Deutschlands höchster Berg ist ein touristisches Erlebnis der Superlative: atemberaubende Aussicht, steile Felswände, moderne Gondeln. Die 2962 Meter hohe Zugspitze ist aber auch ein Ort, an dem der Klimawandel sichtbar wird. Ein Augenschein auf dem Gipfel in den bayerisch-österreichischen Alpen.
Wer auf der Zugspitze steht, hat zunächst nur Augen für die Schönheit. Das Panorama ist überwältigend. Gipfelketten ziehen sich bis zum Horizont, tief unten liegen Täler und Wälder sowie der idyllische Eibsee. Wolken wandern unter den Aussichtsterrassen vorbei. Was fehlt, ist Schnee, Eis, Kälte. An diesem Oktober-Mittag um 12 Uhr sind es 7 Grad plus. Es ist ungewöhnlich mild.
Ein historisches Foto zeigt kältere Zeiten mit Schnee.
Nicht nur in den Schweizer Alpen mit ihren Gletschern, auch auf dem höchsten Berg Deutschlands hat ein neues Kapitel der Klimageschichte begonnen. Es ist die Geschichte des verschwindenden Eises, steigender Temperaturen und einer Landschaft, die sich dramatisch verändert. Die aus aller Welt angereisten Touristen kümmert das wenig. Am Tag unseres Besuchs sind es vor allem Amerikanerinnen und Amerikaner. Auch Asiaten und einige Europäer sichten wir.
Zwei Seilbahnen, ein Gipfel
Einfahrt der Bayerischen Zugspitzenbahn.
Der Ausflug zum Gipfel beginnt wahlweise im deutschen Garmisch-Partenkirchen oder im österreichischen Ehrwald. Die Bayerische Zugspitzbahn oder die Tiroler Zugspitzbahn bieten sich als Transportmittel an. Unten im Tal liegen grüne Wiesen, Wälder, Hotels und Biergärten. Vorbei an kahlen Bergwänden, bizarren Felsformationen und Schutthalden geht die Fahrt in nur zehn Minuten auf fast 3000 Meter Höhe.
Es ist eine Reise durch verschiedene Klimazonen auf wenigen Kilometern. Mit steigenden Temperaturen verändert sich auch die Bergwelt. Pflanzen wandern in höhere Lagen, Schnee bleibt kürzer liegen, und die Zeit, in der die Landschaft von einer geschlossenen Schneedecke geprägt ist, wird kürzer. Im März 2026 wurde der Schneefernerkopf-Lift demontiert. Sommerskifahren? Kein Thema mehr.
Ausfahrt der Tiroler Zugspitzenbahn.
Die Zugspitze wird damit zu einem Ort, an dem die Folgen der Erderwärmung nicht abstrakt bleiben. Besonders deutlich zeigt sich der Klimawandel am Eis. Für die Besuchenden gehört ein Gletscher ganz selbstverständlich zum Bild der Hochalpen. Schnee, Eis und Felsen – so sieht für viele Menschen ein hoher Alpengipfel aus. Doch dieses Bild ist auf der Zugspitze nicht mehr selbstverständlich.
Seit Jahrzehnten werden Wetter, Temperaturen und Niederschläge in der Wetterwarte auf dem Gipfel aufgezeichnet. Noch liegen die Jahresdurchschnittstemperaturen im Frostbereich: Anfang des 20. Jahrhunderts waren es im Klimamittel minus 5 Grad Celsius, 2026 liegt das Mittel bei minus 3,5 Grad. Damit ist die Zugspitze nicht wirklich repräsentativ für den Alpenraum, der sich ähnlich wie Deutschland bereits um 2 bis 3 Grad erwärmt hat.
Grosser Felssturz
Fels und Schutthalden auf der Nordseite.
Auf einem Kamm der Zugspitz-Nordwand lösten sich am 22. September 2026 Geröllmassen. Das Gestein brach aber nicht bis ganz nach unten durch, sondern blieb unterhalb der Nordwand liegen, wie der Geologe Michael Krautblatter im BR24-Interview schildert. Er forscht am Lehrstuhl für Hangbewegungen an der Technischen Universität München. Nach Angaben der örtlichen Bergwacht wurde bei dem Ereignis niemand verletzt. «Alpinisten nutzen diesen Bereich üblicherweise nicht, da in dem Gebiet keine markierten Wege verlaufen», so Krautblatter.
Gipfelterrasse auf der österreichischen Seite.
«Die Ausbruchstelle liegt nahe am Gratbereich in grosser Höhe, in einem Sektor, in dem es Permafrost gibt», erklärt der Geologe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass stark aufgetauter Permafrost eine Rolle gespielt habe. Der Experte verweist auf den heissen Sommer: «Wir haben uns fast gedacht, dass irgendwo eine Masse rauskommen kann.» Bei Permafrost handelt es sich um dauerhaft gefrorene Böden, die neben den Polarregionen auch in hohen Gebirgslagen vorkommen. Taut dieser auf, fehlt der «Kleber», und Schutt sowie Felsen donnern zu Tal.
August 2024: Erster frostfreier Monat seit Beginn der Messungen
Die Temperaturrekorde auf der Zugspitze häufen sich. Im August 2024 wurde erstmals ein ganzer Monat ohne einen einzigen Frosttag registriert. Ein Frosttag ist ein Tag, an dem die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt.
Der Juni 2025 war auf der Zugspitze noch wärmer als üblich. Mit 5,4 °C war er der drittwärmste seit 1901, ausserdem war er viel trockener (38 Prozent des Klimamittels) und viel sonniger (176 Prozent des Klimamittels).
Gipfelterrasse auf der deutschen Seite.
Die Gletscher in den bayerischen Alpen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. Das Eis zieht sich zurück. Wo früher mächtige Gletscherflächen lagen, kommen Felsen und Geröll zum Vorschein. Gerade für Besucher, die regelmässig auf die Zugspitze kommen, wird die Veränderung sichtbar. Die Landschaft, die sie von früheren Ausflügen kennen, sieht nicht mehr gleich aus. Der Berg wird zu einem Archiv des Klimawandels.
Schnee ist nicht mehr garantiert
Die langfristige Entwicklung zeigt: Wärmeperioden, veränderte Niederschlagsmuster und steigende Temperaturen verändern die Schneeverhältnisse. Für den Tourismus hat das Folgen. Die Zugspitze ist nicht nur ein Aussichtsgipfel. Sie ist auch ein Wintersportgebiet. Skifahrer, Snowboarder und Ausflügler kommen im Winter wegen der hochalpinen Schneelandschaft. Was aber passiert, wenn der Schnee später kommt, früher verschwindet oder seine Qualität sich verändert?
Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol.
Paradoxerweise könnte der Klimawandel den Tourismus auf der Zugspitze zunächst sogar verändern, ohne dass die Besucherzahlen automatisch sinken. Wenn die Sommer im Flachland heisser werden, könnte die Sehnsucht nach kühleren Orten wachsen. 2026 hat gezeigt, dass die Berge zum Zufluchtsort vor der Sommerhitze werden. Auch auf der Zugspitze.
Doch diese Entwicklung hat auch eine Kehrseite. Je mehr Menschen vor der Hitze in die Berge fliehen, desto stärker wächst der Druck auf die empfindliche Alpenlandschaft. Mehr Besucher bedeuten mehr Verkehr, mehr Infrastruktur und eine grössere Belastung für die Natur. Die Zugspitze steht damit für ein Dilemma des modernen Tourismus: Menschen suchen in den Bergen jene Natur, die sie gleichzeitig durch ihren Besuch mitbelasten.
Auf den Aussichtsterrassen und in den Restaurants tummeln sich Touristen aus aller Welt. Wagemutige klettern zum Gipfelkreuz. Fotoapparate und Mobiltelefone sorgen dafür, dass der unvergessliche Moment festgehalten wird.
Klassische Postkarten im Angebot.
Der Souvenirshop an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland ist bedient. Das alte Zollhäuschen daneben steht dagegen leer. Am deutschen Imbissstand warten Menschen auf Weisswurst mit süssem Senf oder auf einen Teller Fritten. Die Bergdohlen freuen sich über die Abfälle.
Bald fällt hier der erste Schnee. Dann wird auch der Gipfel der Zugspitze wieder verschneit sein. Aber der nächste Hitzesommer kommt bestimmt. Und mit ihm der Blick auf schneefreie Felswände und Geröllhalden.
Blick in die Geschichte
Die Erschliessung der Zugspitze ist eine Geschichte, in der sich Alpinismus, technische Pionierleistungen und Massentourismus verbinden. Am 27. August 1820 gelang dem bayerischen Leutnant und Vermessungsingenieur Josef Naus (Foto) gemeinsam mit dem Bergführer Johann Georg Tauschl und dem Messgehilfen Maier die erste nachweislich dokumentierte Besteigung. Naus war im Auftrag des Königlich-Bayerischen Topographischen Büros unterwegs, um das Werdenfelser Land zu vermessen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte die touristische Erschliessung ein. Um 1870 begleiteten Bergführer erste exklusive Gäste auf den Gipfel. 1851 wurde ein Gipfelkreuz errichtet; Ende des Jahrhunderts entstanden mit dem «Münchner Haus» und einer Wetterwarte erste dauerhafte Einrichtungen in der hochalpinen Welt.
Der entscheidende technische Durchbruch kam im 20. Jahrhundert. Auf österreichischer Seite wurde 1926 die Tiroler Zugspitzbahn eröffnet. Auf bayerischer Seite erreichte 1930 die Zahnradbahn das Schneefernerhaus; 1931 folgte eine Seilschwebebahn auf den Gipfel. Damit wurde die Zugspitze endgültig für den Massentourismus zugänglich. Eine Ausstellung auf der österreichischen Seite erzählt die Geschichte der Erschliessung.
Titelbild: Die Besteigung des Gipfels mit dem Gipfelkreuz braucht Mut – auch ohne Schnee. Alle Fotos: PS
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