rund und schön klingt.

Ausstellungsansicht Renée Levi – Rhabarber, Galerie, Museum Langmatt.

So überwältigend die Bilder wirken, so durchlässig, fast transparent erscheinen sie bei genauerer Betrachtung. Die Leinwand ist wie eine fragile Membran, auf der sich die leuchtenden Farbflächen berühren und zu bewegen scheinen. Die Farbflächen folgen keinem präzisen geometrischen System, sondern sind intuitiv mithilfe eines profanen Wischmopps aufgetragen, dessen Grösse die Breite der Farbflächen definiert.

Die Galerie scheint mitten im Ausstellungsaufbau zu stecken. Die Bilder stehen nicht nur frei am Boden, sondern wie zufällig auf den Holzkonsolen an die Wand gelehnt. Nur winzige Bilder hängen konventionell weit oben an den Wänden als kleine Akzente. Als Betrachter kommt man sich in dieser monumentalen Bilderwelt zwergenhaft klein vor. Die Bildformate, die Leuchtkraft der Farben, die Spiegelungen auf dem polierten Mahagonifussboden lässt einen staunen. Auf einem farblich gekonnt abgestimmten und präzis platzierten historischen Kanapee kann man sich hinsetzen und in die bunte Welt eintauchen. Eine Welt, die sich auch im Park fortsetzt, wo zwischen Bäumen noch ein Gemälde steht, das der Witterung ausgesetzt ist und sich bis zum Ausstellungsende durch die Natur „weitermalt“.

Ausstellungsansicht Renée Levi – Rhabarber, Park, Museum Langmatt.

Die Verbindung zum historischen Kontext der Sammlung Langmatt findet man im Obergeschoss, wo zwanzig Meisterwerke des Impressionismus ausgestellt sind sowie eine gut dokumentierte Schau, die zeigt, wie das Ehepaar Sidney und Jenny Brown ihre Sammlung begründet hat. Als sie 1908 ihre ersten Bilder von Cézanne, Gauguin und Renoir kauften, brauchte es Mut, solche Bilder zu erwerben, denn diese waren noch umstritten. Anfangs genierten sie sich, diese zu zeigen und hielten sie in den privaten Räumen. Erst nach einer gewissen Zeit wagten sie, ihre Impressionisten auch in den Gesellschaftsräumen aufzuhängen.

Pierre-Auguste Renoir, Bildnis Paul Meunier, Sohn von Murer, um 1877, Museum Langmatt, erworben 1909.

Die meisten impressionistischen Bilder hatten die Browns zwischen 1908 und 1919 gekauft. Dank des 2018 erschlossenen Archivs des Museums Langmatt kann die Ausstellung Wenn Bilder sprechen könnten… die Herkunft der Sammlung dokumentieren: Kaufverträge, Quittungen, Korrespondenz mit Galeristen in Paris, Preislisten, der Verkauf von Bildern, damit das Geld für ein anderes reicht, Leihgaben an Museen, auch das Verschwinden eines Daumiers 1938, den sie für eine Pariser Ausstellung ausliehen, Beiträge in zeitgenössischen Zeitungen. – Kurz gesagt, Provenienzforschung im besten Sinne! – Diese Dokumente sowie Postkarten und historische Fotografien vermitteln ein lebendiges Bild, wie die Browns in Paris zu ihren Bildern kamen. Für sie waren es keine Prestigeobjekte, sondern sie hatten Freude an den Bildern und kauften nur, was ihnen gefiel. Die kunsthistorische Bedeutung ahnte man damals kaum, geschweige denn die Preisentwicklung.

Die Sammlung von Sidney und Jenny Brown zeugt vom Mut und Pioniergeist einer Industriellenfamilie (Mitbegründer der BrownBoveri), die in der Frühzeit eine noch unverstandene moderne Kunstrichtung gefördert hat. Ein Auftrag, den die Stiftung Langmatt heute weiterführt mit regelmässigen Ausstellungen zeitgenössischer Malerei sowie der Förderung junger Künstlerinnen und Künstler, welche die Kunst weiterentwickeln.

Claude Monet, Eisschollen im Dämmerlicht, 1893, Museum Langmatt, erworben 1910.

Beide Ausstellungen bis 8. Dezember 2019

Fotos: ©Museum Langmatt, Baden

Eine Publikation zu Renée Levi erscheint Ende September: Karine Tissot (Hrsg.), Renée Levi, Société des Arts de Genève, Genf/Berlin 2019 (dt./engl./frz., Hardcover, 128 Seiten, CHF 38.00 /25.00).

 

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