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Das Gesetz des ewigen Lebens

 Am Anfang allen Lebens steht der Tod: Wenn in der Natur etwas abstirbt, entsteht daraus neues Leben. Ein Buch des Biologen und Verhaltensforschers Bernd Heinrich über das grosse Recycling.

In Leben ohne Ende geht es um Verenden und Verwesen, Verrotten und Verrecken, und es geht ums Gefressenwerden. All dieses Sterben ist der Ursprung neuen Lebens, denn aus jedem Toten wird wieder Lebendiges: «Alle Körper bestehen aus verbundenen Kohlenstoffatomen, die später zerlegt und als Kohlendioxid freigesetzt werden. Das Kohlendioxid, das die Pflanzen aufnehmen, um daraus ihren Körper zu bilden, stammt von anderen Körpern, die durch die Tätigkeit von Bakterien und Pilzen allgemein verfügbar wurden.»

Auch unter dieser Schneelast am Schamserberg gibt es Leben.

Was ist der Tod? Immer noch ein Rätsel, oder gar das ewige Leben – wenn man es ganzheitlich betrachtet, das Gestorbene nicht aus dem Kreislauf der Natur wegsperrt? Der Naturforscher Bernd Heinrich begann, systematisch über den Tod nachzudenken und zu forschen, als ihn ein befreundeter Ökologe bat, in seinem Wald bestattet zu werden – nicht vergiftet mit Formaldehyd in einem tief versenkten Sarg, auch nicht in einer Urne, die beide das natürliche Recycling verunmöglichen oder zumindest erschweren, sondern einfach ausgelegt für die Bestatter des Waldes, die Wölfe, Kojoten, Raben, Geier, Käfer, Fliegen, Bakterien, Pilze und was auch immer sich davon ernähren kann.

Totengräberkäfer und Larven aus Brehms Tierleben 1887

Zunächst mochte ich das Buch von Heinrich gar nicht lesen, denn es beginnt gleich heftig mit Käfern der Spezies Totengräber, die Kadaver von Mäusen vergraben, oder bestatten, wie Heinrich sagt. Genau beschrieben, so dass einen leichter Ekel überfallen kann. Aber es zog mich magisch weiter in den Text, als wäre es ein Thriller: Es geht um Leben und Tod, um Totes, aus dem Leben entsteht. Und vor allem faszinierte mich, wie engagiert und philosophisch, zugleich aber sachlich und wissenschaftlich der Forscher an sein Thema herangeht, wie er die Abläufe der Bestattung in der Natur beobachtet, wie er seine Versuche aufbaut und beobachtet, wenn er beispielsweise einen Kadaver in seinem Waldstück in Maine auslegt und verfolgt, wer ihn besucht und wie er verschwindet und damit rezykliert zu neuem Leben wird, wobei er uns die Beschreibung des Geruchs nicht vorenthält.


Das Kapitel über Pflanzenbestatter mit einer der Grafiken von Buchdesignerin Pauline Altmann

Seine Forschungen führten ihn auch nach Afrika: Der Pillendreher wird zusammen mit Artgenossen mit gigantischen Dunghaufen von Elefanten fertig – zu Kugeln gedreht, im Boden versorgt als Nahrung für Nachkommen, wobei auch die Finten der rivalisierenden Käfer dem beobachtenden Forscher nicht entgehen. Er findet heraus, dass die Termiten beim Bau ihrer Paläste einen Baustoff erzeugen, der dem synthetischen Plastik sehr ähnlich ist, der jedoch wieder in den natürlichen Kohlenstoff-Kreislauf zurückgeführt werden kann, während die synthetischen Stoffe schwer bis gar nicht mehr abbaubar sind.

Beobachtet hat er 1995 den Prozess der Verwertung eines Giraffenbullen, der altersschwach von Löwen gerissen, danach von Hyänen und Schakalen weiter ausgeweidet und später von hunderten von Aasgeiern gefressen wurde, bis schliesslich Insekten die letzten Reste für ihre Brut verwerten. Und er verweist auf die Mistkäfer, welche die Exkremente der Aasfresser für ihre Brut nutzen und damit auch das Gras düngen.

Pillendreher mit einer Mistkugel. Foto: Tashkoskim, Wikicommons

Heinrichs Tod-und-Auferstehungsbuch ist umfassend. Nicht im Sinne von Religion, nicht im Sinne von Glauben, sondern in der Beobachtung der Natur, wobei er in seinen Schlussfolgerungen auch auf die Spezies Mensch und dessen fatalen Raubbau an den Ressourcen fokussiert.

Schon Frühmenschen gelang es, Tierarten, von denen sie sich ernährten, auszurotten, weil sie offensichtlich schon damals nicht nachhaltig handelten, während andere Prädatoren ihre Nahrungsgrundlage nicht total vernichten. Und mit wachsendem Gehirn (dank eiweisshaltiger Kost) lernten die Hominiden grosse Tiere jagen. Der Mensch entfernte sich – zivilisiert – immer weiter weg vom Kreislauf der Natur bis zum heutigen Stand der Klimaerwärmung und der Naturzerstörung, – Stichwort Insektensterben, oder auch Pandemie – für die er mehr Verantwortung trägt als andere Organismen.

«Für viele Beutearten war die Ankunft der Hominiden ähnlich verheerend wie die Verbreitung des Pockenvirus in Amerika – oder wie ein Flächenbrand auf trockenem Gras,» sagt Heinrich und fährt fort: «Der Kult um die grösste Beute war in früheren Zeiten sicherlich so ausgeprägt wie heute, denn sie war nicht nur ein Massstab für Erfolg, sondern auch die Basis fürs Überleben.» Und er folgert, wir hätten noch nicht erkannt, «dass die Technologie, über die wir verfügen, wie die Streichholzschachtel in Kinderhand ist.»

Wenn er sein Herz nicht spenden könnte, würde er es nach seinem Ableben am liebsten einem Raben schenken. Zeichnung von Bernd Heinrich

Aber Heinrich bleibt Ökologe, auch da, wo er über den Glauben und die Kultur nachdenkt, die er in seinem Kosmos als Bausteine der grossen Metamorphose sieht. Immer wieder konfrontiert er uns mit seinen Beobachtungen, beispielsweise mit dem Kolkrabenpaar, dessen Gesänge der Verhaltensforscher deuten lernte. Raben sind die wichtigsten Aasfresser der nördlichen Hemisphäre: Sobald ein grosser Tierkadaver von Säugetieren aufgerissen ist, erscheinen die Raben und vergraben das Fleisch stückweise für später. Nicht nur Tiere, auch Pflanzen werden im grossen Kreislauf bestattet – jeden Herbst die Blätter der Bäume beispielsweise. Heinrich lässt sie auch auf dem Rasen liegen, so wird derselbe während der kalten Jahreszeit gut durchlüftet, denn jedes Blatt verschwindet irgendwann in der Erde, heruntergezogen von einem Regenwurm. Wenn der Baum stirbt, spendet er Insekten – ja, der Borkenkäfer ist mitgemeint – und Pilzen Nahrung, bis er wieder als Humus neuen Bäumen das Wachstum ermöglicht.

Bernd Heinrichs Buch Leben ohne Ende ist eins der schönsten Bücher neuerer Produktion, erschienen als 48. Band der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky. In Leinen gebunden, gestaltet und bei jedem Kapitel mit Grafiken von Mikroorganismen illustriert von Pauline Altmann, übersetzt von Heiner Kober. Nebst einem ausführlichen Literaturverzeichnis hat Bernd Heinrich seinen Text mit eigenen Zeichnungen seiner «Bestatter» aufgelockert.

Der Zoologe Bernd Heinrich (*1940) kam als Zehnjähriger aus Polen nach Amerika und wurde bekannt als Ultralangstreckenläufer und Forscher über Hummeln, Wildgänse und Raben. Er lebt als emeritierter Professor für Zoologie an der Universität Vermont in Maine. Den Wunsch seines Freunds konnte Heinrich – wie er am Schluss des Texts ausführt – nicht erfüllen, weil er damit Gesetze übertreten hätte, aber er brachte ihn zum Nachdenken über seine Bestattung: Nachdem er alle möglichen Organe gespendet hat, sieht er sich nach einer kleinen Zeremonie in den Wäldern «vielleicht in einer Fichtenkiste unter einem Baum», verbunden mit «dem Leben in der Natur unserer Erde.»

 

Titelbild: Kolkrabe im Flug am Dent de Vaulion in der Schweiz. Foto: Pmau, Wikicommons
Fotos: Eva Caflisch
Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen. Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2019. ISBN: 978-3-95757-618-7

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