StartseiteMagazinLebensartDie Geburt Jesu in Bibel und Koran

Die Geburt Jesu in Bibel und Koran

Röm.kath.St. Anton Kirche in Basel

Bibel und Koran erzählen die Geschichte von der Geburt Jesu. Das Weihnachtsfest ist demnach nicht dem Christentum vorbehalten. Muslime kommen hierzulande ohnehin nicht dran vorbei, aber wie sie das Fest erleben, hat mich angeregt, sie danach zu fragen.

Weihnachten ist kein exklusiv christliches Ereignis – das wurde mir rasch klar. Es gibt die Geburtsgeschichte, die wir aus dem Neuen Testament kennen, auch im Koran. So fragte ich meine muslimischen Freunde und Bekannten, was sie aus diesem unserem Fest machen, um das sie nicht herumkommen. Jene, die schon länger hier leben, Flüchtlinge und Niedergelassene, Gläubige und Ungläubige. Ihre Aussagen habe ich hier aufgeschrieben, ihre Namen sind geändert:

  • Ayşegül und Nilüfer, beide aus der Türkei, leben seit einer Generation in der Schweiz.
  • Hasan und Xara dagegen sind erst seit kurzem aus Syrien zu uns geflüchtet und noch dabei, sich einzuleben.
  • Arian aus dem Kosovo ist schon vor einiger Zeit Schweizer Staatsbürger geworden.

Erfahren wollte ich, was sie über Weihnachten wissen, ob und welche Rolle das Fest in ihrem Herkunftsland spielt, oder was sie von unserem Weihnachtsfest halten. Sie weisen alle darauf hin, dass sie die Geburtsgeschichte aus dem Koran kennen, und ergänzen, dass sie religiöse Traditionen achten. Ausserdem mögen sie das Fest und das Schenken mit den kleinen Überraschungen und den strahlenden Kinderaugen.

Mich beschäftigen die Unterschiede der frohen Botschaft. Īsā ist ein von Gott gesandter Prophet, der zu uns Menschen spricht (ähnlich wie im Judentum), er gilt aber nicht wie Jesus als Gottes Sohn. So wurde mir erklärt. Maria geniesse ein besonderes Ansehen. Der Vorname Maryam, auch Meryem, ist verbreitet. Das Haus der Maria ist ein Wallfahrtsort nahe beim antiken Ephesos in der Türkei. Muslime und Christen heften dort ihre Anliegen, auf Zettel geschrieben, an die Mauer vor dem Heiligtum.

Meryemana (Marien-Haus) ist das angebliche Sterbehaus der hl. Maria. Foto: Andreas Husemann. wikimedia commons

„Weihnachten war ein wichtiges Fest. In unserem Dorf in Syrien waren viele Christen», sagen Hasan und Xara, „Die Männer, ob Muslime oder Jesiden, machten Höflichkeitsbesuche. Und während des Ramadans und beim Zuckerfest war es umgekehrt. Man respektierte einander. Man mischte sich nicht ein. Die andere Religion wurde geachtet. Man hat auch nicht gross über religiöse Themen diskutiert. Das wäre respektlos gewesen. Nun ist alles anders. Der Krieg brachte soviel Leid und zu viel von dieser toleranten Kultur ist nun zerstört.“

Zur kulturellen Integration gehört auch das Wissen um religiöse Feiertage in der neuen Umgebung. Ayşegül, als junge Frau auf Arbeitssuche aus der Türkei eingewandert, erinnert sich: «Ich hörte zum ersten Mal in der Fabrik von Portugiesinnen und Spanierinnen, dass der Betrieb nun eine Woche Ferien mache, weil die Christen ein Fest feierten. Bei uns in der Türkei wurde auch ein Fest gefeiert, aber eine Woche später: Yılbaşı geçesi, der Silvester.« Die Familien kamen zusammen und es gab auch Geschenke für Kinder. In der Türkei ist die Tradition, Alte oder Bedürftige zu beschenken oder einzuladen mit dem grössten islamischen Fest, Kurban Bayramı, dem Opferfest, verbunden.

Und Nilüfer, ebenfalls Türkin und seit vielen Jahren in der Schweiz, ergänzt, dass seit rund zehn Jahren vor allem in grossen türkischen Städten ebenfalls Lichterbäume die Einkaufsstrassen schmücken. Viele Türken mögen diesen Schmuck, kennen aber die Tradition des Dekors nicht. Verbreitet hat sich auch, dass man wie bei uns eine Woche Ferien nimmt. Auch Noël-Baba, der türkische Samichlaus, hat seinen Auftritt – mit einer realen Anbindung. Der Heilige Nikolaus war Bischof von Myra, dem heutigen Demre, wo er auch überlebensgross als bunte Statue zu bewundern ist.

Natività, Kirche Stroppo, Valle Maira/Piemont. Foto: © André Brugger

Weiter frage ich nach, wie denn muslimische Familien hierzulande das Weihnachtsfest mitfeiern. Sehr unterschiedlich, stelle ich fest, entscheidend seien die Kinder: Sie erleben im Kindergarten und in der Schule weihnachtliche Bräuche und bringen so die Bedeutung des Festes in die Familie. Alle Befragten finden die beiden auch in der säkularen Gesellschaft tradierten Elemente, die Geschenke und das Familienfest, schön. Und sie betonen, wie wichtig der Respekt vor der Tradition der anderen Religion sei. Es gehe nicht um richtig oder falsch, sondern um die Botschaft in Koran und Bibel.

Also will ich mich kundig machen: Was sagen Bibel und Koran über die Geburt von Jesus? Die christliche Geschichte ist uns vertraut. Die hochschwangere Maria und ihr Mann Josef finden keinen Platz in der Herberge. Deshalb bringt sie ihr Kind in einem Stall zur Welt. Die Hirten auf dem Felde werden vom himmlischen Chor der Engel zur jungen Familie gewiesen. Sie werden Zeugen eines religiösen und weltgeschichtlichen Ereignisses (Lukas 2, 1-20).

Maria mit Jesuskind, Ikone in der St. Anton Kirche, Basel. Foto: EinDao. wikimedia commons

Nach dem Koran ist Maryam mit ihrer Verzweiflung und ihren Geburtsschmerzen allein, als sie ihren Sohn Īsā zur Welt bringt (Sure 19, 23-34). Sie hat sich an einen fernen Ort zurückgezogen. Im Koran spielt Bethlehem als „Stadt Davids“ keine Rolle, auch wird Joseph, der Verlobte Marias, im Koran nicht erwähnt. Er ist bei ihrer Niederkunft nicht bei ihr. Er wird auch nicht durch einen Engel über das Geheimnis der Geburt von Īsā unterrichtet und kann daher Maryam nicht vor den Beschuldigungen ihrer Umgebung beschützen. Aber es ist die Fürsorge Allahs, die sie schützt: „Sorge dich nicht! Dein Herr lässt unter dir Wasser fließen. Und schüttle nur den Stamm der Palme, dann werden frische, reife Datteln auf dich herunterfallen. So iss und trink und sei guten Mutes“.

Mit dem Neugeborenen im Arm kehrt sie zu den Ihrigen zurück. Nach dem Koran muss Maryam sich dem Verdacht seitens ihrer Sippe, sie sei eine Dirne, allein aussetzen. Aber Allah wirkt ein zweites Wunder. Maryam verweist auf ihr Kind: „Sie sagten: ‹Wie sollen wir mit ihm, einem kleinen Kind in der Wiege, reden?›. Er (Īsā) sprach: ‹Seht, ich bin Allahs Diener. Er hat mir das Buch gegeben und mich zum Propheten gemacht. Und Er machte mich gesegnet, wo immer ich bin, und befahl mir Gebet und Almosen, solange ich lebe, und Liebe zu meiner Mutter.’“

Die Kernbotschaft der Geschichte ist also zum einen das Wunder der Jungfrauengeburt – da unterscheiden sich Koran und Bibel nicht. Zum anderen wird im Koran die Vaterlosigkeit Jesu klar. Weder hat Jesus einen irdischen, noch einen göttlichen Vater: Gott zeugt nicht und wird nicht gezeugt. In beiden Schriften hat Gott Maria/Maryam auserwählt. Jesus/Īsā ist somit ein göttliches Wunder. Kein Mensch vermöchte es zu vollbringen. Es ist allein Gott vorbehalten. Allah spricht: „Das ist mir ein leichtes! Und wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen.“

Ein Zeichen ist er für Muslime und für Christen. Eine Begegnung ist für Angehörige verschiedener Religionen nicht immer leicht. Über die gemeinsamen Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Einsatz für den Frieden kann es gelingen. Die Botschaft von Weihnachten gilt allen Menschen.

Empfehlenswerte Lektüre: Annemarie Schimmel : Jesus und Maria in der islamischen Mystik, 1996 Kösel (antiquarisch oder als Print on Demand).
(Die Autorin Annemarie Schimmel (1922-2003) war Islamwissenschaftlerin)

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2 Kommentare

  1. Ein sehr informativer Beitrag, in welchem wir auch die muslimische Seite der Weihnachtsgeschichte kennenlernen; auch die spirituelle Seite des Islam, die heute gerne vergessen geht.

  2. Diesen Text finde ich auch sehr schön. Wir schauen über unseren kulturellen Tellerrand hinaus! Wie die Rolle der Maria, der Mutter Jesu, im Koran beschrieben wird, hatte ich nicht gewusst. Stoff zum Nachdenken!

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