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Vom Band zum Byte

Auch Medienkunst braucht Pflege! Eine bröckelnde Farbschicht oder vergilbtes Papier können durch konservatorische Massnahmen gesichert werden. Wie aber gehen Kunstmuseen mit ihren Sammlungen von Medienkunst um? Mit der Ausstellung «Vom Band zum Byte» zeigt das Luzerner Kunstmuseum bis 24. November 2019 den Weg der Digitalisierung von Videosammlungen.

Das Kunstmuseum besitzt zahlreiche Videoarbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren – damals ein vollkommen neues Medium. Die rasante technische Entwicklung seither hat Filmformate und Abspielgeräte komplett veralten lassen. Mediale Kunst in den Filmformaten 16 mm, 32 mm und Super8, Schallplatten, Musikkassetten, VHS- und Betacam – und U-matic-Videos waren nicht nur technisch, sondern oft auch inhaltlich experimentell und gelten bis heute in vielerlei Hinsicht als Avantgarde.

Die Werke der Künstler werden unter anderem auf Monitoren gezeigt

Dank des mehrjährigen Digitalisierungsprojekts konnte jetzt die Videokunstsammlung für künftige Generationen gesichert werden. Die Ausstellung vermittelt einen Einblick in zeitgemässe Präsentationsformen, wenn das Rattern von Filmprojektoren und das Flimmern von Röhrenmonitoren wegfällt, und fragt nach der Digitalisierung nicht nur von Kunst, sondern auch unseres Alltags.

 Oft mussten alte Abspielgeräte benutzt werden

Die Ausstellung vermittelt  Rückblicke auf bestehende Werke der Künstler Vito Acconci, René Bauermeister, Silvie und Chérif Defraoui, Terry Fox, Jochen Gerz, Jean Otth, Peter Roehr, Roman Signer, Alex Silber, Hannes Vogel, Rolf Winnewisser u.a.

Sie gibt indirekt auch Hinweise, wie man die eigenen Filme in die neue Zeit retten kann. Es wird schon vermutet, dass in vielen Schubladen und Kartonschachteln unzählige Frühwerke schlummern. Wer noch ein Abspielgerät hat, kann sich glücklich schätzen. Wer den Anschluss in die digitale Welt verpasst hat, muss seine Filme von Spezialisten für teures Geld umkopieren lassen.

Eine Lösung kann ich beispielswese mit dem HD-Film-Scanner Sumikon für Super 8-Filme empfehlen. Dabei werden alle Bilder eines Films fotografisch erfasst und auf einer USB-Karte gespeichert. Die verschiedenen Geschwindigkeiten des Videos kann man am besten mit dem Programm Final Cut Pro bearbeiten und synchronisieren.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke können nicht unterschiedlicher sein. So erteilt Vito Acconci in einem hypnotisierenden Redefluss Anweisungen an seine Partnerin Kathy Dillon, die auf dem Bildschirm gegenüber zu sehen ist. Die Position der Monitore erweckt den Eindruck, dass sie direkt miteinander kommunizieren.

René Baumeisters Werk ist geprägt von der Neugier für neue Techniken und Geräte. Oft untersucht er mit einem Augenzwinkern die Eigenschaften der Apparate. Mit Support-surface thematisiert er das Fernsehgerät als Minitheater, in dem die Figuren des Films agieren.

Silvie und Chérif Defraouizeigens: zwei Filme zeigen den Vollmond, während der regelmässige Blitz an einen Leuchtturm erinnert. Seiten aus Kolumbus Tagebuch sind zu Schiffchen gefaltet, die in Flaschen schweben.

Terry Fox dokumentiert eine Serie von Experimenten mit alltäglichen Haushaltsgegenständen: eine Schale, Besteck, Zündhölzer, Kerzen und eine Zwiebel. Mit präzisen, reduzierten Bewegungen inszeniert er momentane Skulpturen und Balanceakte.

Jochen Gerz Dragon’s Dreams sind Dokumentationen von Performances, die er vor Publikum aufführte. Am Schluss ist Applaus zu hören, teilweise treten Fotografen ins Bild. Die Performances finden in einem bühnenartigen Setting statt.

Die Seiten aus Kolumbus Tagebuch sind zu Schiffchen gefaltet, die in Flaschen schweben

Jean Otth ist fasziniert von neuen Technologien zur Bildproduktion. Auf der U-matic-Kassette sind zwei Filme. Der erste zeigt ein eine experimentelle Studiosituation, der zweite dokumentiert eine Performance des Künstlers 1979 in den Räumen des Kunsthauses Luzern.

Peter Roehrs Prinzip ist die Montage, egal ob er Skulpturen, Bilder oder Filme schafft. Er verwendet ausschliesslich gefundenes Material, seien das industrielle Objekte, Bilder oder Filmausschnitte. Wie Andy Warhol kommt er aus der Werbegrafik.

Roman Signer ist bekannt für seine explosiven Aktionen. Oft finden diese jedoch ohne Publikum statt. Ihre Bekanntheit verdanken sie den Super-8-Filmen, die davon gedreht und per VHS-Kassetten und später per DVD verbreitet werden.

René Bauermeister, Hommage à Duchamp, 1976, U-matic, Ton, Kunstmuseum Luzern

Alex Silber spielt auch wie Vito Acconci in seinem Video das Lied der Heimat mit Körper und Körperlichkeit. Die verschiedenen Szenen werden musikalisch strukturiert: Led Zeppelin, langsame, beruhigende Musik von Brian Eno und ein Kinderchor mit dem Volkslied «Morge früeh wenn d’Sunne lacht».

Hannes Vogels Videoaufzeichnungen zur Präsenz fragt, was ist Sein, was Schein? Die eingesetzten Mittel sind einfach. Sie bestehen aus einer getönten Glasplatte, der Person des Künstlers, einer Taschenlampe und einer Eigenschaft der Röhrenkamera.

Rolf Winnewisser: Statt zu Tagebuch und Stift greift er zur Super-8- oder 16mm-Filmkamera. Er dokumentiert die Entstehung von Werken, von Malereien und insbesondere Trickfilmen. Zwischendrin wird das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt genommen.

Fotos: Josef Ritler

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