Bilder von Maria Lassnig treffen erstmals auf Werke von Edvard Munch: eine Doppelschau im Kunsthaus Zürich, die überraschende Parallelen sichtbar macht.
Rund 150 Werke der österreichischen Malerin Maria Lassnig (1919-2014) und des Norwegers Edvard Munch (1863–1944) werden im Moser-Bau des Zürcher Kunsthauses in einer umfangreichen Ausstellung mit dem Untertitel Malfluss = Lebensfluss einander gegenübergestellt.
Ausstellungsansicht. Fotos: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich. © Maria Lassnig Stiftung / 2026, ProLitteris, Zurich
Sie zeigen überraschende Übereinstimmungen der beiden Malgenies, deren Schaffensperioden um etliche Jahrzehnte auseinander liegen. Gemeinsamer Nenner ihrer Kunst ist die Malerei als existenzielle Erfahrung und Mittel der Selbstreflexion. Im Leben hatten beide eine komplizierte Beziehung zum anderen Geschlecht, und beide mussten lange darauf warten, bis ihre Kunst öffentliche Anerkennung erfuhr.
Maria Lassnig: Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt), 2000. © Maria Lassnig Stiftung
Was verbindet ihre Werke? Beide setzen sich mit den grossen Fragen des Lebens auseinander: mit der Frage nach dem Ich, dem Umgang mit Emotionen, der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der umgebenden Welt, mit dem Lebenszyklus und dem Erleben von Krankheit und Tod. Es gibt deutliche Gemeinsamkeiten bei der Themenwahl und der ausdrucksstarken Bildsprache, Übereinstimmungen beim Umgang mit Farbe und Farbpalette – auffallend gleich zu Anfang des Rundgangs in der Ausstellung bei den Selbst- und Doppelporträts.
Maria Lassnig: Malfluss = Lebensfluss. 1996. © Maria Lassnig Stiftung.
Worin unterscheiden sich ihre Bilder? Lassnig malt körperbetont und mit grossem Schwung. Sie zeigt vor allem das ihr Wesentliche. Ihre Bilder sind grosszügig, gleichzeitig zwiespältig, und sie springen den Betrachter geradezu an. Die Künstlerin muss schnell, in einem Fluss gemalt haben – entsprechend ihrem Motto Malfluss ist Lebensfluss. Munchs Bilder wirken auf die Betrachterin überlegter, beherrschter, differenzierter.
Maria Lassnig: Geballte Gewalt, 1988. © Kunsthaus Zürich
Exemplarisch vermittelt ein einziges Sujet auf Lassnigs grossem Bild Geballte Gewalt die volle Wucht, die von ihren Bildern ausgeht. Es zeigt – formatfüllend und in abfallender Linie – einen einzigen Gegenstand: ein rundlich-ovales Gebilde, das entfernt an eine übergrosse Handgranate, oder besser an eine kleine Bombe denken lässt. Seine rötlich-blaue Farbe ist verführerisch schön und bedrohlich zugleich.
Maria Lassnig: Mit einem Tiger schlafen, 1975. © Albertina Wien, Fotografisches Atelier Neumann
Vordergründiger das Bild Mit einem Tiger schlafen, auf dem sich ein Tiger Beischlaf-ähnlich auf die Malerin geworfen hat. Ein ähnliches Sujet ist auch bei Munch zu finden – als kleine Kreidelitographie mit dem Titel Der Tiger (im Katalog auf Seite 113). Hat Lassnig dieses Litho von Munch gekannt? Möglich wäre es, denn sie hatte sich während ihrer Studienzeit intensiv mit Munch beschäftigt und bezeichnete ihn stets als ihren «Liebling».
Edvard Munch: Vampir im Wald, 1916-1918. Munchmuseet Oslo.
«Lassnig und Munch sind sich im Leben zwar nie begegnet. Aber Künstler stehen permanent miteinander in Verbindung», erklärte Museumsdirektorin Ann Demeester anlässlich der Eröffnung der Ausstellung. «Sie stehen im Dialog durch Einfluss und Inspiration, durch Konfrontation und Diskussion.» Die Geschichte der Kunst sei ein kontinuierlicher Strom, der jedoch – im Gegensatz zu einem Fluss – in beide Richtungen fliesst. In die Vergangenheit und in die Zukunft.
Maria Lassnig: Traditionskette 1983. © Privatsammlung Oesterreich. Foto: Ulrich Ghezzi
Wie sehr künstlerisches Schaffen über die Generationen hinweg miteinander verwoben ist, zeigt auch ein Lassnig-Bild gleich beim Betreten des Ausstellungsraums. Dort hängt das Bild Traditionskette: Die Künstlerin malt sich hier selbst vor den Büsten ihrer grössten Vorbilder: Diego Velazquez, Edvard Munch und Vincent van Gogh.
Von diesem Auftaktbild aus gelangt man in die übersichtlich gestaltete Ausstellung, die in einzelne Themenkapitel gegliedert ist: Selbstporträts, Doppelporträts, Geschlechterverhältnisse, Das Tier als Spiegel, Berühren und Berührt-werden, Frauenbilder, Inneres Sehen, Die Stimme der Natur, Lebenslinien, Gefühle zeigen, Trauerarbeit, Der Kreislauf des Lebens.
Edvard Munch: Tod und Frühling. Munchmuseet Oslo. Foto: Christine Kaiser
Das Kunsthaus Zürich übrigens steht in einer langen historischen Beziehung zu Munch wie zu Lassnig. Schon im Jahr 1922 widmete es – damals unter Leitung von Wilhelm Wartmann – Edvard Munch mit 70 Gemälden und 430 Arbeiten auf Papier eine umfassende Werkschau. Der Künstler hatte dieses Ereignis als seine umfassendste und beste Einzelausstellung und eines seiner schönsten künstlerischen Erlebnisse bezeichnet. Weitere Ausstellungen und Ankäufe folgten. Inzwischen besitzt das Kunsthaus nach Norwegen die grösste Gemäldesammlung von Edvard Munch.
Ausstellungsansicht. Foto: Franca Candrian, © Kunsthaus Zürich
Maria Lassnig nahm 2002 im Kunsthaus Zürich den renommierten Roswitha-Haftmann-Preis für zeitgenössische bildende Kunst entgegen. Ein Jahr später zeigte sie ihre Werke dort in einer Einzelausstellung. Im Jahr 2004 bereits erwarb das Kunsthaus das oben beschriebene Gemälde Geballte Gewalt.
Edvard Munch: Selbstbildnis mit Spanischer Grippe, 1919. The National Museum, Oslo, Foto: Nasjonalmuseet/Børre Høstland
Die Idee einer Gegenüberstellung dieser beiden so unterschiedlichen und doch verwandten Malgenies, die sich nie im Leben persönlich begegnet sind, geht auf den Berliner Kunstwissenschaftler Hans Dieter Huber zurück. Entstanden ist die Ausstellung in Zusammenarbeit des Kunsthauses Zürich mit der Hamburger Kunsthalle.
Titelbild: Edvard Munch: Zwei Menschen. Die Einsamen, um 1935. Munchmuseet, Oslo, Foto: Munchmuseet, Oslo
Alle Werke von Maria Lassnig: © Maria Lassnig Stiftung / 2026, ProLitteris, Zurich
Bis 21. Februar 2027
Hier gibt es Informationen für Ihren Besuch.
Der reich bebilderte Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Sandra Gianfreda, Johanna Hornauer, Hans Dieter Huber, Brigitte Kölle und Johanna Ortner und einem Interview mit Siri Hustvedt beleuchtet die Parallelen im Werk von Maria Lassnig und Edvard Munch.

Franz Bastian macht auf inforsperber geltend, dass die Ausstellung problematische Bezüge zur Nazi-Zeit verschweige, und dies in gleich zweierlei Hinsicht:
https://www.infosperber.ch/gesellschaft/kultur/blinder-fleck-im-kunsthaus-zuerich/