FrontKulturVaters erklärter Liebling

Vaters erklärter Liebling

Wie hatte er sich danach gesehnt, dass seine Frau nach den fünf Söhnen endlich ein Mädchen gebären würde. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Martha Fontane kam am 21. März 1860 zur Welt, war sofort der Liebling ihres Vaters und blieb es bis zu seinem Lebensende.

Emilie Fontane hingegen, Theodor Fontanes Ehefrau, fürchtete sich vor der Geburt, hatte schlimme Erinnerungen und begründete Ängste. Zwei ihrer Buben waren kurz nach der Geburt gestorben, der dritte nach wenigen Monaten. Nur ihren ersten Sohn George hatte sie ohne Komplikationen zur Welt gebracht, Theodor, den bisher jüngsten, jedoch unter fürchterlichen Schmerzen. Nie war ihr Ehemann zugegen gewesen, so dass er nicht miterlebte, wie sehr sie unter dem Tod der kleinen Kinder und den schmerzhaften Geburten gelitten hatte.

Zunächst günstige Wende

Dank der Unterstützung von vielen Seiten verlief Marthas Geburt glücklicherweise relativ unproblematisch. Die Familie hatte, nach einem längeren Aufenthalt in London, eine Wohnung in Berlin bezogen – und war arm, denn Theodor Fontane war noch weit davon entfernt, von den Einkünften seiner Romane sowie der journalistischen Tätigkeit eine Familie gut ernähren zu können. Doch schon bald wendete sich das Blatt zum Guten: Noch in Marthas Geburtsjahr fand der gelernte Apotheker eine feste Anstellung als Redaktor der konservativen Berliner ‹Kreuzzeitung›, deren politische Ausrichtung seiner eigenen allerdings ganz und gar nicht entsprach.

Dies hätte dennoch den Beginn eines glücklichen, unbeschwerten Familienlebens zu fünft bedeuten können. Hätte können – denn wie die kürzlich erschienene Biografie ‹Vaters Tochter. Theodor Fontane und seine Tochter Mete› von Dagmar von Gersdorff (erneut) aufzeigt, wird die Familie immer wieder von Schicksalsschlägen gepeinigt. Körperliche und psychische Erkrankungen machen ihnen zu schaffen, erneute finanzielle Sorgen, da Theodor Fontane feste Anstellungen wieder kündigt, weil er als freier Schriftsteller leben will, Todesfälle in der näheren Bekanntschaft, Ungewissheit, was aus der Tochter Martha, Mete genannt, werden soll. Nur eine Heirat war für eine Frau zu ihrer Zeit vorgesehen, doch ein Mann, mit dem sie zusammenleben wollte, trat nicht in ihr Leben. Aus heutiger Sicht drängt sich die Vermutung auf, dass sie zu eng an ihren Vater gebunden war, an jenen Mann, der sie stets ’seinen Liebling nannte› und sie ihm wiederum zärtliche Briefe schrieb, wenn sie bei einer befreundeten Familie als Erzieherin und Lehrerin tätig war. Diese Briefe und mündlichen Schilderungen ihrer Erlebnisse dienten ihrem Vater häufig auch als aufschlussreiche Informationen, die er in seinen Romanen erzählerisch umsetzte.

Zwiespältiger Vater 

Aus den Briefen wird aber auch deutlich, wie zwiespältig Fontane gegenüber einer Ehe seiner Tochter war. Einerseits drängte er sie dazu, weil die patriarchalen Gesellschaftsverhältnisse nur diesen einen Lebensentwurf für eine Frau ihres Standes vorsahen, andererseits band er sie durch den intensiven Briefkontakt immer enger an sich. Erst im Alter von 39 Jahren heiratete Martha Fontane, und zwar einen Mann, der über zwanzig Jahre älter war als sie, also ungefähr der Generation ihres Vaters zugehörig.

Zeit ihres Lebens hatte sie mit heftigen, wie wir heute sagen würden, auch psychosomatischen Erkrankungen zu kämpfen. Sie war eine kluge, gebildete und selbstbewusste junge Frau gewesen, mit Ambitionen und Vorstellungen von Selbstständigkeit, die ihr aufgrund ihres Geschlechts jedoch verwehrt wurden. Ihre Krankheiten erinnern in erschreckender Weise an zahlreiche Fallbeispiele Sigmund Freuds und mithin an Frauen, die in enge gesellschaftliche Korsetts gezwängt waren und in der Folge vehemente psychische und körperliche Probleme entwickelten.

Bedauerlicherweise fährt von Gersdorffs Biografie sozusagen im Schnellzugstempo durch Mete und Theodor Fontanes Leben. Die Autorin hält sich fast ausschliesslich an die Familienbriefe, blendet den politischen und gesellschaftlichen Kontext aus und enthält sich zudem psychologischer und gesellschaftskritischer Interpretationen über das Vater-Tochter-Verhältnis und Metes immer wiederkehrende schwere Erkrankungen verbunden mit ihrer Alkoholabhängigkeit.

Für Leserinnen und Leser, die an einer umfassenden, fundierten und vorzüglich geschriebenen Biografie interessiert sind, sei daher eher eine bereits früher erschienene Biografie empfohlen, nämlich das Werk von Regina Dieterle, einer ausgewiesenen Fontanekennerin, die zu dieser Thematik u.a. auch ihre detaillierte, lesenswerte Dissertation geschrieben hat.

Dagmar von Gersdorff: Vaters Tochter. Theodor Fontane und seine Tochter Mete. Insel Verlag, Berlin 2019. 198 Seiten.

Regina Dieterle: Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane. Hanser Verlag, München, Wien 2006. 432 Seiten.

Titelbild: Theodor und Martha Fontane in der Sommerfrische in Arnsdorf im Riesengebirge, 1886

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