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Risikobereite Lebenskünstler

BERN - 05FEB20 - Theater an der Effingerstrasse, Spielzeit 2019/2020. Smith & Wesson - Rachels grosses Wagnis von Alessandro Baricco
Schweizer Erstauffuehrung Inszenierung: 
Markus Keller Besetzung:
Gilles Tschudi, Jerry Wesson 
Wolfgang Seidenberg, Tom Smith 
Larissa Keat, Rachel Kornelia Luedorff, Mrs. Higgins 
 Premiere Samstag 22. Februar 2020 Probefotos Bern, Montag 17. Februar 2020. © SEVERIN NOWACKI Fotograf BR Postfach CH-3001 Bern Switzerland +41 79 761 33 46 PC 30-455681-8 info@nowacki.ch www.nowacki.ch

Ein historisches Ereignis vor über hundert Jahren wird auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse in Bern zu einem zeitlosen Spiel zwischen Komik, Lebenstraum und Angst.

Alessandro Baricco, der Autor dieser vielfach spannenden Geschichte lebt im 63. Altersjahr. Das dem ursprünglichen Roman (2017 erschienen) und dem Bühnenstück zugrunde liegende historische Ereignis fand am 24. Oktober 1901 statt. Die Hauptperson, Anne Taylor, wurde an diesem 24. Oktober 63 Jahre alt und überlebte eingeschlossen in ihrem mit einer Matratze gepolsterten Fass den 51 Meter tiefen Sturz die Niagara-Fälle hinunter.

Baricco wäre nicht der fantasievolle Fabulierer, als den man ihn in seinem umfangreichen Werk erkennt, hätte er aus dieser Geschichte ein Heldenepos geschaffen. Das fängt eigentlich schon mit dem ironischen Spiel mit den Namen der Männer an, die zu Assistenten des zweifelhaften Unternehmens werden: Smith & Wesson! Doch es geht nicht um Pistolen, noch um andere Waffen. Dass ihre Vornamen Tom und Jerry lauten, ist ein weiterer Witz dieser variantenreichen Burleske, die zwischen Posse und Tragödie hin und her schwankt. Doch neben solch vordergründigem überzeugt noch mehr, sordiniert halb ausgesprochen und ganz angedeutet, eine Stimmung von grossem Ernst.

Doch schaffen wir vorerst einmal Klarheit über die Vorgänge auf der Bühne. Da sind einmal zwei Lebenskünstler, die sich auf verschiedene Weise mit ihren unerfüllten Träumen abfinden. Einer resigniert eher still, der andere kompensiert oft sehr laut.

In seiner so ärmlichen wie pittoresk ausgestatten Hütte am Fluss bei den Niagarafällen haust der Fischer. Diesen Namen trägt Wesson, weil er die Leichen derer aus dem Fluss fischt, die sich durch den Sturz über die Niagarafälle ihr Leben nehmen. Er kennt den Fluss, die Fälle, die Strömungen wie kein Zweiter. Eigentlich träumt er davon, einmal jemand aus dem Wasser zu ziehen, der noch lebt. Dass er diesen Traum wohl nie verwirklichen wird, treibt ihn in ein Einerlei der Resignation. Gilles Tschudi ist ganz der Mann, mit seinem mimischen Talent diese Figur einmalig wirkungsvoll und vielseitig zu charakterisieren. Das führt so weit, dass man ihn als Gekrümmten sieht, obschon er gar nicht wirklich gebückt da steht.

Unerwarteter Besuch erhält er von einem selbsternannten Meteorologen namens Smith, der nach dem statistischen Prinzip Wetterprognosen verfasst. Grundlage sind dabei die zahllosen Tabellen, die er aus den Befragungen von Leuten über ihre Wetterbeobachtungen während Jahrzehnten zusammenstellt. Als vermeintlich genialer Erfinder hat er bisher kaum Erfolge. Seine Eloquenz, seine pingelige sprachliche Akkuratesse, seine in jeder Situation steife Gespreiztheit verleihen dem Spiel auf der Bühne ein immer wieder belustigendes sarkastisches Kolorit. Wolfgang Seidenberg, den seine Körpergrösse im Vergleich zu seinem Gesprächs- und späteren Schicksalspartner Gilles Tschudi äusserlich noch zusätzlich unterstützt, mimt diese Arroganz, die nur schlecht mögliche Schwächen und Misserfolge kaschiert, mit grosser schauspielerischer Ausdruckskraft.

Die beiden beginnen sich gerade gegenseitig zu akzeptieren, zu verstehen, grossmütig zu erdulden, als es wieder an die Türe klopft. Wie mit einem frischen Windstoss tritt die 23-jährige Rachel ein. Sie ist voller Energie, mit welcher sie überspielt, was ihr alles angetan worden ist, was ihr alles nicht gelingen will und wovon sie heimlich träumt. Journalistin möchte sie sein, und womöglich durch eine einmalige Geschichte berühmt werden, was sie vielleicht zur Schriftstellerin adeln könnte. Bis jetzt war sie allerdings nicht viel mehr als Kaffeeträgerin der Redaktion. Auf ihre Proteste hin gibt der Chefredaktor ihr die Gelegenheit, mit einer Geschichte von den Niagarafällen als Reiseziel ihr Können unter Beweis zu stellen.

Sie will mehr. Man hat sie auf Wesson, den Kenner des Flusses und der Fälle aufmerksam gemacht, und auf Smith, der ein genialer Erfinder sein soll. Berühmt werden will sie, indem sie in einem Fass die Fälle hinunter stürzt und flussabwärts bei leichter Strömung von Wesson geborgen wird. Mit beinahe verbissener Begeisterung, mit überzeugenden Reden und umtriebigen Aktionen in der Öffentlichkeit schafft sie es, dass das Undenkbare Ereignis werden kann.

Wie dieses Vorhaben allen zu schaffen macht, und wie es schliesslich durchführbar wird, bildet den Hauptteil dieser Schweizer Erstaufführung, die von Markus Keller bearbeitet und inszeniert so lebendig und spannend das Publikum fesselt und erfreut. Der stimmungsvolle Spielraum trägt einmal mehr die Handschrift von Peter Aeschbacher; für die geschickt typisierenden Kostüme zeichnet Sarah Bachmann verantwortlich.

Von links: Wolfgang Seidenberg (Smith), Larissa Keat (Rachel), Gilles Tschudi (Wesson)

Verblüffend, was die beiden verspielten, leicht angeschlagenen, doch mit der Zeit begeisterten Lebenskünstler unternehmen, um den Traum der jungen Frau möglich zu machen! Trickreiche Konstruktionen – eine Vakuumpumpe, die nicht recht funktionieren will, die Matratze vom einzigen Bett der Hütte zur Polsterung des Fasses – schaffen ganz allmählich etwas Brauchbares.

Unmerklich erscheint jedoch etwas Neues: Angst. Nicht eingestandene Angst vorerst. Sie wird spürbar bei allen Beteiligten. Überraschend, wie dieses neue Gefühl zusammen mit der sowohl handfesten als auch eleganten Komik der zwei Lebenskünstler und mit dem im Hintergrund motivierend wirkenden Lebenstraum, von dem alle drei befallen sind, in Konflikt gerät. Je näher der grosse Tag kommt, umso stiller wird Rachel. Larissa Keat vermag diese Metamorphose von beinahe übermütiger Begeisterung zu nachdenklicher Stille eindrücklich zu zeigen. Wie auch die beiden Männer gesteht sie ihre Angst schliesslich ein.

Smith, Rachel, Wesson (auch Titelbild).

Nach Ablauf des spektakulären Ereignisses tritt die geheimnisvolle Mrs. Higgins (Kornelia Lüdorff) auf. Sie ist als Freundin hinter dem Wunschtraum der Rahel gestanden, hat manche Fäden gezogen und das ganze Projekt finanziert. In sachlichem Ton erzählt sie, wie dieses Unterfangen zwischen Risiko, Lebenstraum und Angst sein Ende gefunden hat.

Alle Bilder: © Severin Nowacki
Aufführungen bis 20. März 2020.

DAS THEATER an der Effingerstrasse

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