FrontDigitalAustausch zwischen Menschen und Dingen

Austausch zwischen Menschen und Dingen

Das Büchlein von Christoph Drösser «Wenn die Dinge mit uns reden» habe ich mit grossem Gewinn gelesen. Allerdings musste ich es mehr als einmal lesen. Das erste Mal verschaffte ich mir eine Übersicht darüber, was uns der Autor bieten will. Dann überprüfte ich, ob ich verstanden hatte, was ich gelesen hatte.

Durch meine Aussage soll sich aber niemand von der Lektüre abschrecken lassen. Das «Büchlein» umfasst gegen 150 Seiten. Die acht Kapitel sind zwischen 15 und 30 Seiten lang. Sie beantworten Fragen, die wir gar nicht gestellt haben. Und vermitteln uns dadurch ein neues Verständnis dessen, was sich um uns herum in der digitalen Welt rasant entwickelt.

Dabei kann jedes Kapitel als Abhandlung für sich betrachtet werden. Es werden aber auch die Bezüge unter den einzelnen Themen hergestellt. Das einzelne Kapitel beschreibt, vertieft ein Thema, versieht dieses mit eingängigen Beispielen. Meist wird auch die historische Entwicklung kurz skizziert und auf bedeutende Persönlichkeiten hingewiesen.

Humor ist das Salz jedes Textes – sparsam dosiert und am richtigen Ort.

Sparsam wie Salz würzt da und dort auch Humor den Text. Im Grundsatz geht es um etwas Urmenschliches: um das «Reden miteinander». Das Neue ist, dass sich nicht ein Mensch mit einem anderen Menschen austauscht. Nein, die Kommunikation kann sich auch zwischen dem Menschen und einem Ding abspielen. Und das geschieht immer mehr, wir nehmen es gar nicht immer wahr. Ob uns das gefällt oder nicht: in diese Richtung bewegen wir uns.

Aber so einfach, wie das tönen mag, ist es nicht. In seinem Vorwort schreibt der Autor: «Wenn Sie dieses Buch lesen, ist es bereits veraltet. Tut mir leid, aber das ist unvermeidlich. Das Gebiet der Computerlinguistik (auf Englisch Natural Language Prodessing, NLP) gehört zu den dynamischsten Disziplinen der künstlichen Intelligenz KI), und die Zyklen der Innovation sind kürzer als der Lebenszyklus eines gedruckten Buchs».

Wir lernen die Sprachassistenten Siri, Alexa und Co. kennen. Beeindruckt haben mich kurze Ausführungen darüber, dass Eltern sich besorgt zeigten, in welchem Ton die Kinder mit Alexa sprechen. Wie wir lesen, hat die Herstellerfirma der Sprachassistentin bereits reagiert. Wenn die Kinder manierlich fragen, das Wörtchen «bitte» verwenden, dann füge Alexa der Antwort bei: «Übrigens danke, dass Du so nett gefragt hast».

Wir treffen auch auf «Roboterjournalisten und Fake-News-Generatoren». Im Zusammenhang mit den heutigen politischen Entwicklungen ein hoch interessantes Kapitel. Anhand eines einfachen Beispiels aus der Fussballwelt wird uns dieses Phänomen nahegebracht. In einer kurzen Mitteilung wird gemeldet, dass sich zwei Mannschaften mit dem Ergebnis 0:0 getrennt hätten, wobei auch Einzelheiten über die zweite Halbzeit nicht fehlen. In Wirklichkeit hat die zweite Halbzeit nicht stattgefunden. Der Platz war kurz nach Anpfiff durch Hagel und starken Regen unbespielbar geworden. Der Autor erläutert, wie diese Meldung, die er «Geister-Reportage» nennt, von einer Software aus Textbausteinen zusammengesetzt, entstehen konnte.

Interviews
Das Buch enthält auch Interviews mit Wissenschaftlern und Informatikern. Es ist aufschlussreich, wie die gut geführten Interviews die im Lauftext gestellten Fragen durch Eingehen auf besonders wichtige Punkte klären können. Sie weisen aber auch auf künftige Entwicklungen hin, die wir nicht aufmerksam genug beobachten und begleiten können.

Der Lehrbeauftragte für Informatik einer Universität in Grossbritannien, Leigh Clark, wird gefragt, was er davon halte, wenn eine emotionale Verbindung zwischen einem Sprachassistenten und einem Menschen zum Beispiel durch Einfügen von Füllwörtern in einen Redefluss, vorgetäuscht werde? Er sagt dazu, von mir verkürzt: «Wenn es nur um eine angenehmere Nutzererfahrung geht, ist das wahrscheinlich okay. Wenn es darum geht, Arbeitsplätze in der Pflege zu streichen und durch einen kleinen Roboter auf Rädern zu ersetzen, ist es bedenklich. Es kommt auf den Kontext an»
.
Das erinnert mich an den Aufruhr, den seinerzeit eine Meldung aus Japan verursachte. Darin hiess es, dass für Pensionäre eines Pflegeheimes kleine, mit Seehundfell überzogene Roboter als Kuscheltiere dienen würden. Dabei werde nicht deklariert, dass die Interaktion mit den Menschen maschinell sei.

In den Interviews, treffen wir immer auch auf Bekanntes, auf Neuigkeiten, die wir seinerzeit irgendwo in den Medien aufgeschnappt und mit Verwunderung, mit Erstaunen zur Kenntnis genommen hatten. Das Buch von Drösser konfrontiert uns knallhart mit der Realität, mit den Entwicklungen, die im Gang sind, mit den Möglichkeiten, die sich in Zukunft verwirklichen werden. Die «Künstliche Intelligenz», die entsprechenden Technologien werden die Gesellschaft und die Kommunikation, auch unter den Menschen, nicht nur mit Dingen, total verändern.

Der kluge Hans
Ein Vorteil des Buches ist es, dass es uns den nicht immer leicht verdaulichen Stoff durch vertraute Hinweise erträglich macht. So geschieht es auch mit der Geschichte des «klugen Hans». Das war ein Pferd, das um das Jahr 1900 herum Aufsehen erregte, weil es Rechenaufgaben lösen konnte, indem es entsprechend oft mit dem Huf schlug. In der Wissenschaft hat es als «Kluger-Hans-Effekt» überlebt. Ich überlasse es Leserinnen und Lesern, sich mit dieser spannenden Geschichte und deren Beziehung zum Thema des Buches vertraut zu machen.

Ob das wohl der Hans ist, der nicht nur wiehern, sondern auch rechnen konnte?

Es trifft zu, dass der Inhalt des Buches von Christoph Drösser nicht immer leicht zugänglich ist, manchmal nach einer zweiten Lesung verlangt. Für mich hängt das damit zusammen, dass ich nicht in der Welt dieses Buches aufgewachsen bin. Ich gehöre nicht zu den «digital natives», sondern zu den «digital immigrants». Aber das Buch bringt mich dazu, die Welt um mich herum aufmerksamer zu betrachten, auf sie aufmerksamer zu hören.

Es lohnt sich auf jeden Fall zu lernen, wie Tatsachenmeldungen von Fake-News und wahre Emotionen von gespielten Gefühlsaufwallungen unterschieden werden können. Für meine Generation ist das, wie ich in meinem Umfeld erlebe, nicht immer ein einfaches Bemühen. Aber ich meine, wir wollen uns auf keinen Fall «abhängen» lassen!

Christoph Drösser: „Wenn Dinge mit uns reden“ 2020 Duden Verlag, Berlin
ISBN 978-3-411-74225-7

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel