Konservative und Christdemokraten hatten sich als Erneuerer erwiesen, stellt Roger de Weck fest. Sie beförderten die europäische Einigung und die Soziale Marktwirtschaft. Aber ist der Konservatismus in der Lage, sich selbst zu erneuern? Damit befasst sich der Publizist in seinem neuen Buch Glanz und Elend der Konservativen.
Immer mehr Menschen suchten Halt, wenn es in der Welt drunter und drüber geht, so de Weck. Und Kontinuität gehöre zu den Kompetenzen besonnener Konservativer. Christdemokratische und andere kümmerten sich um Balance und sozialen Ausgleich. Inzwischen häuften sich jedoch Anleihen bei Rechtsautoritären. Und niemand könne «die Demokratie wirksamer verteidigen – und massiver schwächen – als Konservative».
Reaktionäre bedrohen laut de Weck epochale Leistungen: Europa, die Westbindung und die Soziale Marktwirtschaft. Doch diese Errungenschaften liessen sich durch kein Lamento über extreme Angriffe schützen. Eigene inspirierende und motivierende Leitideen seien nötig. Zudem Menschen, die an andere Menschen denken, ohne neuen Oligarchien zu huldigen. Europa müsse Nationalismen entsagen, regionale Souveränität fördern und Bande mit südlichen Kontinenten pflegen.
Massvollen Konservativen empfiehlt de Weck, «unbeirrt in der rechten Mitte» zu bleiben. Und, frage ich nach, eine offenere Bündnispolitik mit der linken Mitte, sozialdemokratischen und grünen Kräften zu betreiben? «Liberalkonservative und Linke sind stärker aufeinander angewiesen, als sie denken», antwortet de Weck. Ohne demokratisch gesinnte Konservative seien Sozialdemokraten und Grüne ohnmächtig. Und umgekehrt. «Konservative begeben sich vollends in die Abhängigkeit des Rechtspopulismus, wenn sie sich der Zusammenarbeit mit der Linken verweigern».
Der Konservatismus ist für de Weck in manchen Ländern ein Stabilitätsfaktor: von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert. Explizit erwähnt der ehemalige Chefredaktor der Hamburger Zeit die deutsche Christdemokratie. Trotz jüngsten Wahlergebnissen? frage ich weiter nach. Dazu de Weck: «Die deutsche Christdemokratie ist in Bedrängnis, aber sie bleibt die stärkste Kraft Mitte-rechts in Europa». Seit dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer habe sie historische Leistungen vollbracht: «Sie band die Bundesrepublik an den Westen, sie trug wesentlich zur europäischen Einigung bei, sie führte in Deutschland die soziale Marktwirtschaft ein». Und heute sei die Bundesrepublik «der wirksamste Unterstützer der Ukraine in ihrem Freiheitskampf». All das stehe jedoch auf dem Spiel.
Auch de Wecks Zuversicht? Der Mensch neige dazu, antwortet der Publizist, gegenwärtige Entwicklungen zu extrapolieren. «Als die liberale Demokratie auf einem Höhepunkt war, verkündete der berühmte Politologe Francis Fukuyama Das Ende der Geschichte, als habe sich Demokratie definitiv etabliert. Er lag falsch.» Und ebenso falsch lägen jene, die meinten, der Aufmarsch der Rechtsautoritären verewige sich.
Soweit ein paar Spots, arg verkürzt. Ich empfehle, de Wecks einfallsreiche Denkanstösse eingehend zu studieren. Der Autor erörtert brisante Fakten, Widersprüche und Fortschrittsparadoxe. Zum Beispiel konservative Erneuerungen, die, zwiespältig motiviert, gleichwohl reüssieren. Oder zynische Leistungen von real Friedenstiftenden. Und er veranschaulicht eindrücklich, was machtbewusste Konservative von machtbesessenen Reaktionären unterscheidet, die Stärke des Rechts vom Recht der Stärkeren oder eine geschlossene Gesellschaft von einer, die sich «behutsam öffnet».
In der Polykrise ist für de Weck «das Lindern von Problemen bereits ein Fortschritt». Als «Kernaufgabe für alle» nennt er «das Bewahren des Planeten». Ob’s gelingt, hängt aus meiner (Insider-)Sicht auch erheblich davon ab, wie redlich und kreativ progressive Linke weiter politisieren und sich erneuern.
Titelbild@Christian Jaeggi
Informationen zu Roger de Weck
Buch und Debatte:
Roger de Weck: Glanz und Elend der Konservativen, Suhrkamp, Berlin 2026, 184 S., ISBN 978-3-518-04747-7.
Ueli Mäder hat Roger de Weck zu einer Debatte am 28. Oktober in Rheinfelden eingeladen. Hier können Sie sich anmelden.
