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Wien 1900 – hautnah

Das Musée Cantonale des Beaux Arts in Lausanne zeigt eine reichhaltige Schau mit erlesenen Werken von Künstlern der Wiener Secession um 1900.

Im Jahr 1897 entstand in Wien die Secession, eine Vereinigung von Künstlern und Designern, die sich für den Aufbruch der Kunst in die Moderne einsetzten. Die hauptsächlich auf die Darstellung der Haut gerichtete Ausstellung in Lausanne umfasst Arbeiten mit an die 100 Gemälden und Zeichnungen von bedeutenden Künstlern wie Klimt, Schiele, Kokoschka und ihrer Zeitgenossen mit weniger geläufigen Namen. Besonders illustrativ ist allerdings die Sammlung von ca. 50 Möbeln und 30 anderen kunsthandwerklichen Objekten. Sie dokumentiert mit vielseitigen Gebrauchs- oder Präsentationsgegenständen eine weitere bedeutende Seite des kreativen Wiener Jugendstils über das rein Bildnerische hinaus.

Josef Hoffmann (1870-1956) Ausführung: Jacob & Josef Kohn, Wien. Fauteuil mit neigbarer Rückenlehne, genannt «Sitzmaschine», hergestellt seit 1906. Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm.Photo: © Kunsthaus Zug.

Gleichzeitig zum Aufkommen der Wiener Moderne ist der menschliche Körper vermehrt das Forschungsobjekt in Natur, Medizin, Psychologie, Philosophie – und eben auch der Künste.

Die Ausstellung ist in sechs Sektionen unterteilt:

Weisse Haut (Kampf gegen den Akademismus, Rückkehr zur Wahrheit des nackten Körpers);
Farbige Haut (Spiel der Muskeln und Gelenke, Ausdruck von Emotionen);
Unter der Haut (Eintauchen in die Tiefen des Körpers, Sezierung);
Hülle (Auren und astrale Umhüllungen, Körper und Kosmos);
Der Raum als Haut (ein neuer plastischer Raum, eine zusammenhängende Projektionsfläche);
Sich wohl in seiner Haut fühlen (Reform des Lebensrahmens, um ihn an die Bedürfnisse des modernen Menschen anzupassen).

Salle d’esposition MCBA, Photo: © Etienne Malapert/Musée Cantonale des Beaux Arts

Auch wer ohne weitreichende kunsthistorische Kenntnisse durch die Ausstellungsräume streift wird sich von den Gemälden und Grafiken dazu anregen lassen, in den Eindrücken und Gedanken, die ihn (und sie) bewegen, zu streifen und zu sinnieren, um den Weg des sein Modell schauenden Malers von dessen Auge zum Pinsel, zur Farbe und zur kreativen Hand zu verstehen. Was geht im intuitiven und kognitiven Denken des Künstlers während seiner Arbeit vor? Weshalb sieht sein Werk gerade so und nicht anders aus? Vielleicht auch: Wie war das früher, in der Zeit der Ikonografie? Der Renaissance? Wie sahen die menschlichen Körper dort in den Bildern aus, und was unterscheidet sie von diesen Arbeiten von Klimt, Kokoschka, Gerstl und anderen?

Richard Gerstl (1883-1908): Selbstbildnis als Halbakt, 1902-1904. Huile sur toile, 159 × 109 cm, Wien, Leopold Museum. Photo : © Leopold Museum, Wien/ Manfred Thumberger.

Die zahlreichen Bilder, auch die welche keine Haut darstellen, sondern beispielsweise Landschaften, Lebensräume sozusagen, stehen in Beziehung zum Menschen – hier zum modernen Menschen von 1900 –, der sich in seiner Haut so wohl oder so eng fühlen mag, wie er das in seiner Welt erleben mag. Wie stark das auch auf die Gebrauchsgegenstände und kunsthandwerklichen Objekte zutreffen mag, ist manchmal schon schwieriger zu erfassen. In diesem Teil der Ausstellung ist die Neugier viel stärker angesprochen, das Wundern über die sinnreichen, mehr oder weniger praktischen Erfindungen, die aus einer Welt- und Lebensanschauung entstanden sind, welche sich dem Verlassen des Gewohnten und dem Streben nach Neuem verschrieben hat.

Keine Frage, es ist eine gehaltvolle und variantenreiche Schau, welche Catherine Lepdor, die Chefkonservatorin und Verantwortliche für den wissenschaftlichen Bereich, zusammen mit Camille Lévêque-Claudet, Konservator Alte und moderne Kunst, beide MCBA Lausanne, konzipiert haben. Sie verleiht als zweite temporäre Ausstellung, verbunden mit einigen bemerkenswerten Parallelveranstaltungen, dem neuen MCBA zu verdienter Attraktivität.

Gustav Klimt (1862-1918): Gartenlandschaft mit Bergkuppe (Pfarrgarten), 1916. Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm- Photo : © Kunsthaus Zug, Alfred Frommenwiler.

Eine Fundgrube an Informationen und Interpretationen ist der in Französisch publizierte Ausstellungskatalog:

À fleur de peau. Vienne 1900, de Klimt à Schiele et Kokoschka.
Mit Texten der Kuratoren Catherine Lepdor und Camille Lévêque-Claudet sowie von Marian Bisanz-Prakken, Claude Cernuschi, Matthias Haldemann, Astrid Kury und Christian Witt-Dörring.
240 S., 247 Abb. Paris, Editions Hazan, 2020.

Mit Unterstützung der Amis du Musée und des Österreichischen Kulturforums, Bern.

Koloman Moser (1868-1918): Drei Frauen, ca. 1914. Huile sur toile, 99 × 150 cm.
Wien, mumok – Museum moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien, erworben 1967.
Photo : © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.

Die Ausstellung dauert bis 24. Mai 2020

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